09.03.2018, 14:59 Uhr

Geschlechtsspezifischen Unterschiede Der Männerschnupfen ist nur die Spitze des Eisbergs

(Foto: UKR / Marion Schweiger)(Foto: UKR / Marion Schweiger)

Frauen müssen öfter zum Hautarzt, haben in bestimmten Hirnregionen eine bessere Durchblutung und sind seltener von arteriellen Gefäßerkrankungen betroffen als Männer. Und auch wenn einige Nierenerkrankungen bei Frauen häufiger sind als bei Männern, werden Frauen dennoch älter. Diese und weitere geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Medizin offenbarte anlässlich des Internationalen Frauentags eine Informationsveranstaltung im Universitätsklinikum Regensburg (UKR).

REGENSBURG Seit über 100 Jahren fordern Frauen am 8. März, dem Internationalen Frauentag, die Gleichberechtigung der Geschlechter. In der Medizin werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede allerdings wieder speziell hervorgehoben. Denn der „kleine Unterschied“ kann sich bei Erkrankungen von Gefäßen, Herz und Gehirn groß auswirken. Anlässlich des Weltfrauentags informierten deshalb verschiedene Kliniken des UKR auf Initiative der Abteilung für Gefäßchirurgie des UKR in einer Informationsveranstaltung über genderspezifische Aspekte in der Medizin. Den kurzen Vorträgen gingen Grußworte von Emilia Müller, Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, Gertrud Maltz-Schwarzfischer, Bürgermeisterin der Stadt Regensburg, und Prof. Dr. Ursula Regener, Frauenbeauftragte der Universität Regensburg, voran.

„Die Ergebnisse von Studien zum Beispiel für Medikamentendosierungen lassen sich nicht identisch von Männern auf Frauen und umgekehrt übertragen. Bei unserer Veranstaltung zum kleinen Unterschied konnten wir eindrucksvoll zeigen, dass eine geschlechtsspezifische Medizin längst überfällig ist“, zieht Professor Dr. Karin Pfister, Leiterin der Abteilung für Gefäßchirurgie des UKR und Organisatorin der Veranstaltung „Der ‚kleine‘ Unterschied“, ein Fazit.

Frauen leiden öfter an Hautkrankheiten, Männer schlafen tiefer

Aufgrund hormoneller Unterschiede und geschlechtsspezifischer Immunreaktionen sind Frauen häufiger von Hauterkrankungen betroffen als Männer, erfuhren die rund 300 männlichen und weiblichen Zuhörer der Veranstaltung von Professorin Dr. Sigrid Karrer. Die geschäftsführende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Dermatologie des UKR sprach sich für neue geschlechtsadaptierte Konzepte innerhalb der Dermatologie aus.

Die Frage, ob Frauen eine andere Narkose als Männer benötigen, beantwortete Dr. Barbara Sinner, Stellvertretende Direktorin der Klinik für Anästhesiologie des UKR, mit einem eindeutigen Ja. Denn aufgrund der hormonellen Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern schlafen Frauen bei gleicher Medikamentendosierung weniger tief und erwachen schneller aus der Narkose als Männer. Und auch wenn sie nach der Operation mehr Schmerzen empfinden, fordern sie weniger Schmerzmittel ein.

Dr. Christina Wendl, Oberärztin im Institut für Röntgendiagnostik, bescheinigte Frauen in ihrem Vortrag zum weiblichen Gehirn unter anderem ein höheres Risiko für Depression und ein niedrigeres Risiko für Parkinson. Die Ursache dafür ist eine bessere Durchblutung des limbischen Systems und des präfrontalen Kortex bei Frauen im Vergleich zu Männern. Das limbische System ist der Bereich des Gehirns, in dem Emotionen verarbeitet werden und in dem auch intellektuelle Leistungen zugeschrieben werden. Der präfrontale Kortex ist verantwortlich für höhere kognitive Prozesse.

Risiko: künstliche Hormone

Schwangerschaft und meist auch Verhütung ist Frauensache – auch hieraus ergeben sich geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin. So steigt besonders bei Frauen, die die Anti-Baby-Pille der neuesten Generation nutzen, das Risiko für eine Thrombose oder Lungenembolie. In ihrem Vortrag zu Unterschieden bei der Blutgerinnung nannte Dr. Christina Hart, Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III des UKR, als Risikofaktoren für diese Erkrankung auch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sowie eine Hormonersatztherapie in den Wechseljahren. Eine bereits durchlebte Thrombose sei aber in der Regel kein Grund auf eine Schwangerschaft zu verzichten, klärte Professor Dr. Birgit Linnemann in ihrem Vortrag „Schwanger trotz Thrombose“ auf. Betroffene Frauen könnten eine Thrombose in der Schwangerschaft ohne Risiko für das Kind mit dem Wirkstoff Heparin behandeln lassen.

Mehr Männer als Frauen warten auf eine neue Niere

Darüber, dass die Nieren bei Frauen anders arbeiten als bei Männern, informierte Dr. Miriam Banas, Oberärztin der Abteilung für Nephrologie des UKR, das Publikum. Sie resümierte in ihrem Vortrag zur „Frauenniere“, dass Frauen deutlich häufiger an leichten bis mittelschweren Nierenerkrankungen leiden, während mehr Männer mit einer Dialyse behandelt werden müssen. Die Gründe dafür sieht sie darin, dass rheumatologische Nierenerkrankungen bei Frauen häufiger vorkommen, während bei Männern Bluthochdruck oder Nikotinkonsum ursächlich für Nierenversagen ist. Dazu passend berichtete sie, dass aktuell am Transplantationszentrum Regensburg 131 Frauen und 218 Männer auf eine Nierentransplantation warten.

Unterschiede bei Gefäßen und Diabetes

Auch bei der arteriellen Gefäßmedizin gibt es erhebliche Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern: Frauen sind von bestimmten Erkrankungen seltener betroffen, jedoch gibt es aufgrund der kleineren Gefäße zum Beispiel bei der endovaskulären Versorgung von Aortenaneurysmen eine größere Komplikationsrate. Dr. Wilma Schierling, Oberärztin in der Abteilung für Gefäßchirurgie, wünscht sich deshalb eine Anpassung der Gefäßprothesen an die weibliche Anatomie und schlug vor, bei zu kleinen Zugangswegen Frauen eher offen und in einem spezialisierten Zentrum zu operieren.

Dr. med. Melanie Kandulski, Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologin an der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I des UKR, thematisierte in ihrem Vortrag „Diabetes mellitus Typ 2 – das Risiko ‚starker Frauen‘“ das deutlich erhöhte Risiko der Entwicklung eines Diabetes und dessen Folgeerkrankungen von Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes. Des Weiteren wurde von Professor Dr. Andrea Bäßler, stellvertretende Frauenbeauftragte des UKR und leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II, im Vortrag „Das Herz einer Frau“ die kardiologischen Unterschiede der Geschlechter vorgestellt. PD Dr. Andreea Gamulescu, Leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde des UKR, informierte in ihrem Vortrag „Schau mir in die Augen, Kleiner“ über Genderaspekte in der Ophthalmologie.


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