29.04.2020, 19:52 Uhr

Firmen in der Corona-Krise „Nach 32 Jahren stoße ich an meine Grenzen“


Keiner wird in der Corona-Krise im Stich gelassen, versprach die Politik. Doch immer mehr Unternehmer sehen sich wegen der Corona-Krise mit existenziellen Problemen konfrontiert. Quer durch die Branchen geht die Angst um. Drei Beispiele.

Niederbayern. Es lief rund bei Alois Kaltenecker. Er betreibt in Reisbach das gut gehende Busreisebüro. „Vilstaler Busreisen“. Im Angebot sind aber auch immer wieder mal Urlaubstrips in die große weite Welt. Ein Konzept, das voll und ganz aufging. Jedenfalls vor Beginn der Corona-Krise. Jetzt hat Kaltenecker massive Schwierigkeiten. Eine zehntägige Reise nach Südafrika, die er für seine Kunden vom Anbieter „Fox Tours“ eingekauft hat, darf nicht stattfinden – und es kommt noch dicker: „Innerhalb von 14 Tagen muss ich meinen Kunden das Geld zurückzahlen“, sagt er. Doch das hat er nicht mehr. Denn die sechsstellige Summe hat er bereits an den Anbieter geleistet, sie bislang aber nicht zurückbekommen. Fox-Tours lasse seine Beschwerden abtropfen und speise ihn am Telefon mit wohlgemeinten Ratschlägen ab. „Die haben eine zentrale Nummer eingerichtet. Alle andere Sachbearbeiter sind nicht mehr erreichbar. Da erzählen die dir jeden Tag das gleiche. Da denkst Du, Du bist beim Psychiater“, sagt er über die Telefonate. „Unsere Kunden, deren Reisen abgesagt werden mussten, brauchen aber trotzdem keine Angst haben. Sie werden alle ihr Geld zurück bekommen“, so der 51-Jährige.

Mit einem Schlag steht er jetzt vor gewaltigen Herausforderungen. Denn es kommt noch dicker. Das kleine Reisebüro hatte sich bei Volvo zu Beginn des Jahres einen neuen Reisebus bestellt. Anfang März wollte Kaltenecker die Bestellung stornieren. Doch während andere Hersteller solche Stornierungen in der Krise akzeptieren würden, mache das Volvo nicht. „Sie bestehen jetzt auf eine Abnahme, da für Volvo Corona kein Grund für eine Stornierung ist“, erzählt er. Und das, obwohl der Hersteller zuvor laut Kaltenecker mitgeteilt hatte, dass es zu Verzögerungen bei der Auslieferungen kommen werde. Das war allerdings vor Corona. Rund 400.000 Euro wird der Bus kosten. Eine Ausgabe, die bei „0,0 Einnahmen“ nicht zu stemmen ist.

Fast schon Peanuts sind angesichts solcher Summen die Beträge von ausgefallenen Busreisen, die der 51-Jährige an seine Kunden bereits rückerstattet hat. Zum Beispiel für einen Trip nach Italien. Einen fünfstelligen Betrag musste Kaltenecker hier zurückzahlen, obwohl er auch hier in Vorleistung gegangen ist – und jetzt kein Geld zurückbekommt. „Von dem italienischen Hotel haben wir einen Voucher bekommen, der ein Jahr lang gültig ist. Wir haben unsere Verbandsanwältin eingeschaltet. Die sagt, dass das in Italien als Zahlungsmittel gelte.“

Doch es trifft nicht nur die Reisebranche. Auch bei den Fahrschulen im Land weiß man nicht weiter. „An uns denkt keiner mehr“, sagt Heinz Gillig aus Dingolfing. Weder Fahrstunden noch Führerscheinprüfungen finden statt. Dabei hat Gillig, wie viele seiner Kollegen, frühzeitig in Hygiene-Maßnahmen investiert, Spender für Hand-Desinfektionsmittel und Mundschutz angeschafft, rasch ein Sicherheitskonzept umgesetzt. „In unseren Lkw können wir außerdem locker den geforderten Sicherheitsabstand einhalten“, sagt er. Gar kein Problem gebe es beim Unterricht mit den Zweirädern. Da fahre der Fahrschüler schließlich auf dem Motorrad vor dem Fahrlehrer im Auto. Trotzdem herrscht auch hier Stillstand. Wann es weitergehen darf, weiß niemand so genau. „Wir tappen im Dunkeln“, sagt Gillig. Viele seiner Kollegen in Deutschland, vor allem die jungen Existenzgründer, stehen deshalb vor dem Aus. Und auch Gillig mit seinem alteingesessenen und hochmodernen Unternehmen weiß langsam keinen Rat mehr: „Nach 32 Jahren im Geschäft stoße ich an meine Grenzen“, sagt er.

Damit geht es ihm so wie den Betreibern der Fitnessstudios. Auch die haben das Problem der laufenden hohen Kosten bei stillgelegtem Betrieb. Dabei hätten gerade die großen und qualitativ hochwertigen Studios das Potenzial und den Willen, ihre Mitglieder mit aufwendigen Maßnahmen zu schützen. „Aber man setzt uns mit Rotlichtbetrieben gleich“, sagt Uwe Eibel vom Fit Plus. Dabei hat das Landshuter Unternehmen mit ausgezeichnetem Ruf, das sogar mit den Krankenkassen bei der Gesundheitsvorsorge zusammenarbeitet, massiv in Hygienemaßnahmen investiert. „Wir haben auch den Platz, um geforderte Abstände einhalten zu können.“ Dass Fitness-Studios, die sich an diese Regeln halten, geschlossen halten müssen, ist in seinen Augen paradox: „Wir leisten schließlich einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung“, sagt er.

Die Befürchtung ist überall, quer durch die Branchen, die gleiche: Durch den Lockdown und unausgegorene gesetzliche Regelungen werden Unternehmen in den Ruin getrieben. Von der Hand zu weisen ist das nicht. Erste Insolvenzen gibt es bereits, wie das Beispiel des Messe-Veranstalters Peter Kinold zeigt. Sein Geschäftsmodell ist durch die Corona-Krise und den Kontaktbeschränkungen nachhaltig zerstört.


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