18.03.2019, 12:22 Uhr

Am Universitätsklinikum Regensburg Mehr als ein Vierteljahrhundert Unfallchirurgie – Professor Dr. Michael Nerlich geht in den Ruhestand

BU: Wissenschaftsminister Bernd Sibler (re.) gratuliert Professer Dr. Michael Nerlich zu seiner herausragenden Karriere. (Foto: UKR/Vincent Schmucker)BU: Wissenschaftsminister Bernd Sibler (re.) gratuliert Professer Dr. Michael Nerlich zu seiner herausragenden Karriere. (Foto: UKR/Vincent Schmucker)

Universität und Universitätsklinikum Regensburg (UKR) verabschieden Professor Dr. Michael Nerlich, der seit 1992 die Professur und die Klinikleitung für Unfallchirurgie innehatte sowie die Trauma-Versorgung in ganz Ostbayern maßgeblich beeinflusst hat.

REGENSBURG „Mit Professor Michael Nerlich verlässt uns ein Mann der ersten Stunde, der über seine ganze berufliche Laufbahn hinweg nie die Freude daran verloren hat, Neues zu lernen und auszuprobieren. Mit außergewöhnlichem persönlichen Engagement sowie hoher medizinischer und wissenschaftlicher Kompetenz hat er die Unfallchirurgie in Regensburg aufgebaut und durch starke Netzwerkarbeit und Innovationsgeist die Unfallversorgung für ganz Ostbayern entscheidend geprägt“, betonte Professor Dr. Oliver Kölbl, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Regensburg, in seinem Grußwort die Leistungen seines ärztlichen Kollegen. In einem feierlichen Festakt wurde Professor Nerlich am heutigen Freitag, dem 15. März 2019, im Universitätsklinikum Regensburg in den Ruhestand verabschiedet. Neben Professor Kölbl würdigten ihn dabei auch der Präsident der Universität Regensburg, Professor Dr. Udo Hebel, der Dekan der Fakultät für Medizin, Professor Dr. Dr. Torsten E. Reichert, sowie der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, Professor Dr. Bernd Kladny. Die Festansprache hielt Bernd Sibler, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst.

Wissenschaftsminister Sibler betonte: „Professor Dr. Nerlich hat die Regensburger Unfallchirurgie seit mehr als 25 Jahren entscheidend mit aufgebaut, weiterentwickelt und geprägt. Er hat einen großen Anteil am hervorragenden Ruf des Universitätsklinikums Regensburg. Für die Menschen im ostbayerischen Raum hat er ein enges Netzwerk der Notfallmedizin initiiert und damit die medizinische Versorgung deutlich verbessert. Seine herausragende Arbeit und sein großes Engagement als Wissenschaftler und hochkarätiger Chirurg sind beeindruckend. Damit hat Professor Dr. Nerlich auch zum großen Renommee des Medizinstandorts Bayern in besonderer Weise beigetragen.“

Eine Versorgungslücke für die Region wird geschlossen

Professor Nerlich studierte von 1972 bis 1978 Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo er 1979 promovierte. Nach verschiedenen Stationen im In- und Ausland wurde er 1992 als Professor für Unfallchirurgie an die Universität Regensburg berufen. Damit verbunden war auch die Leitung der Abteilung für Unfallchirurgie am neuen Universitätsklinikum. Als erste ihrer Art in Bayern – angesiedelt in der Klinik und Poliklinik für Chirurgie, aber hochschulrechtlich eigenständig – nahm die Abteilung mit Beginn der stationären Patientenversorgung am Universitätsklinikum Regensburg am 1. Juni 1992 ihre Arbeit auf. Seitdem ist die Unfallchirurgie ein wichtiger Teil der medizinischen Versorgung in der Region und wurde aufgrund der stetigen Weiterentwicklung ihrer Leistungen im Jahr 2014 zu einer Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie umstrukturiert. Heute werden hier jährlich 10.000 Patienten ambulant und 2.000 stationär versorgt. Im Fokus stehen dabei unfallbedingte Verletzungen und Folgeschäden, insbesondere am Bewegungsorgan. Diese umfassen neben Knochenbrüchen auch Gelenkschäden sowie Muskel-, Sehnen- und Weichteilverletzungen des Skelettsystems.

Als 2012 am Caritas-Krankenhaus St. Josef eine Klinik für Unfallmedizin gegründet wurde, übernahm Professor Nerlich im Rahmen eines hausübergreifenden Kooperationsmodells dort ebenfalls die Leitung. Mit den Schwerpunkten Alterstraumatologie und Gelenkchirurgie wurde durch diese Zusammenarbeit eine Versorgungslücke für die gesamte Region geschlossen.

„Es war eine der größten, aber auch schönsten Herausforderungen meines Lebens, 1992 am neuen Universitätsklinikum in Regensburg die damalige Abteilung für Unfallchirurgie in Betrieb zu nehmen. Dabei und beim weiteren Auf- und Ausbau war mein Team immer meine wichtigste Stütze – einige Mitarbeiter begleiten mich bereits seit Anfang an. Diese vertrauensvolle Zusammenarbeit stellt die Basis für eine erfolgreiche Patientenversorgung sowie für unsere Tätigkeiten in Forschung und Lehre dar. Darüber hinaus ist es notwendig, Visionen und Ziele zu haben und tatkräftig an deren Umsetzung zu arbeiten“, blickt Professor Nerlich auf seine Zeit in Regensburg zurück.

Starkes Netzwerk – Ausbau der Unfallversorgung in Ostbayern

Bei der Versorgung von verletzten Personen nach einem Unfall kommt es oft auf jede Minute an. Um eine solch zeitnahe Behandlung gewährleisten zu können, unabhängig davon, wo sich der Unfall ereignet hat, ist eine starke Vernetzung unter den Notfallversorgern nötig.

Professor Nerlich rief als Mitbegründer daher im Jahr 1995 das Rettungszentrum Regensburg ins Leben und stand diesem bis 2017 als Vorsitzender vor. Das Rettungszentrum trägt durch regelmäßige Fortbildungen und starke Netzwerkarbeit dazu bei, die Kompetenzen aller an der Notfallversorgung in Ostbayern beteiligten Organisationen zu bündeln und so die Notfallmedizin in der Region stetig zu verbessern.

Die rege Netzwerkaktivität der ostbayerischen Krankenhäuser kommt auch dem 2007 gegründeten Trauma-Netzwerk Ostbayern (TNO) zugute, dem Professor Nerlich seit Beginn an als Sprecher vorsteht. Im TNO sind verschiedene Kliniken der gesamten ostbayerischen Region zusammengeschlossen, um flächendeckend in Niederbayern und der Oberpfalz eine schnellstmögliche Versorgung schwerstverletzter Patienten gewährleisten zu können.

Das TNO arbeitet auch eng mit der Unfallchirurgie des UKR bei der Behandlung schwerstverletzter Patienten nach Arbeits- und Schulunfällen in Ostbayern zusammen. Das UKR ist das einzige Haus in ganz Ostbayern, welches die Versorgung solcher Patienten gemäß den Vorgaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung im Rahmen des sogenannten Schwerstverletzungsartenverfahren sicherstellt.

Die Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie ist aber nicht nur extern gut vernetzt, sondern ist auch innerhalb des UKR ein wichtiger Partner. So ist sie im Wirbelsäulenzentrum an Verfahren zur Stabilisierung der Wirbelsäule beteiligt. Daneben spielt sie im Onkologischen Zentrum des UKR eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Tumoren im Bewegungsapparat. Im Bereich der Sportmedizin gelang es Professor Nerlich und seinem unfallchirurgischen Team, in Regensburg ein „FIFA Medical Centre of Excellence“ als Teil des weltweiten FIFA-Netzwerks zu etablieren. Hier werden Profi-Fußballspieler sportmedizinisch auf Spitzenniveau versorgt.

Engagement für die Medizin von morgen Neben seiner klinischen Tätigkeit war es Professor Nerlich immer wichtig, Studierende der Humanmedizin für die gemeinsame Facharztweiterbildung Orthopädie und Unfallchirurgie zu begeistern. In Verbindung mit Präventionsforschung zur Unfallvermeidung, mit telemedizinischen Projekten und mit Forschung zur regenerativen Chirurgie (Gewebewiederherstellung) bietet die Unfallchirurgie den angehenden Ärzten dabei spannende Tätigkeitsbereiche. Um die strukturellen Rahmenbedingungen von Forschung und Lehre in der Fakultät für Medizin und am Universitätsklinikum Regensburg allgemein weiter zu verbessern, hat sich Professor Nerlich von 2003 bis 2007 zudem als Dekan der Fakultät für Medizin der Universität Regensburg engagiert.

Auch über die Grenzen Regensburgs hinaus ist Professor Nerlich ein bekannter Name in der Unfallchirurgie. So war er in medizinischen Dachgesellschaften engagiert und übernahm im Jahr 2015 die Präsidentschaft für die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. sowie die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie e. V..

Nach einem Leben für die Medizin zurück zu den Wurzeln

Doch wusste Professor Nerlich schon immer, dass er Unfallchirurg werden möchte? „Ich war schon immer mit der Chirurgie vertraut, da mein Vater Chefarzt am Krankenhaus in Zwiesel war. Dass ich selbst aber auch Mediziner werden möchte, hat sich erst nach dem Abitur konkretisiert, als ich in einem Freiwilligenprogramm in Entwicklungsländern erstmals medizinisch tätig war und erlebt habe, welch große Bedeutung bereits kleine medizinische Hilfen für Menschen haben können. Meine Leidenschaft für die Unfallchirurgie weckte schließlich mein Mentor an der Medizinischen Hochschule Hannover, Professor Harald Tscherne“, erzählt Professor Nerlich.

Auch heute verbringt Professor Nerlich noch gerne Zeit in seiner Heimat Zwiesel und dem Bayerischen Wald, was er im Ruhestand noch intensivieren möchte. Denn zum 31. März 2019 endet nun die Lehrstuhl- und Kliniktätigkeit für Professor Nerlich. Ihm folgt mit Professor Dr. Dr. Volker Alt ein Unfallchirurg nach, der zuletzt an der Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH tätig war.


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