22.03.2018, 15:08 Uhr

Wirrwarr Notfall-Nummern sorgen für Verwirrung

„Der Rettungsdienst stößt zunehmend an seine Grenzen“, klagt BRK-Rettungsdienstleiter Markus Mühlbauer. (Foto: Hannes Lehner)„Der Rettungsdienst stößt zunehmend an seine Grenzen“, klagt BRK-Rettungsdienstleiter Markus Mühlbauer. (Foto: Hannes Lehner)

Bei einem Notruf die 112 wählen, oder doch die 116117?

DEGGENDORF Mit einer fiesen Männergrippe ist bekanntlich nicht zu spaßen. Ungleich brenzliger ist es, wenn die eigene Oma vor einem zusammenbricht. Wen um Hilfe rufen? Die Notrufnummer 112, die 116117? Und was war gleich noch mal die 110? Die verschiedenen Arten der Notfallversorgung, die nebeneinander bestehen, sind für viele Betroffene verwirrend. Da Rettungsdienste und Krankenhäuser unter einer zunehmenden Flut an Bagatellfällen ächzen, fordern Experten eine grundlegende Reform.

Markus Mühlbauer, Rettungsdienstleiter beim BRK in Deggendorf, kennt das zur Genüge. Während die ältere Generation oft sogar noch selbst mit dem Taxi ins Krankenhaus fährt, um niemandem zur Last zu fallen, ruft manch Jüngerer wegen eines jeden Zipperleins gleich den Rettungsdienst.

„Das hat man jetzt bei der aktuellen Influenza-Welle wieder gesehen“, berichtet der BRK-Rettungsdienstleiter. Er wolle die Krankheit gar nicht herunter spielen. Doch während man früher einfach den Hausarzt gerufen hat, ruft man heute gleich den Rettungsdienst und geht ins Krankenhaus.

„Allein in Deggendorf wurde im vergangenen Jahr 25000 Mal der Rettungsdienst alarmiert“, berichtet Mühlbauer. Der Rettungsdienst stößt zunehmend an seine Grenzen.

Natürlich spiele hier auch die Kliniklandschaft in Deggendorf eine Rolle. Früher habe es drei Kliniken im Landkreis gegeben, jetzt nur noch eine in Deggendorf. „Die früheren Sparmaßnahmen fallen uns jetzt auf die Füße“, so Mühlbauer.

Das Bayerische Rote Kreuz hat deshalb bereits Alarm geschlagen. „Diese Situation ist im Moment untragbar für das Hilfeleistungssystem in Bayern“, klagt der BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. „Die zunehmende Auslastung der Krankenhäuser mit Bagatellfällen wie Husten, Schnupfen und Heiserkeit sorgen derzeit für eine kritische Situation in der klinischen Versorgung in Bayern.“

116117 ist bekannt, gewählt wird die 112

Er fordert deshalb dringend, die Notaufnahme nur dann aufzusuchen und den Rettungsdienst nur dann zu alarmieren, wenn dies auch wirklich unabwendbar ist. Bei leichten Beschwerden sollte immer zuerst der kassenärztliche Notdienst über die Notrufnummer 116117 angerufen werden, so das BRK.

Doch genau da liegt der Hund begraben. Drei von vier Erwachsenen in Bayern kennen zwar die Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117, wie eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) ergeben hat.

Dennoch wird bei jedem Leiden, das sich vielleicht mal ein Doktor ansehen sollte, lieber gleich die 112 gewählt. 41 Prozent der Befragten im Freistaat wurden in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal in einer Notaufnahme vorstellig. Eine Notfallpraxis suchte nur jeder Dritte auf. Den ärztlichen Fahr- und Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116117 wählte sogar nur jeder Fünfte.

Die Patienten gehen also häufig in die Notaufnahme der Krankenhäuser, obwohl kein akuter Notfall vorliegt. In 40 Prozent der Fälle, in denen Patienten selbstständig den Kliniknotdienst aufsuchten, gab es vor Ort Entwarnung. Es waren keine medizinischen Sofortmaßnahmen notwendig.

„Die verschiedenen Arten der Notfallversorgung, die nebeneinander bestehen, sind für viele Betroffene verwirrend“, weiß Christian Bredl, Chef der TK in Bayern. „Notärzte werden so häufig unnötig belastet, da quasi der Patient selbst entscheiden muss, wie schwer sein medizinisches Problem ist.“

Das System muss deshalb dringend reformiert werden. Portalpraxen an Krankenhausstandorten, wie sie die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) nun plant, seien laut Bredl zielführend. Patienten, die keine akuten Notfälle sind, können so besser passende medizinische Hilfe finden, ohne die Kapazitäten der Notaufnahmen zu blockieren.

Bredl fordert aber noch weitere Reformen: „Mit 98 Prozent kennt fast jeder in Bayern die 112. Das Nebeneinander der beiden Rufnummern 112 und 116 117 frisst ebenfalls unnötig wichtige Kapazitäten.“ Er schlägt deshalb für die beiden Nummern vor, gemeinsame Leitstellen mit kompetentem Personal zu schaffen. Die Mitarbeiter könnten so nach standardisierten Vorgaben für die Patienten zielgenau und ohne Umwege die passende Behandlung einleiten. „Wer akute Schmerzen außerhalb der Praxisöffnungszeiten hat, ist sicher erleichtert, wenn er keine Odyssee durch die verschiedenen Sektoren der medizinischen Versorgung erleben muss“, so der bayerische TK-Chef.


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