28.06.2018, 10:50 Uhr

„Große Politik für kleine Leute“ Caritas und Diakonie machen Kinderarmut zum Thema

(Foto: Wolfgang Filser/123rf.com)(Foto: Wolfgang Filser/123rf.com)

Beengtes Wohnen, wenig Geld für gesundes Essen, Bildung, Hobbies oder Urlaub und nur geringe Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg: Als Kind Armut zu erleben oder das eigene Kind in Armut aufwachsen zu sehen, bringt viele Schwierigkeiten mit sich – umso mehr, wenn es kaum ein Entrinnen aus der Armut gibt. Deshalb haken Caritas und Diakonie vor den Landtagswahlen bei den Kandidaten nach.

PASSAU Das Sozialpolitische Forum „Große Politik für kleine Leute“ am Dienstag, 17. Juli, im Eulenspiegel-Zelt an der Ortsspitze in Passau will Anstöße geben. „Damit die große Politik sich um die Kinder und jungen Menschen kümmert“, wie Caritasdirektor Michael Endres und Dekan Dr. Wolfgang Bub als 1. Vorsitzender des Diakonischen Werkes betonen. 

Mehr als jedes fünfte Kind ist hierzulande laut Bertelsmann-Studie von Armut bedroht. Eine Armutsgefährdung liegt für ein Kind per Definition dann vor, wenn es in einer Familie lebt, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Familieneinkommens verfügt. Rechnet man die Kinder hinzu, die immer mal wieder unter die Armutsrisikogrenze fallen, ist gar jedes dritte Kind im Laufe seiner Kindheit zumindest zeitweise arm, und diese Zahl nimmt zu. 

Caritas und Diakonie machen im Beratungsalltag auch für Passau und den Landkreis die bedrückende Erfahrung, „dass junge Menschen in Alleinverdiener-Familien, als Kind allein erziehender Mütter, in kinderreichen Familien oder als Kind geringqualifizierter Eltern im SGB-II-Leistungsbezug (Hartz IV) signifikant schlechtere Zukunftschancen haben“. 

Deshalb kommen beim Sozialpolitischen Forum vor den Politikern Betroffene zu Wort: Eine alleinerziehende Frau und vom Sozialdienst Kinderklinik Dritter Orden Passau, Reinhilde Bauer, stellen ihre Situation und Erfahrung vor. Moderiert vom stellvertretenden Chefredakteur der Passauer Neuen Presse, Alexander Kain, bleibt genügend Platz für die Diskussion mit dem Publikum. 

Damit Eltern sich daran beteiligen können, werden Kinder während der Veranstaltung betreut. Bereits ab 16 Uhr findet mit dem Kinderschutzbund ein Kinder- und Familienprogramm statt. Musikalisch begleitet den Abend die Band „Team Rocking“ aus dem Caritas-Förderzentrum St. Ulrich für Kinder und Jugendliche in Pocking.     

Stimmen aus Beratungsdiensten zu Kinderarmut: 

Armut ist schambesetzt

Kinderarmut ist bei uns sehr aktuell und oft akut; besonders bei den alleinerziehenden Eltern, wenn die Arbeitstätigkeit nicht ausreichend entlohnt wird. Viele wollen Hartz IV vermeiden und stressen sich mit mehreren Jobs, um über die Runden zu kommen. Häufig ist das Thema „Armut“ besonders schambesetzt. Dies verhindert auch die Inanspruchnahme öffentlicher Hilfen. Letztlich wird dadurch die Teilhabe der Kinder am „normalen“ Leben massiv erschwert. (Albert Meindl, Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung, Caritasverband für die Diözese Passau e.V.)

Kinderarmut diskriminiert

Kinderarmut ist immer ursächlich eine Armut der Eltern und betrifft alle Bereiche des Lebens: Gesundheit, Bildung, Ernährung. Das Einkommen reicht gerade, um die nötigsten Bedarfe in den Familien zu decken. Finanzielle Nöte bergen in den Familien oft ein hohes Konfliktpotential, von dem die Kinder betroffen sind. Nicht selten leiden diese auch an Mobbing oder Diskriminierung durch andere Kinder. Wir begleiten eine Familie, die neben dem Säugling zwei größere Söhne hat, die für ihr Leben gerne Fußball spielen. Aber für Fußballschuhe reicht das Geld nicht. Dieses Beispiel lässt sich auf fast alle gesellschaftlichen Unternehmungen übertragen. (Irene Kriegl, Caritas Schwangerschaftsberatung)

100 Anträge für Hilfen

Kinderarmut nimmt zu. Im letzten Jahr haben wir für Familien mit Kindern aus Stadt und Landkreis Passau rund 100 Hilfsanträge an Sozialstiftungen gestellt. Die Probleme für die Kinder fallen meist auf, wenn Gelder für die Schule oder für Klassenfahrten aufgebracht werden müssen. Hier reichen die Leistungen aus dem staatlichen Teilhabepaket nicht aus. Diese Kinder müssen häufig auf vieles verzichten, wie Klassenfahrten oder Musikunterricht. Auch Nachhilfe ist ein Problem, da im Teilhabepaket die Nachhilfe nur übernommen wird, wenn die Versetzung gefährdet ist. Nachhilfe sollte aber schon früher einsetzen. (Sabine Weiß, Allgemeine Sozialberatung beim Caritasverband für Stadt und Landkreis Passau e.V.)

Kurz Info für Terminankündigung

Das Sozialpolitische Forum zur Landtagswahl von Caritas und Diakonie; Die Kandidaten der CSU, SPD, Bündnis90/Die Grünen, ÖDP, FDP, Freie Wähler, Die Linke und AfD zum brisanten Thema Kinderarmut. Dienstag, 17. Juli, von 19 bis 20.30 Uhr; ab 16 Uhr Kinder- und Familienprogramm; in Passau, Eulenspiegel-Zelt an der Ortspitze; Veranstalter: Arbeitskreis der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege Stadt und Landkreis Passau


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