13.03.2018, 14:22 Uhr

Bewegen statt heben Bewegungskonzept reduziert körperliche Belastung bei Pflegekräften

Immer in Bewegung: Am UKR lernen Pflegekräfte, wie sie Über- und Fehlbelastungen vermeiden. (Foto: Werner Krüper )Immer in Bewegung: Am UKR lernen Pflegekräfte, wie sie Über- und Fehlbelastungen vermeiden. (Foto: Werner Krüper )

Der Tag der Rückengesundheit rückt am Donnerstag, 15. März, die Prävention von Rückenschmerzen in den Fokus. Am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) lernen Pflegekräfte bereits in der Ausbildung und auch danach, wie sie Fehl- und Überbelastungen gar nicht erst entstehen lassen. Ein spezieller Lift unterstützt die Mitarbeiter einer Intensivstation zusätzlich beim Umlagern von Patienten.

REGENSBURG Der Tag der Rückengesundheit ist ein guter Tag, um im Bett liegen zu bleiben und den Haushalt zu vernachlässigen. Denn allein beim Aufstehen lasten punktuell 150 Kilogramm auf unserem Rücken. Das Ausräumen der Spülmaschine schlägt mit 200 Kilogramm zu Buche. Wer über kräftige Rücken- und Bauchmuskeln sowie gesunde Bandscheiben verfügt, spürt diese Belastungen kaum. Doch bei den meisten Personen ist eine Fehl- und Überbelastung des Rückens die Regel: Bis zu 85 Prozent leiden hierzulande früher oder später unter Rückenschmerzen. Besonders betroffen sind Angehörige von Berufsgruppen, die starken körperlichen Belastungen ausgesetzt und in deren Berufsalltag leicht Haltungsfehler auftreten. Um Rückenschmerzen gar nicht erst entstehen zu lassen, lernen die Pflegenden am Universitätsklinikum Regensburg, wie sie Patienten bewegen, anstatt sie zu heben.

„Pflegekräfte müssen viel schwerere Lasten bewegen, als sie tatsächlich heben könnten. Deshalb bieten wir als eine von wenigen Kliniken in Deutschland allen Pflegekräften Schulungen in der Methode MH Kinaesthetics® an. Das wirkt sich nachweislich positiv auf die Gesundheit unserer Mitarbeiter aus“, berichtet Alfred Stockinger, Pflegedirektor des UKR. Im MH Kinaesthetics®-Kurs lernen die Gesundheits- und Krankenpfleger des Universitätsklinikums Regensburg aber nicht etwa das rückenschonende Heben und Stützen von Patienten, sondern das Verständnis von Bewegungskonzepten zur eigenen Entlastung. Soll zum Beispiel ein Patient mit Kniebeschwerden von einem Stuhl aufstehen, können ihn die geschulten Pflegekräfte unterstützen, indem sie ihn in einer knieentlastenden Bewegung nach vorn-oben führen. Beim herkömmlichen Verfahren würde sich der Patient mit seinem ganzen Gewicht am Arm des Pflegenden hochziehen, der ihn regelrecht aus dem Stuhl hieven müsste. Werden Pflegende mehrmals täglich auf diese Art belastet, geht das ins Kreuz. „In den MH Kinaesthetics®-Kursen vermitteln wir Bewegungskonzepte. Die Teilnehmer erfahren, wie sie sich selbst schonend bewegen und die Patienten bei ihrer Bewegung unterstützen können, anstatt sie zu heben. Zusätzlich lernen sie, wie man Kollegen, Patienten und Angehörige im Berufsalltag bei schonenden Bewegungen anleitet“, fasst Karin Rank, MH Kinaesthetics®-Trainerin am Universitätsklinikum Regensburg, den Inhalt der Kurse zusammen.

Die MH Kinaesthetics®-Kurse werden seit mittlerweile acht Jahren am UKR angeboten. Der kostenlose Kursbesuch steht den Pflegekräften aller Stationen offen. Die Auszubildenden zum Gesundheits- und Krankenpfleger am UKR erhalten bereits in ihrer Lehrzeit einen Grundkurs in dieser Methode, um dauerhaft in ihrem Beruf gesund zu bleiben.

Der Erfolg der Schulungen wird regelmäßig evaluiert. So gaben die Gesundheits- und Krankenpfleger des UKR, die bereits in MH Kinaesthetics® geschult wurden, an, dass sie ihre körperliche Belastung durch die Anwendung des Konzepts deutlich reduzieren konnten. Sie achten bewusster auf ihre eigene Bewegung, wenn sie die Patienten bewegen oder mobilisieren. Zudem beobachteten die Absolventen des Kurses, dass die Bewegungsfähigkeit bei immobilen Patienten aufgrund der Unterstützung gesteigert und deren Schmerzen reduziert werden konnten. Zusammengefasst wurde das Projekt als sinnvolle und gesundheitsfördernde Maßnahme beurteilt.

Doch auch mit der besten Unterstützung ist nicht jeder Patient körperlich dazu in der Lage, sich selbst zu bewegen. Das betrifft besonders Intensivstationen, auf denen Patienten beatmet werden oder im Koma liegen. Wenn ein Intensivpatient mit einem Gewicht von 120 Kilogramm ein neues Bett oder neue Matratze benötigt, geht das dafür notwendige Umlagern auf der anästhesiologischen/neurochirurgischen Intensivstation des UKR dank eines modernen Deckenlifts leicht von der Hand. „Wenn wir ein Bett austauschen müssen, lagern wir den Patienten mit wenigen Handgriffen auf ein Tuch. Dieses wird dann vom Deckenlift angehoben. So müssen wir keine Lasten heben und das Bett kann unkompliziert gewechselt werden“, erklärt Franz Schreck, Pflegerische Leitung der Intensivstation 91, die spezielle Technik, die nicht nur dem Wohl der Pflegenden dient: Der bis zu 250 Kilogramm belastbare Deckenlift wird auch für Patienten mit Wahrnehmungsstörungen oder fehlender Kopf- und Rumpfkontrolle eingesetzt, um eine sitzende Position einzunehmen. „Viele Patienten blühen im Sitztuch regelrecht auf. Ihre Vital-Werte verbessern sich und sie können das Tuch mit kleinsten Bewegungen zum Schaukeln bringen. Für jemanden, der tage- oder wochenlang im Bett liegen muss und aus eigener Kraft nicht sitzen kann, ist das ein schönes Erlebnis“, berichtet Franz Schreck.


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