24.07.2018, 18:44 Uhr

Fachkräfteengpassanalyse „Fachkräftemangel in der Physiotherapie gefährdet die medizinische Versorgung“

Klaus Holetschek, Sylvia Stierstorfer, Marcus Troidl, erster Vorsitzender VDB Landesverband Bayern, Bundesvorsitzender VDB Physiotherapieverband. (Foto: VDB Landesverband Bayern)Klaus Holetschek, Sylvia Stierstorfer, Marcus Troidl, erster Vorsitzender VDB Landesverband Bayern, Bundesvorsitzender VDB Physiotherapieverband. (Foto: VDB Landesverband Bayern)

Der Fachkräftemangel in den Berufen der physikalischen Therapie entwickelt sich zu einem zunehmenden gesellschaftlichen Problem. Die jüngst veröffentlichte Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit belegt den Anstieg fehlender Physiotherapeuten: 157 Tage sucht ein Praxisinhaber im Durchschnitt nach einer physiotherapeutischen Fachkraft in Deutschland.

REGENSBURG Dies ist eine Verschlechterung gegenüber Dezember 2017 um 13 Tage oder neun prozent. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Vakanzzeit um 21 Tage verschlechtert, dies entspricht rund 15 Prozent.

Die Folge: Die flächendeckende Versorgung der Patienten ist nicht mehr gegeben. Schon heute müssen Patienten mit langen Wartezeiten rechnen. Marcus Troidl, Bundesvorsitzender des VDB-Physiotherapieverbandes weist im Fachgespräch mit dem Bürgerbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung Klaus Holetschek, MdL und der Landtagsabgeordneten Sylvia Stierstorfer auf die Situation und die Auswirkungen hin: Besonders gefährdet sind postoperative physiotherapeutische Behandlungen im ambulanten Bereich. Für Patienten mit künstlichem Gelenkersatz, Patienten nach Schlaganfall und Patienten mit Hausbesuchsverordnung ist ein zeitnaher Behandlungsbeginn für den Therapieerfolg entscheidend. Die Situation scheint umso prekärer, wird der demografische Wandel in die Betrachtung und der damit einhergehende steigende Bedarf einbezogen.

Die Ursache des Fachkräftemangels

Physiotherapeuten flüchten aufgrund einer miserablen Vergütungssituation aus dem Beruf. Eine vom VDB-Physiotherapieverband in Auftrag gegebene Studie des Instituts für Gesundheitswirtschaft, Prof. Michael Reiher, belegt: Kleine und mittlere Praxen in der Physiotherapie sind aus wirtschaftlicher Sicht kaum rentabel. Die niedrigen GKV-Sätze gefährden die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Praxis. Rücklagen für Investitionen und strategische Weiterentwicklungen sind von den Erträgen nicht zu finanzieren. Ein großer Teil der Selbständigen, als auch der Angestellten in den Gesundheitsberufen, wird von einer Altersarmut betroffen sein.

Der Fachkräftemangel steigt an

Erschwerend kommt hinzu, dass die Berufsgruppe einen massiven Rückgang der Schülerzahlen verzeichnet, begründet durch die Eigenfinanzierung der Ausbildung durch die Schüler, wie verschiedene Schulleiter in Bayern dies uns gegenüber kommuniziert haben. Nehmen die Schülerzahlen weiter ab, bangen die Träger um ihre Existenz. Ein Zertifikatssystem (nur in der Physiotherapie) mindert die Attraktivität des Berufes zusätzlich. In der Folge nehmen Schulabgänger Abstand von den Berufen in der Physiotherapie. Daher fordert der VDB-Physiotherapieverband: „Der erste Schritt, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, ist, das Schulgeld endlich abzuschaffen, betont VDB-Bundesvorsitzende Marcus Troidl. „Wir können nicht auf eine bundesweite Lösung in ein paar Jahren warten. Wir müssen jetzt auf die prekäre Situation reagieren!“.

Der Landtagsabgeordnete Klaus Holetschek, der auch Mitglied im Gesundheitsausschuss ist, betont „Es muss hier schnell gehandelt werden, wenn nicht der Bund etwas macht, dann muss Bayern selbst die Initiative ergreifen.“

„Die Schulgeldfreiheit für die Ausbildung von Physiotherapeuten muss schnellstmöglich kommen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Darüber hinaus müssen auch alle anderen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass die Attraktivität des Berufes wieder steigt,“ so die Landtagsabgeordnete Sylvia Stierstorfer.


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