26.07.2019, 09:50 Uhr

Gewalt und Missbrauch bei Domspatzen „Es schmerzt mich und es tut mir in der Seele weh!“

Bischof Rudolf Voderholzer ist – anders wie sein Vorgänger – an der Aufklärung der Vorgänge bei den Domspatzen interessiert. (Foto: Robert Piffer)Bischof Rudolf Voderholzer ist – anders wie sein Vorgänger – an der Aufklärung der Vorgänge bei den Domspatzen interessiert. (Foto: Robert Piffer)

Das Bistum Regensburg kümmert sich weiter um die Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt bei den Regensburger Domspatzen. Am Montag, 22. Juli, wurden dazu zwei Studien vorgestellt.

REGENSBURG Es sind die Termine, die dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer schwer fallen. „Es schmerzt mich und es tut mir in der Seele weh“, so Voderholzer am Montag. Er habe mit vielen Betroffenen sprechen können, dies sei ihm sehr wichtig gewesen, „um persönlich um Vergebung bitten zu können“. Er habe auch festgestellt, dass die Aufarbeitung intensiviert werden muss.

Das Vier-Säulen-Modell des Bistums zur Aufarbeitung der Fälle besteht aus einer unabhängigen Anlaufstelle für Betroffene, diese wurde beim Münchner Informationszentrum für Männer, kurz MIM, angesiedelt. Das Angebot sei gut angenommen worden, bis heute nutzt es eine kleine Gruppe von Betroffenen. Als zweite Säule wurde das Anerkennungsgremium installiert. Hier wurde über die Zahlungen an die Opfer entscheiden. 367 Betroffenen erhielten Zahlungen zwischen 2.500 Und 25.000 Euro. Insgesamt wurden fast 3,8 Millionen Euro ausgezahlt. Mit den nun vorliegenden Studien – eine geschichtswissenschaftliche Forschungsarbeit, erstellt von Prof. Dr. Bernhard Löffler und Dr. Bernhard Frings von der Uni Regensburg, und eine sozialwissenschaftliche Aufarbeitungsstudie, erstellt von der Kriminologischen Zentralstelle (KRIMZ) in Wiesbaden – gibt es nun weitere Bausteine. Letzter Schritt wird dann die Enthüllung eines Mahnmals auf dem Gelände der Regensburger Domspatzen Anfang 2020 sein, so Voderholzer.

Prof. Dr. Bernhard Löffler, Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische Landesgeschichte der Universität Regensburg, berichtete, dass vor allem unklare Hierarchien und die Tatsache, dass der Chor immer als das Wichtigste angesehen wurde, zu einem Klima geführt hätten, das Gewalt und Missbrauch möglich gemacht habe. Der Schüler selbst habe nicht interessiert, im Vordergrund stand, gute Stimmen für den Chor zu rekrutieren.

Hier schließen die Erkenntnisse der KRIMZ an. Prof. Dr. Martin Rettenberger berichtete, dass die Vorschule der Domspatzen als „totale Institution“ konzipiert war, „die alle Lebensbereiche der Schüler steuerte und kontrollierte“. Auch das Musikgymnasium und das Internat zeigten diese Merkmale besonders die ersten 25 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Es handelte sich um ein geschlossenes System, das von außen kaum angreifbar war.

In der Vorschule – also in der dritten und vierten Klasse – habe es von 1945 bis 1992 psychische, physische und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung gegeben, die Gefahr für die Schüler bestand dabei den ganzen Tag – auch nachts waren sie nicht sicher. Die Strafen folgten „kontinuierlich und wiederkehrend, unmittelbar und auch verzögert“, so Rettenberger. Es gab bewusst inszenierte, öffentliche Bestrafungen, aber auch nicht-öffentliche. Schüler, die nach der Vorschule dann das Musikgymnasium besuchten, berichteten, dass die Strafen mit der Zeit abnahmen, weniger variantenreich waren und weniger schwerwiegend als im Vergleich zur Vorschule. Die Strafen erfolgten hier meist unmittelbar und in der Tendenz öffentlich. Sexualisierte Gewalt habe es hier vor allem in den 50er- bis in die 70er-Jahre hinein gegeben, berichtete Rettenberger.

Lisanne Breiling von der KRIMZ betonte, dass die Maßnahmen, die mittlerweile ergriffen worden sind, um solche Übergriffe auf die Schüler zu verhindern, durchaus geeignet seien. Grundsätzlich wäre es gut, diese Maßnahmen durch externe Fachleute zu optimieren und die praktische Umsetzung im Alltag der Einrichtung zu evaluieren.

Für viele schwer verständlich ist die Tatsache, dass auch manche Eltern oder Großeltern von den Vorgängen bei den Domspatzen wussten, aber nicht eingriffen. Dr. Matthias Rau von der KRIMZ berichtete, dass einem Teil der Eltern die Ausmaße wohl nicht bewusst waren, anderen fehlten die Informationen ganz. Letztlich müsse man hier auch den Kontext der Zeit sehen, manchen Eltern mag es durchaus auch gefallen haben, dass bei den Domspatzen strenge Regeln gelten. Andererseits haben auch viele Eltern ihre Kinder frühzeitig wieder von den Domspatzen weggeholt – meist aber ohne Angabe von Gründen. Hier müsse man davon ausgehen, dass einige dies taten, weil sie eben nicht mit den Methoden einverstanden waren. Auch einige Gerichtsverfahren hat es gegeben, der große Aufbruch kam aber erst 2010 – im Zuge weiterer Skandale, zum Beispiel am Canisius-Kolleg Berlin oder an der Klosterschule Ettal. Die Frage nach einem systemischen Versagen wurde aufgeworfen, gerade in Regensburg hatte man mit Georg Ratzinger, dem Bruder des Papstes, und Bischof Gerhard Ludwig Müller zwei Personen, die mit ihren Verhaltensweisen zu öffentlichem Interesse beitrugen. Für Georg Ratzinger stellen Löffler und Frings fest, dass die Einschätzung als „ambivalent“ zu sehen ist. „Auch bei Ratzinger sind diverse Formen von Gewaltanwendung zu greifen, die Neigung zu Jähzorn und überzogener Strenge in Drucksituationen während der Chorproben, einschließlich der Ausübung harter Körperstrafen und psychischer Demütigungen.“ Ein sadistisches System könne man bei Ratzinger jedoch nicht erkennen, „da erscheinen bei ihm die Gewaltausbrüche viel eruptiver bzw. reaktiver“.

Was man nicht bestätigen könne, sei die These, dass die Generation der 68er schuld an den Missbrauchsfällen sei. Es gebe einen einzigen Fall, bei dem sich der Täter als den 68ern zugehörig bezeichnet hatte. Ansonsten gebe es keinen Zusammenhang, so Löffler. Rettenberger ergänzte, dass diese These an sich ja nicht neu sei, es handle sich aber nur um eine sehr, sehr kleine Tätergruppe. Diese These sei im Kontext der Domspatzen „völlig verfehlt“.

Bischof Rudolf Voderholzer betonte nochmals, dass es ihm ein großes Anliegen sei, „Licht in die Sache zu bringen“. „Wir müssen wissen, wie es dazu gekommen ist und was wir tun können, damit es nicht mehr passiert!“ Er sei dankbar für die neuen Erkenntnisse, die die beiden Studien gebracht haben. „Wir müssen nach vorne schauen und da geht es um Prävention, Prävention, Prävention!“ Man sei hier – gemeinsam mit den anderen deutschen Bistümern – auf einem guten Weg.


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