16.10.2018, 08:04 Uhr

Freigeräumt Tief unter Schutt und Erde verbargen sich Regens vergessene „Kellerschätze“


Vor zehn Jahren legten die Postkellerfreunde Regen den ersten Felsenkeller frei.

REGEN Manchmal sind es kleine Zufälle, die das ganze Leben verändern oder auf den Kopf stellen – so ist das auch bei Sigrid Schiller-Bauer passiert. Im April 2008 hat ihre Mutter Annemarie Schiller wieder einmal eine Stadtführung in Regen gemacht. Mit dabei war auch Anton Bernreiter vom Verein „Unterirdisches Zwiesel“. Und als man entlang der Pfleggasse hochmarschierte und den Erzählungen über die historische Straße lauschte, fragte Anton Bernreiter bei einem Loch an der linken Straßenseite: „Was habt ihr denn da?“ Die Antwort fand Sigrid Schiller-Bauer schon einen Tag später heraus.

Von der Neugier gepackt machte sie sich noch einmal zu der Stelle auf, wo das Loch zu sehen war und kroch durch die kleine Öffnung. Was sie mit ihrer Mutter dahinter fand, ließ sie nicht mehr los — bis heute. Hinter dem Loch entdeckten die beiden Frauen einen großen Keller, der total zugemüllt und verschüttet war. Doch ihr Ziel war klar: Diesen Keller legen wir frei!

Gedacht, getan: Und so packte die gesamte Familie mit an. Monate lang und in mühevoller Handarbeit räumten sie den Keller leer beziehungsweise brachten ihn auf Vordermann. „Wir haben uns in den Kopf gesetzt, den Keller beim Tag des offenen Denkmals 2008 herzuzeigen“, erinnert sich Sigrid Schiller-Bauer. Und gemeinsam haben sie es auch geschafft.

Im September 2008 war der Eingang fertig, der Keller vorzeigbar und die ersten Gäste wurden erwartet. „Für uns war das sehr spannend, denn wir wussten ja nicht, ob unsere Arbeit auf allgemeines Interesse stoßen würde“, sagt die heute 48-Jährige. Doch die Leute waren wohl genauso neugierig, wie Sigrid Schiller-Bauer damals, als sie das erste Mal in das Erdloch rutschte. Insgesamt 500 Leute standen am Tag des offenen Denkmals vor der Kellertüre. Ein voller Erfolg, der die Familie weiter beflügelte und natürlich auch andere Interessierte anlockte.

Heute gibt es 250 Postkellerfreunde

Was 2008 als Familienaktion begann, ist heute eine erfolgreiche Vereinsgeschichte. 2009 wurde die Postkellerfreunde e.V. gegründet. 26 Gründungsmitglieder, darunter elf Kinder, zählte der Verein damals. Heute sind es 250 Mitglieder und das sogar in ganz Europa!

Mittlerweile hat der Verein insgesamt sieben Keller freigelegt, die sich im Besitz der Stadt Regen befinden, und die unterirdischen Räume aus dem Dornröschenschlaf geweckt. In unzähligen ehrenamtlich geleisteten Stunden wurden die Keller nicht nur von Müll und Gerümpel befreit, auch die Zugänge wurden neu gemauert und überall wurden Strom- und Wasserleitungen verlegt. Ziel des Vereins war es immer, die Keller mit Leben zu füllen. Und das ist ihnen wahrlich gelungen. Heute finden hier Führungen und standesamtliche Trauungen statt. Auch für private Feiern kann ein Keller angemietet werden oder der Verein veranstaltet dort selbst in den Wintermonaten Feste, Lesungen, Kabaretts, Konzerte und vieles mehr.

Die Geschichte der Eis- und Bierkeller in der Pfleggasse in Regen reicht viele Jahrhunderte zurück. „Insgesamt gibt es 23 Keller hier, die in Stadt- oder Privatbesitz sind. Zum ersten Mal wurde 1675 einer dieser Keller, der Pius-Keller, urkundlich erwähnt“, weiß das Gründungsmitglied, doch wahrscheinlich sind die Keller sogar noch älter. Genutzt wurden die Felsenkeller als Lagerräume für Bier und Nahrungsmittel vor allem von den damaligen Regener Brauereien und Gaststätten. Auch ein Eiskeller befindet sich darunter. Denn um das Bier im Sommer kühlen zu können wurden aus dem Regen dicke Eisblöcke herausgeschnitten und unter Tage eingelagert.

Bis in die 60er Jahre hinein wurden die Keller als Lagerräume benutzt, danach gerieten sie in Vergessenheit, dienten mehr als Rumpelkammer und wuchsen sogar komplett zu – bis die Postkellerfreunde kamen ...

Wer mehr über die Felsenkeller erfahren möchte, der findet alle Infos auf der Homepage unter www.postkellerfreunde-regen.de. Unter der „Kellerhotline“ 0170/3635914 können jederzeit Führungen und Hochzeiten gebucht werden.


0 Kommentare