27.05.2020, 09:54 Uhr

Kampf um Leben und Tod Claudia (49) lag wegen Corona im Koma


Corona-Patientin war drei Wochen auf der Intensivstation der Kreisklinik Trostberg

Trostberg. „Manchmal habe ich gedacht, ich schaffe es nicht“, sagt Claudia Baumgartner. Drei Wochen ist sie wegen einer Erkrankung mit dem Corona-Virus auf der Intensivstation der Kreisklinik Trostberg behandelt worden, zwei davon lag sie im Koma.

Wieder genesen, bedankt sich die ehemalige Patientin vor Erleichterung und Dankbarkeit strahlend beim Team der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin unter der Leitung von Chefarzt Dr. Thomas Lipp für dessen fachliche und menschliche Hilfe. „Sie waren alle so lieb zu mir“, blickt die 49-Jährige auf eine sehr schwere, ihr Leben bedrohende Zeit zurück.

Mitte März kam sie aus dem Urlaub in der Flachau zurück

Claudia Baumgartner ist kontaktfreudig und kommunikationsstark und gerne unter Menschen. Bei ihrem Besuch auf der Intensivstation zaubert sie Pflegekräften und Ärzten um Dr. Lipp mit ihrer freundlichen, offenen Art mehr als nur ein Lächeln in die Gesichter. Für das Team der Intensivstation ist das Wiedersehen mit der heute wieder glücklichen ehemaligen Patienten so berührend wie befriedigend. Denn wer auf einer Intensivstation behandelt werden muss, befindet sich in einer sein Leben bedrohenden gesundheitlichen Situation.

Als sich Claudia Baumgartner Mitte März nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub in der Flachau im Salzburger Land in ihren Heimatort Bernhaupten in der Gemeinde Bergen nicht wohl fühlt, ahnt sie nicht, welch schwere Zeit vor ihr liegt. Aber sie vermutet schnell, dass „Kopfweh, Halsweh, Schluckbeschwerden, Fieber und Schüttelfrost nicht mit einer Grippe vergleichbar sind.“

Nach Kontakten mit Hausärztin und Klinikum Traunstein wurde die Patientin mit der Viruserkrankung COVID-19 in die Kreisklinik Trostberg eingeliefert. Dort erwartete sie die hohe fachliche Expertise des Chefarztes für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin Dr. Thomas Lipp und des Infektiologen und des Chefarztes der Inneren Medizin Prof. Thomas Glück, der schon die ersten bayerischen Corona-Patienten auf der Normalstation behandelt hatte.

„Frau Baumgartner litt an Lungen- und Nierenversagen“, erklärt Dr. Lipp. „Wir haben sie zunächst nicht-invasiv beatmet.“ Zu diesem Zeitpunkt wussten die Mediziner schon, dass das Virus langwierige Verläufe haben kann. Als sich der Zustand der Patientin weiter verschlechtert hat, wird sie „kontrolliert ins Koma gelegt“ und mittels eines Luftröhrenschnitts an ein Beatmungsgerät angeschlossen. „Wir konnten sie so in Ruhe wieder wach werden lassen, die Entwöhnung von der Maschine gelingt relativ schnell“, sagt Dr. Lipp.

An die zwei Wochen im Koma erinnert sich Claudia Baumgartner nicht mehr, wohl aber an eine Art Nahtoderlebnis, das ihr Klinikseelsorger Hubert Gallenberger später als Chor guter Engel beschrieben hat. Der Pastoralreferent mit dem großen Herzen für jeden Patienten, egal, ob gläubig oder nicht, stand der Intensivpatientin und ihrer Familie wann immer nötig mit Rat und Tat zur Seite.

Schwestern und Pfleger waren immer für sie da

Tag und Nacht für Claudia Baumgartner da war das Team der Intensivstation. „Gefühlt war immer eine Krankenschwester oder ein Pfleger im Zimmer“, sagt sie und erinnert sich an Fotos ihrer Kinder, das ihr eine Krankenschwester nach ihrem Erwachen aus dem Koma zeigte. „Ich habe die Kinder sofort erkannt, aber ich war noch verwirrt.“

Als ihr eine der Pflegekräfte einen Telefonhörer ans Ohr hält und sie die Stimmen ihrer Familie hört, möchte die Intensivpatientin am liebsten sofort nach Hause. „Dabei war ich hier doch in besten Händen, es haben sich alle so aufmerksam und liebevoll um mich gekümmert“, stellt sie schmunzelnd fest. „Sie haben so oft es ging, an meinem Bett gesessen, weil ich so viel Angst hatte, es war insgesamt sehr emotional.“

„Stimmungsschwankungen sind nach einer Zeit im Koma ebenso normal wie Kollateralschäden wie etwa eine bakterielle Lungenentzündung bei Claudia Baumgartner“, erläutert dazu Dr. Lipp.

Ist das Koma schon eine enorme Strapaze für den sich erholenden Körper, so muss dieser ebenso wie die Psyche nach diesem Ausnahmezustand wieder sukzessive aufgebaut werden. Dabei ist neben Fachwissen und Erfahrung auch Fingerspitzengefühl gefragt. Den Patientin zu motivieren, wieder ins Leben zurückkehren zu wollen, sich dies zuzutrauen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er dabei kontinuierlich gestärkt und begleitet wird, zählt zu den Stärken des Teams der Intensivstation.

Dieses arbeitet in der Corona-Zeit intensiv interdisziplinär mit den anderen Fachabteilungen der Kreisklinik Trostberg, insbesondere den Internisten um Prof. Glück, zusammen.

Aufmerksamkeit für individuelle Bedürfnisse und Wünsche sind für das Intensiv-Team selbstverständlich. „Die Schwestern haben mir immer wieder die CD eingelegt, die meine Freundinnen für mich besprochen hatten“, erinnert sich Claudia Baumgartner mit einem Lächeln. Ihre Familie darf sie durch eine Glasscheibe sehen und nach drei Wochen auf der Intensiv- kommt sie noch wenige Tage auf eine Normalstation.

Ich bin dankbar und froh, dass ich lebe

Ihre Arbeit als Friseurin hat sie noch nicht wieder aufgenommen. Wer eine so schwere Zeit durchlebt hat und nur knapp dem Tod entkommen ist, muss wieder Kräfte tanken. „Ich bin dankbar und froh, dass ich lebe“, sagt Claudia Baumgartner schlicht.

Für ihren Behandler Dr. Lipp machen positive Entwicklungen schwerster Verläufe den Reiz und die Freude an der Intensivmedizin aus. Trotzdem sind er und seine ehemalige Patientin auf Grund des möglichen schweren Verlaufes der Erkrankung sich einig, dass die von acht auf im Notfall zwölf Plätze erweiterbare Intensivstation möglichst nicht mehr von Corona-Patienten belegt werden sollte – und dass die Wertschätzung der Pflege anhält und diese in Zukunft angemessen honoriert wird. Beide hoffen, „dass die Menschen weiterhin aufeinander achtgeben, durchhalten und Abstand halten.“

− Ina Berwanger –