12.06.2018, 10:50 Uhr

Tagung Krankheit – das Unheimliche in mir

Referenten und Organisatoren der Tagung „Krankheit – das Unheimliche in mir“ (v.l.n.r.): Prof. Dr. Walter Sparn, Prof. Dr. med. Barbara Rüttner Götzmann, Dr. med. Hans-Rainer Buchmüller, Dr. Monika Leye, Pfarrerin Ute Zöllner, Prof. Dr. Dietrich Korsch; es fehlt auf dem Bild Prof. Dr. med. Wolfgang Schreiber. (Foto: Stadtparkpalais)Referenten und Organisatoren der Tagung „Krankheit – das Unheimliche in mir“ (v.l.n.r.): Prof. Dr. Walter Sparn, Prof. Dr. med. Barbara Rüttner Götzmann, Dr. med. Hans-Rainer Buchmüller, Dr. Monika Leye, Pfarrerin Ute Zöllner, Prof. Dr. Dietrich Korsch; es fehlt auf dem Bild Prof. Dr. med. Wolfgang Schreiber. (Foto: Stadtparkpalais)

Von 8. bis 9. Juni 2018 luden Prof. Dr. Dietrich Korsch, Universität Marburg, und Dr. Hans-Rainer Buchmüller, Klinik Angermühle in Deggendorf, ins Palais im Stadtpark ein zu einer wissenschaftlichen Tagung sowie ärztlichen und psychotherapeutischen Fortbildungsveranstaltung. Das Deggendorfer Kolloquium zur Psychosomatik und Religion widmete sich dem Thema „Krankheit – das Unheimliche in mir“.

DEGGENDORF Für den Eröffnungsvortrag zum Thema „Krankheit wahrnehmen“ konnte Dr. Monika Leye aus Donaustauf gewonnen werden: Sie zeigte auf, wie das Wahrnehmen des eigenen Körpers und der Emotionen Krankheiten individuell begreifbarer und bekannter macht und dadurch deren Schrecken mildern kann. Für den klinischen Alltag stellte sie die Bedeutung des Wahrnehmungskonzepts in Samkhya (indische Philosophie der Zusammenhänge) und der Methode der Funktionellen Entspannung (psychosomatische Selbstregulation) heraus.

Prof. Dr. med. Wolfgang Schreiber, Mainkofen, beschäftigte sich grundlegend mit „Krankheitsangst und Krankheitswahn“. Anschaulich legte er dar, dass bei Hypochondrie organische Veränderungen zwar diagnostisch ausgeschlossen, die im Körper verorteten Beschwerden dennoch wahrgenommen werden. Hiervon betroffene Menschen entwickeln persistierende Krankheitsängste bzw. -befürchtungen bis hin zum Krankheitswahn. Prof. Schreiber stellte die verschiedenen körperbezogenen Ängste, deren Einteilung und die Modelle zu ihrer Entstehung vor. Ausführlich ging er dann auf die Behandlung dieser Ängste vor dem Hintergrund der kognitiven Verhaltenstherapie ein.

Den Abendvortrag am Freitag hielt Prof. Dr. med. Barbara Rüttner Götzmann aus Hamburg zum Thema „Die therapeutische Beziehung: Personales Vertrauen und die Hoffnung auf Heilung“: Bei sehr unterschiedlichen psychischen Störungen spielen Vertrauensprobleme und ein Zwang, die Dinge bzw. die Objekte zu kontrollieren, eine zentrale Rolle. Das Vertrauen des menschlichen Individuums wird bereits vor der Geburt aufgebaut und durch weitere äußere und innere Faktoren nach der Geburt zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen, in den Regel den Eltern, weiter ausgebaut und bestimmt. Auf der so entstehenden „Matrix des Vertrauens“ basiert unser gesamtes späteres Beziehungserleben und die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen und unserer sozialen Umwelt in Kontakt treten. Prof. Rüttner Götzmann zeigte auf, wie Therapeuten in der Arbeit mit traumatisierten Patienten und Patientinnen den ursprünglichen Vertrauensvorschuss wiederaufbauen können und dadurch die Grundlage einer Hoffnung auf Heilung geschaffen wird.

Den Samstag eröffnete Prof. Dr. Walter Sparn aus Erlangen mit einem Blick in die Historie: Unter dem Titel „Externalisierung des Unheimlichen? Aufstieg und Entzauberung von Dämonenangst und Hexenwahn in der Neuzeit“ analysierte der Referent die Angst vor dämonischen Geistern in allen sozialen Schichten des frühneuzeitlichen Deutschland und interpretierte den daraus resultierenden Hexenwahn als einen Versuch, das Unheimliche, das in der Erfahrungswelt und ihrer seelischen Verarbeitung wahrgenommen wurde, von der eigenen Person abzutrennen und in anderen zu lokalisieren. Im zweiten Teil seines Vortrags nannte Sparn Gründe für die fortdauernde Akzeptanz des Teufelsglaubens auch im reformatorischen Christentum, aber auch für seine Erklärung als Krankheit und für seine individuelle Eindämmung und ansatzweise Überwindung. Der dritte Teil stellte aufklärerische Versuche vor, den Glauben an die psychische und physische Einwirkung von Dämonen auf Menschen und dann auch den Glauben an die Existenz von Dämonen als angstgesteuerten Irrtum zu disqualifizieren. Abschließend wurden in einem vierten Teil die noch nachwirkenden Ergebnisse dieser Entwicklung zur Diskussion gestellt.

Der Initiator der Tagung, Prof. Dr. Dietrich Korsch, referierte über „Das Unheimliche und die Religion – der Kampf mit dem gespaltenen Ich“. Ausgehend von dem berühmten Aufsatz Sigmund Freuds über das Unheimliche zeigte der Referent auf, dass Phänomene des eigenen Leibes (Krankheit) und der eigenen Lebensgeschichte (Konfrontation mit dem Bösen) als Erfahrungen des Unheimlichen nach einer Bearbeitung in der Religion verlangen. Inwiefern der christliche Glaube und das in ihm präsente Gottesverständnis zu einem den Menschen verwandelnden Umgang mit dem Unheimlichen beitragen, stand am Ende seiner Überlegungen.

Mit zwei parallel laufenden Arbeitsgruppen schloss das Programm der Tagung: Unter der Leitung von Pfarrerin, Pastoralpsychologin und Gruppenanalytikerin Ute Zöllner aus Kassel setzten sich die Teilnehmer mit der Frage „Was löst das Unheimliche in mir aus?“ auseinander und nutzten die Gelegenheit zu Fallbesprechungen. Prof. Dr. Dietrich Korsch diskutierte unter dem Titel „Warum hat es mich getroffen?“ mit dem Fachpublikum verschiedene Versuche, die eigene Krankheit zu verstehen. Dabei kam es zu anregenden Gesprächsrunden und interessantem Erfahrungsaustausch, die Referenten wie Teilnehmer sowohl fachlich wie auch persönlich berührten. Der Erfolg der interdisziplinär hochkarätig besetzten Tagung, deren Referate in einem Tagungsband veröffentlicht werden sollen, bestärkte die beiden Organisatoren Buchmüller und Korsch, auch für die Zukunft im Zweijahresrhythmus Kolloquien zur Psychosomatik und Religion in Deggendorf abzuhalten.


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