24.07.2018, 15:42 Uhr

Symposium und Fest Das Uniklinikum Regensburg feiert 20 Jahre Stammzelltransplantation

Rund 300 Patienten, Angehörige, Mitarbeiter des UKR und Interessierte feierten 20 Jahre Stammzelltransplantation am UKR. (Foto: UKR/Marion Schweiger )Rund 300 Patienten, Angehörige, Mitarbeiter des UKR und Interessierte feierten 20 Jahre Stammzelltransplantation am UKR. (Foto: UKR/Marion Schweiger )

Am 21. Juli 2018 fand anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Allogene Stammzelltransplantation am Universitätsklinikum Regensburg (UKR)“ ein gemeinsames Symposium und bewegendes Fest für rund 300 Leukämie- und Lymphompatienten und ihre Angehörigen, für Mitarbeiter des UKR und für viele Interessierte statt, das Hoffnung machte.

REGENSBURG „Wenn ich diese Professoren nicht gehabt hätte, würde ich jetzt nicht hier stehen“, entfuhr es Christa Burggraf, als sie für ihr Engagement als Leiterin der Selbsthilfegruppe „Leukämien und Lymphome Regensburg – Oberpfalz“ im Rahmen der Feier zu 20 Jahren allogene Stammzelltransplantation am UKR von Professor Dr. Wolfgang Herr, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III des UKR, geehrt wurde. Gemeint waren neben Professor Dr. Herr auch Professor Dr. Ernst Holler, Leiter der Allogenen Transplantation der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III, und Professor Dr. Reinhard Andreesen, erster Vorsitzender der Leukämiehilfe Ostbayern e. V.. Der Dank von Christa Burggraf galt auch jenen, die sich am UKR der Pflege und Therapie von Menschen mit Leukämien und Lymphomen sowie der Forschung auf diesem Gebiet widmen und täglich daran arbeiten, die Stammzelltransplantation sicherer und das Leben danach lebenswerter zu machen. „Dieses Jubiläum bedeutet 20 Jahre gemeinsame Arbeit, gemeinsames Ringen und Hoffen, manchmal schwere gemeinsame Kämpfe und Rückschläge, aber auch gemeinsame Erfolge und erfüllende Erlebnisse“, fasste Professor Dr. Holler, der die Veranstaltung moderierte, zusammen. Die Feier wurde mit einem gemeinsamen Dankgottesdienst in der Klinikkapelle des UKR eröffnet. Das Programm des anschließenden Symposiums blickte zurück auf die vergangenen 20 Jahre Stammzelltransplantation in Klinik und Forschung, zeigte die aktuellen Standards und bot einen Ausblick auf die zukünftigen Entwicklungen in diesem Bereich. Professor Dr. Herr empfand das Fest als einen „bewegenden Tag, der mich glücklich macht“.

Netzwerk aus Medizin, Pflege und Therapie schafft ein Nest für die Patienten

Die allogene Stammzelltransplantation gehört zu den komplexesten medizinischen Therapien. Wenn Leukämie- und Lymphompatienten mit einer Chemotherapie nicht geheilt werden können, müssen gesunde Stammzellen eines Spenders das Immunsystem des Patienten neu aufbauen und noch vorhandene Leukämie- bzw. Lymphomzellen zerstören. Die Behandlung ist strapaziös und riskant – aber manchmal die einzige Chance auf Heilung. „Seit den ersten Stammzelltransplantationen am UKR im Jahr 1998 steigen die Zahlen stetig. Mittlerweile werden hier 70 bis 80 Patienten pro Jahr transplantiert, und wir haben bislang für jeden Patienten den passenden Spender gefunden“, informierte Professor Dr. Holler. Er dankte allen, die diese Therapie in Regensburg möglich machen: „Mit unserem Netzwerk aus Ärzten, Pflegekräften, Therapeuten und Wissenschaftlern, aus Stiftungen, Verbänden und Vereinen und vor allem dank der Spender schaffen wir hier ein Nest für die Patienten“. Zukünftig werde es am UKR eine neue Station für Stammzelltransplantierte mit aktuellsten technischen Standards im Neubau B5 geben, für den am Vortag feierlich der Grundstein gelegt wurde.

Was in der Klinik passiert

„Wir behandeln nicht nur die Krankheit, sondern immer den ganzen Menschen“, brachte Frank Lenich, langjährige Pflegekraft der Station 21, in seinem Vortrag die Philosophie der Pflegenden auf der hämatologischen Intensivtherapiestation des UKR auf den Punkt. Ingrid Schön vom Psychoonkologischen Dienst unterstrich die Bedeutung des Umfelds für Patienten vor, während und nach einer Stammzelltransplantation: „Wenn ein Spender gefunden ist, bedeutet das noch längst nicht das Happy End. Die Behandlung stellt alle Beteiligten vor extreme Herausforderungen, bei denen wir größtmöglich unterstützen“. Sie erinnerte auch an all jene, die aufgrund ihres Krankheitsverlaufs das Jubiläum nicht mitfeiern konnten. Die Krankengeschichte endet aber nicht mit dem Verlassen der Klinik: Die Rückkehr in den Alltag stellt Stammzelltransplantierte vor besondere Herausforderungen, denen Angelika Scheck und ihre Kollegen von der Brückenpflege begegnen.

Für Professor Dr. Andreesen war es „ein bewegender Moment, auf dieser Jubiläumsveranstaltung so viele Menschen zu sehen, mit denen ich lange Jahre hier verbunden war“. Der heutige Vorsitzende der Leukämiehilfe Ostbayern e.V. war zu Zeiten der ersten Stammzelltransplantationen am UKR als Leiter der damaligen Abteilung für Hämatologie und Onkologie gemeinsam mit Professor Dr. Holler federführend an der Etablierung dieser Therapieform in Regensburg beteiligt. Er rief den Zuhörern ins Gedächtnis, dass man eine Krebserkrankung mit Nähe besser überstehen könne. Dieses Wissen verband er jahrelang mit dem Traum von einem Haus für Krebspatienten und ihre Angehörigen am UKR, das Wege verkürzt und Nähe ermöglicht. Vor wenigen Wochen konnte dieser „Ort der Geborgenheit und der Begegnung mit Gleichbetroffenen“, so Professor Dr. Andreesen, feierlich eröffnet werden. Für die Realisierung dieses seit über zehn Jahren geplanten Projektes und für seine Leistungen als Mediziner am UKR erfuhr er auch auf der Jubiläumsveranstaltung viel Beifall und Anerkennung. Zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit von Führungen durch das Patientenhaus der Leukämiehilfe Ostbayern e.V. am UKR, das deutschlandweit ein Pilotprojekt ist. Es ist komplett spendenfinanziert und beinhaltet verschiedene Angebote, um seine Bewohner in ihrer schwierigen Lebensphase möglichst ganzheitlich zu unterstützen.

Neues aus der Forschung

Dankbar sein für das Erreichte, aber auch nach vorn blicken, war das Motto des Festes. Nach vorn blickten vor allem die Wissenschaftler, die mit aktuellen Forschungsthemen beeindruckten, Hoffnung weckten und Regensburg als zentralen Forschungsstandort für die Therapie von Leukämien und Lymphomen präsentierten. So widmen sich aktuell verschiedene Projekte der Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD), einer Nebenwirkung der Stammzelltransplantation, bei der die Immunzellen des Spenders Körperzellen des Empfängers zerstören. Professor Dr. Holler ließ die Zuhörer an seinem Traum von einer GvHD-Früherkennung teilhaben, die mehr wertvolle Zeit für Therapiemaßnahmen und damit bessere Heilungsaussichten verschafft. Vor Kurzem ist dieser Traum wahr geworden: Im Verbund hat Professor Dr. Holler gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern einen Bluttest entwickelt, der frühzeitig Komplikationen und ihren zu erwartenden Verlauf anzeigt. „Wir hoffen, die Stammzelltransplantation in Zukunft noch risikoärmer zu machen“, sprach Professor Dr. Holler den anwesenden Patienten und ihren Angehörigen aus der Seele.

Dr. Daniela Weber, Assistenzärztin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III des UKR, stellte ihre Forschungen zur Bedeutung der Bakterienbesiedlung des Darms und der Antibiotikagabe für die allogene Stammzelltransplantation vor. Mit der gezielten Einflussnahme auf das Darmmikrobiom könne man das Risiko für eine GvHD deutlich senken, so Dr. Weber. Die etablierte Behandlung einer chronischen GvHD basiert aktuell auf der Gabe verschiedener Medikamente. Auch hier versprechen nach Jahren des Stillstands neue Erkenntnisse mehr Therapieerfolg, wie Professor Dr. Daniel Wolff, Leiter der Stammzelltransplantations-/KMT-Ambulanz am UKR, ausführte.

Professor Dr. Matthias Edinger, Leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III, stellte einen anderen Therapieansatz vor: Er forscht daran, wie regulatorische Zellen Einfluss auf die Immunreaktion im Körper nehmen, um eine GvHD zu heilen. Entsprechende Zellmedikamente werden aktuell in den Reinraumlaboren im José-Carreras-Zentrum am UKR entwickelt und in klinischen Studien erprobt.

PD Dr. Simone Thomas konzentriert sich in ihren Forschungen auf die Gentherapie. Die Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III führte aus, welche Möglichkeiten eine solche Behandlung für die Heilung von Leukämien und Lymphomen bietet. Nach ersten aufsehenerregenden Erfolgen in Amerika steht die Gentherapie nun auch in Deutschland kurz vor der Zulassung. Aktuell untersucht PD Dr. Thomas in einer klinischen Studie, wie mit einem bestimmten Rezeptor ausgestattete körpereigene Immunzellen die Krebszellen bekämpfen, um diese Therapie im UKR für die Patienten in Ostbayern anbieten zu können.

„Es ist toll, was in 20 Jahren hier passiert ist!“

Renate K. (Name geändert), die vor fünf Jahren nach einem Rezidiv ihrer bereits besiegt geglaubten Leukämieerkrankung eine Stammzelltransplantation im UKR erhielt, konnte das Fest in vollen Zügen genießen, denn sie erfreut sich heute guter Gesundheit: „Für mich wurde ein amerikanischer Spender gefunden. Während der gesamten Behandlung fühlten sich meine Familie und ich uns sehr gut betreut. Besonders die psychologische Betreuung war eine wichtige Stütze“, erinnert sie sich. Sie besuchte die Veranstaltung in Begleitung einer Freundin, die bereits vor über 20 Jahren stammzelltransplantiert wurde – damals noch in München: „Ich wurde in Regensburg für die Stammzelltransplantation vorbereitet und musste dann die eigentliche Behandlung in Großhadern durchführen lassen. Auch für meinen Mann waren die Fahrten zwischen beiden Städten belastend. Es ist toll, was in 20 Jahren hier passiert ist!“, freut sich die rüstige und lebensfrohe Seniorin. „Es gibt an vielen Stellen Anlass zur Hoffnung, dass die Therapien immer besser werden und in Zukunft noch mehr Patienten eine erfolgreiche Behandlung feiern können“, schloss Professor Dr. Herr den Vortragsteil der Veranstaltung, bevor alle gemeinsam den Tag am Buffet mit speziellem Essen für stammzelltransplantierte Patienten und bei den Besichtigungen des Patientenhauses der Leukämiehilfe Ostbayern ausklingen ließen.


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