29.12.2017, 12:52 Uhr

Bezirkstagspräsident zu Besuch Wenn Psychiater träumen und Politiker zuhören

Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich (r.) im Gespräch mit dem Leitenden Arzt des Bezirksklinikums Passau, Prof. Dr. Peter Eichhammer. (Foto: Bezirk Niederbayern)Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich (r.) im Gespräch mit dem Leitenden Arzt des Bezirksklinikums Passau, Prof. Dr. Peter Eichhammer. (Foto: Bezirk Niederbayern)

Der Bezirkstagspräsident war zu Besuch beim Leitenden Arzt des Bezirksklinikums Passau.

PASSAU „Ohne Visionen entsteht nichts“, ist Prof. Dr. Peter Eichhammer überzeugt. Und es gibt wohl keine bessere Zeit zum Träumen als kurz vor Weihnachten. Deshalb nutzte der Leitende Arzt des Bezirksklinikums Passau den Besuch von Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich vergangenen Freitag, um visionär in die Zukunft zu blicken. Dort fand er sowohl große Chancen für das BKH, die es zu nutzen gilt, aber auch viele Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, um dem Versorgungsauftrag auch weiterhin gerecht werden zu können. 

Als Eichhammer vor 30 Jahren seine Laufbahn begann, war die Psychiatrie noch eine andere als heute. 90 Prozent der Stationen waren geschlossen, die Patienten wurden „weggesperrt“, die Hemmschwelle, sich „einliefern“ zu lassen groß. Im Laufe der Jahre wurde die Psychiatrie zunehmend entstigmatisiert, die Krankheitsbilder differenzierter betrachtet – die Erkenntnis setzte sich durch, dass psychosomatische Erkrankungen (z.B. chronischer Schmerz mit psychischen Ursachen) auch psychiatrisch behandelt werden müssen, um Therapieerfolge zu erzielen. „Die Psychiatrie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt Eichhammer. „Wir haben uns geöffnet und dadurch enorm gewonnen.“ Heute findet nur noch ein Teil der Behandlungen im stationären oder gar geschlossenen Bereich statt. Die teilstationären oder ambulanten Angebote wurden stark ausgebaut. 

Das war auch nötig, denn gleichzeitig stieg der Bedarf an Behandlungen und wird es auch in Zukunft tun. Mit der Erweiterung des Bezirkskrankenhauses Passau reagiert man beim Bezirk Niederbayern darauf. Aber das bringt auch Herausforderungen mit sich. Denn der Fachkräftemangel ist in der Medizin insgesamt und speziell in der Psychiatrie, in der Sprache zur Behandlung unabdingbar ist, längst angekommen. „Rund um den Speckgürtel in München etwa, überall dort, wo es medizinische Fakultäten gibt, ist die Situation noch besser, aber bei uns hier wird die Personalsuche zunehmend herausfordernd.“

Eichhammers Traum wäre deshalb eine eigene Medizinfakultät an der Uni Passau oder – weil schneller zu realisieren – den Status eines Lehrkrankenhauses für das BKH. Da das Passauer Klinikum ebenfalls Lehrkrankenhaus ist und die angehenden Ärzte als Wahlfach Psychiatrie wählen können, gäbe es dadurch viele positive Synergieeffekte, meint der Leitende Arzt. Insgesamt werde laut Eichhammer die Zusammenarbeit mit den Kollegen von „nebenan“ stetig besser.

„Das freut mich und es zeigt, dass die Psychiatrie immer mehr ein integraler Bestandteil der versorgenden Medizin wird.“ Die Lage des BKH mitten im Zentrum und damit in der Nähe des Klinikums sei daher ein großer Vorteil. Er trägt auch weiter dazu bei, dass die Vorurteile vor der Psychiatrie abgebaut werden. „Etwa, wenn ein Patient erfährt, dass sein Gefühl der Brustenge nicht unbedingt einen Herzinfarkt ankündigt, sondern auch ein Symptom einer Depression sein könnte.“

Diese „geistigen Schranken“ abbauen, hält auch Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich für wichtig. Der Ausbau der psychiatrischen Versorgung in Ostbayern liegt Heinrich deshalb besonders am Herzen. Die Bereitschaft, sich oder sein Kind behandeln zu lassen, sei viel höher, wenn die Wege kurz sind. 

Die Visionen des Mediziners gehen jedoch noch weiter. Die Entwicklung im Bereich der Digitalisierung der Medizin könnte man gerade in einer Einrichtung wie dem BKH Passau nutzen. „In der Psychiatrie würde sich Telemedizin anbieten, indem der Patient nur ab und zu persönlich vor Ort erscheinen muss, ansonsten die therapeutische Beratung über die Distanz erfolgt.“

Eichhammer, der selbst in Schönberg im Landkreis Freyung-Grafenau lebt, sieht dabei auch große Vorteile für den ländlichen Raum und gerade für den Bayerischen Wald. Und das nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Mediziner, für die „Homeoffice“ teilweise möglich werden würde.Auch in der Praxis tut sich dabei schon was. Derzeit läuft etwa ein gemeinsames Projekt des BKH mit der IT-Fakultät der Uni Passau, in dem bereits ein Prototyp entwickelt wurde, mit dessen Hilfe versucht wird, die Wirkung des vegetativen Nervensystems auf Parameter wie den Blutdruck zu beeinflussen. 

Zuletzt forderte Olaf Heinrich den Leitenden Arzt auf, sich aktiv bei den Planungen zur Erweiterung des BKH einzubringen: „Sie werden diejenigen sein, die später in dem Gebäude arbeiten. Kosten für Umplanungen sind sehr teuer, deshalb sollte von Anfang an alles Nötige bedacht werden.

„Wichtig aus Sicht des Mediziners ist es, die Räume flexibel zu planen, damit man sie je nach Bedarf in Zukunft öffnen oder teilöffnen und so verschiedenartig nutzen kann. „Schließlich weiß keiner heute genau, wie sich die Psychiatrie in Zukunft weiterentwickeln wird“, so Prof. Peter Eichhammer, der sich bei Dr. Olaf Heinrich für das offene Gespräch und sein Interesse am Klinikalltag bedankte.

Denn auch wenn keiner die Zukunft vorhersagen kann und viele Träume lange brauchen, um Realität werden zu können, schadet es nicht, gemeinsam einen visionären Blick nach vorne zu wagen. Nur so kann die Politik auch die strategischen Weichen stellen, die später über den Erfolg entscheiden.


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