18.11.2019, 22:26 Uhr

Alarmierend Welt-Antibiotika-Tag – Weltgesundheitsorganisation warnt vor Verbreitung von Antibiotikaresistenzen

PD Dr. Andreas Ambrosch (Barmherzige Brüder Regensburg), Dr. Benedikt Lampl (Gesundheitsamt), Prof. Dr. Wulf Schneider (UKR), Dr. Thomas Koch (Regensburger Ärztenetz) und Dr. Anna-Philine Karl (Barmherzige Brüder Regensburg). (Foto: Stephanie Tschautscher)PD Dr. Andreas Ambrosch (Barmherzige Brüder Regensburg), Dr. Benedikt Lampl (Gesundheitsamt), Prof. Dr. Wulf Schneider (UKR), Dr. Thomas Koch (Regensburger Ärztenetz) und Dr. Anna-Philine Karl (Barmherzige Brüder Regensburg). (Foto: Stephanie Tschautscher)

Jährlich am 18. November warnt die Weltgesundheitsorganisation am Welt-Antibiotika-Tag vor der alarmierenden Verbreitung von Antibiotikaresistenzen. Das Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg, das Universitätsklinikum Regensburg (UKR), das Regensburger Ärztenetz und das Gesundheitsamt des Landkreises Regensburg wollen daher gemeinsam aufklären, wo die Probleme liegen und welche Maßnahmen hier in der Region Regensburg gegen multiresistente Keime in Angriff genommen werden.

REGENSBURG Kaum ist der Herbst da, häufen sich die Erkältungskrankheiten: Husten, Halsschmerzen und Schnupfen greifen um sich. Und in einigen Wochen wird wieder die Grippe Einzug halten und viele Menschen für mindestens zwei Wochen ins Bett befördern. „Jetzt schnell ein Antibiotikum“, denken viele Erkrankte. Doch Antibiotika wirken nicht gegen Erkältungen oder Grippe, da diese durch Viren verursacht werden. Antibiotika bekämpfen nur bakterielle Erkrankungen.

Infektionsanzahl steigt

Ein Sechstel der Europäer weiß jedoch nicht, dass Antibiotika durch falschen Gebrauch an Wirksamkeit einbüßen. Bei zu häufiger, zu kurzer oder zu langer Einnahme des Medikaments werden die Bakterien unempfindlich gegen den Wirkstoff und können daher nicht mehr abgetötet werden. Die unsachgemäße Verwendung führt dazu, dass in der Bevölkerung weltweit die Zahl der Infektionen mit solchen Keimen rasant zunimmt. Neuste Daten bestätigen: Immer mehr Menschen infizieren sich mit antibiotika-resistenten Bakterien. Ist man dann zusätzlich immungeschwächt, kann eine Lungenentzündung oder Wundinfektion schon mal tödlich enden. Allein in Deutschland kommt es daher zu rund 2.000 Todesfällen im Jahr, europaweit sogar zu 33.000 Todesfällen. Kein Wunder, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO das Problem der multiresistenten Erreger als eine der wichtigsten globalen Herausforderungen ansieht.

Viele Studien haben zudem inzwischen gezeigt, dass zu viele Antibiotika nicht nur Resistenzen bei Bakterien generieren, sondern Patienten von der unselektiven Wirkung von Antibiotika sogar dauerhaften Schaden nehmen können.

Antibiotika-Projekte in der Region Regensburg

Die Region Regensburg wappnet sich gegen die Problematik. Am Universitätsklinikum Regensburg, am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg und am Gesundheitsamt des Landkreises laufen verschiedene Projekte mit dem Ziel der Prävention, der Behandlung und der Erforschung von Infektionen durch multiresistente Keime. Auch die niedergelassenen Ärzte in Regensburg beschäftigen sich intensiv mit dem sinnvollen Umgang von Antibiotika, schließlich werden in Deutschland 85 Prozent der Antibiotika im ambulanten Bereich verschrieben. So beteiligt sich das Regensburger Ärztenetz am Programm ARENA (Antibiotika-Resistenz-Entwicklung nachhaltig abwenden), welches vom Innovationsfonds des Bundesgesundheitsministeriums gefördert wird. „Das Ziel des jetzt aufgelegten Projekts besteht im Wesentlichen darin, den Einsatz von Antibiotika auf ein sinnvolles Maß zurückzufahren und ein Problembewusstsein bei Ärzten, Patienten und in der Öffentlichkeit zu schaffen“, erklärt Dr. med. Thomas Koch, Geschäftsführer des Ärztenetzes.

Screening im Krankenhaus

In den Regensburger Kliniken haben sich spezielle Antibiotika-Expertenteams aus Infektiologen, Mikrobiologen und Apothekern zusammengeschlossen, welche den Kollegen im Umgang mit dem Medikament beratend zur Seite stehen. Antibiotic Stewardship, kurz ABS, heißt der Fachausdruck für die umsichtige, kontrollierte und angemessene Anwendung eines Antibiotikums.

Vor dem Erwerb der multiresistenten Keime bei einem Krankenhausaufenthalt haben besonders viele Menschen Angst. „Unsere eigenen Untersuchungen zeigen jedoch, dass 90 Prozent der infizierten Patienten selbst die häufigsten multiresistenten Keime mit ins Krankenhaus bringen und sich daher nicht erst im Krankenhaus damit anstecken“, erklärt Privatdozent Dr. Andreas Ambrosch, Leiter des Instituts für Labormedizin, Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg. Systematisch prüft sein Team jeden Risikopatienten ab, der ins Notfallzentrum der Barmherzigen Brüder eingeliefert wird. Bis zu zehn Prozent der untersuchten Patienten sind inzwischen von den Keimen betroffen. Diese werden sogleich isoliert, um eine Ausbreitung im Krankenhaus zu vermeiden. „Hier ist jetzt ein gutes Hygienemanagement gefragt“, betont Dr. Ambrosch.

Erforschung der Übertragungswege

Diesen Weg verfolgt auch das Universitätsklinikum Regensburg. Seit 2017 ist hier in Person von Professor Dr. Wulf Schneider die bayernweit erste Professur für Krankenhaushygiene angesiedelt, 2019 folgte unter seiner Leitung die Gründung der Abteilung für Krankenhaushygiene und Infektiologie. „Diese strukturelle Veränderung hat uns völlig neue Möglichkeiten zur Forschung und Präventionsarbeit eröffnet“, erläutert Professor Schneider. Werden bei Patienten multiresistente Keime entdeckt, untersucht sein Team in einem hochspezialisierten Labor deren Genom. „Dadurch können wir die Übertragungswege der Keime genau nachvollziehen und einer Verbreitung rasch entgegenwirken“, so Professor Schneider weiter. Darüber hinaus werden am UKR derzeit zwei verschiedene Möglichkeiten der antimikrobiellen Oberflächenbeschichtung getestet, um Bakterien und Keimen gerade in hochfrequentierten Bereichen gar nicht erst die Möglichkeit zur Übertragung zu geben. Neben diesen präventiven Arbeiten sind die Infektiologen der Abteilung aktiv in der Patientenversorgung beteiligt und beraten und behandeln, wenn es zu Infektionen gekommen ist, gerade auch in Fällen von Antibiotika-Resistenzen. Die Experten der Abteilung sind nicht nur im UKR aktiv, sondern beraten auch eine Vielzahl an externen Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen in Hygienefragen. „Das Zusammenspiel aus aktiver Präventionsleistung und Patientenbehandlung zahlt sich aus“, meint Professor Schneider.

Gold-Status: Aktion „Saubere Hände“

So verfügen das UKR und das Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg über den Gold-Status in Sachen Händehygiene, über den die bundesweite Aktion Saubere Hände in regelmäßigen Abständen entscheidet.

Dass die Resistenzen nur in den Kliniken verbreitet werden, ist übrigens nur zum Teil richtig. Resistente Erreger können inzwischen selbst bei Kindern und jungen Menschen nachgewiesen werden, die bislang keinerlei Kontakt zu Krankenhäusern und sonstigen Gesundheitseinrichtungen hatten.

Infektionsmedizinisches Netzwerk bündelt

„Für Regensburg steht das Infektionshygienische Netzwerk Regensburg (INR) gerade in den Startlöchern“ so Dr. Benedikt Lampl, stellvertretender Sachgebietsleiter Infektionsschutz und Hygiene mit Schwerpunkt Krankenhaushygiene am Gesundheitsamt Regensburg und Initiator des Netzwerkes. Die Idee des Netzwerkes ist umfassend und integrativ: So sollen möglichst viele Akteure aus den verschiedensten Bereichen der Infektionsmedizin in der stationären und ambulanten Versorgung zusammengeführt werden. Damit können einerseits auf kurzem Wege klinisch-therapeutische Entwicklungen im Bereich der Infektionskrankheiten untereinander ausgetauscht werden. Andererseits sollen epidemiologische Entwicklungen sowie infektionshygienisch-präventive Strategien wie beispielsweise im Fall von multiresistenten Erregern und ein rationaler Antiinfektivaeinsatz (ABS) kommuniziert werden.

Die Vernetzung dient dabei sowohl der gegenseitigen Information über die jeweiligen Arbeitsbereiche als auch der Verbesserung der Zusammenarbeit in der täglichen Routine. Dabei wird gerade den Strategien zu einem sinnvollen Antibiotikaeinsatz und der Vermeidung von Multiresistenzen ein besonderes Augenmerk gelten. Auch wissenschaftliche Kooperationen sind im Rahmen des Netzwerkes geplant.


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