14.08.2020, 13:49 Uhr

Corona-Appell des Mühldorfer Landrats Hart erarbeitete Freiheiten jetzt nichts aufs Spiel setzen

Landrat Max Heimerl (r.) und Dr. Benedikt Steingruber vom Gesundheitsamt haben Grund zur Sorge. Foto: LRA MÜhldorfLandrat Max Heimerl (r.) und Dr. Benedikt Steingruber vom Gesundheitsamt haben Grund zur Sorge. Foto: LRA MÜhldorf

Pressekonferenz zur aktuellen Corona-Lage im Landkreis Mühldorf - Landrat: „Die 2. Welle rollt an.“

Landkreis. Die Zahlen neuer Corona-Infektionen steigen auch im Landkreis Mühldorf. Erst am Donnerstag, 13. August, wurden drei neue Fälle gemeldet. Die Zahl der aktiven Fälle liegt damit derzeit bei 23.

Grund genug für den Landkreis, sich für einen weiteren Anstieg zu rüsten. So stellte Landrat Max Heimerl auf der Pressekonferenz am Freitagmittag, 13. August, unumwunden fest: „Die 2. Welle rollt an. Wir müssen versuchen, sie so schnell wie möglich zu brechen.“ Er woll nicht dramatisieren, noch seien die absoluten Zahlen relativ niedrig. Aber sie könnten rasch nach oben schnellen. Dazu zog er einen Vergleich aus dem Anfang der Corona-Krise im Landkreis: „Am 20. März lag die 7 Tage-Inzidenz im Landkreis bei 13, nur zwei Wochen später am 3. April bei 133. Eine solche Entwicklung müssen wir unbedingt verhindern!“

Jetzt sei es nötig, den Landkreis neu und zusätzlich für den Kampf gegen die Ausbreitung von Corona aufzustellen. Bei lokalen Infektionsherden wie den beiden Schlachthöfe, dem Ankerzentrum oder bei Erntehelfern, konnte frühzeitig und konsequent gehandelt werden - die Ausbreitung war in den Griff zu bekommen. Über mehrere Wochen gab es im Landkreis keine Neu-Infizierten.

Die aktuell Corona-Infizierten sind derzeit zu 60 Prozent Reise- und Urlaubsrückkehrer sowie „leichtsinnige“ Mitbürger, die nicht mehr viel auf Abstandsregeln, Masken etc. geben und viele Kontaktpersonen haben.

Aktuell kommen Corona-Meldungen aus 11 Gemeinden im Landkreis - „und es werden täglich mehr“, so der Landrat mit besorgter Miene. Dabei ist das Durchschnittsalter der Infizierten seit Mitte Juli von bisher 49,5 Jahre auf 30,2 Jahre gesunken.

Das Gesundheitsamt des Landkreises ist wieder zurück im Krisenmodus und hat die bis jetzt etwas ruhigere Zeit für Mitarbeiter-Schulungen genutzt. Es wurden auch neue Stellen bewilligt: So gibt es 10 Neue im Contact Tracing Team für die Ermittlung der Kontaktpersonen Infizierter und 10 zusätzliche Stellen für medizinisches Personal wie Ärzte - leider konnten diese mangels Angebot noch nicht besetzt werden.

Und: Der Landkreis muss ein Testzentrum aufbauen. Die soll bis Ende August wieder am Volksfest-Platz entstehen. Dort können sich Personen ohne Symptome (Reiserückkehrer, Lehrkräfte, Erzieher oder auch nur besorgte Bürger) testen lassen - ähnlich wie derzeit an Autobahnen und Flughäfen. Personen mit Symptomen müssen erst ihren Hausarzt kontaktieren oder die 116117 rufen.

Auch eine Koordinierungsgruppe Corona-Pandemie muss ins Lebens gerufen werden. Darin vertreten sind der Landrat, das Gesundheitsamt, die Polizei und Blaulicht-Organisationen wie THW und Rettungsdienste.

Ernüchterndes Fazit des Landrats: „Wir sind zurück im Katastrophenmodus, ohne dass derzeit der Katastrophenfall besteht.“

Er appelliert eindringlich an die Vernunft der Menschen: „Wir dürfen unsere nach dem ersten Lockdown hart erarbeitete Freiheiten jetzt nichts aufs Spiel setzen. Wir können uns einen nochmaligen Lockdown weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich und finanziell leisten.“

Jeder Reiserückkehrer - egal ob nach dem Urlaub oder dem Besuch der Familie im Ausland - soll sich testen lassen. Ohne negatives Testergebnis solle man die Kontakte reduzieren. Rückkehrer aus Risikoländern müssen die 14-tägige Quarantäne einhalten oder ein negatives Testergebnis vorweisen.

Landrat Heimerl: „Die Lage ist derzeit noch nicht dramatisch. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht dramatisch wird und uns alle weiterhin an die Hygiene-Richtlinien halten.“

Laut Dr. Benedikt Steingruber wird es für das Gesundheitsamt immer schwieriger, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Während der 1. Welle hatten es die Kontaktverfolger mit vernünftigen und etwas älteren Personen zu tun, die bereitwillig schon nach dem ersten Telefonat Kontaktpersonen mitgeteilt haben. Jetzt handelt es sich überwiegend um jüngere Urlauber, die gerne Party machen, viel unterwegs sind und zahlreiche Kontakte pflegen. Von diesen seien kaum sinnvolle Angaben zu Kontaktpersonen zu erhalten. Dr. Steingruber: „Die Lockerungen führen zu einem erhöhten Risiko. Wir haben Fälle an allen Ecken und Enden des Landkreises.“ Es bleibe erklärtes Ziel, alle Kontakte zu erforschen. „Uneinsichtige“ würden entsprechend intensiver betreut.

Ob weiter steigende Fallzahlen wieder zu verschärften Einschränkungen führen könnten, dazu konnte Mühldorfs Landrat keine Aussage treffen. „Wir sind noch in der Phase der Appelle. Wenn sich alle daran halten können wir auch die aktuellen Steigerungen in den Griff bekommen.“