12.03.2019, 11:40 Uhr

Fasten-Alternative Ein süßes Leben ohne Zucker? Nicht so einfach wie´s klingt, aber machbar

Ökotrophologin Anna Wimmer (l.) und Natalie Walter, Master Ernährungswissenschaften, vom Grünen Zentrum in Töging sind sich einig: Wer Zucker spart, hat schon viel für seine Gesundheit getan.Ökotrophologin Anna Wimmer (l.) und Natalie Walter, Master Ernährungswissenschaften, vom Grünen Zentrum in Töging sind sich einig: Wer Zucker spart, hat schon viel für seine Gesundheit getan.

Seit Aschermittwoch rollt heuer die zweite Welle an guten Vorsätzen durchs Land: Es wird gefastet ...

LANDKREIS. Bis Ostern soll die enthaltsame Zeit dauern, aber vermutlich hat schon jetzt so mancher das Projekt Fastenzeit aufgegeben. Ob Basen- oder Intervallfasten, ob Low Carb, Paleo oder was auch immer – es braucht eine gute Portion an Disziplin. Eine einfache Methode, bei der am besten Hunger keine Rolle spielt, würden sich viele wünschen. Tatsächlich macht so eine Methode gerade von sich reden, weil sie im Speiseplan „nur“ auf eine einzige Sache verzichtet: auf Zucker.

Ganz so einfach ist das „zuckerfreie Leben“ dann aber doch nicht, erklärt Anna Wimmer. Sie ist Ökotrophologin am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Töging und unterrichtet Ernährungslehre und Familie in der Fachschule. Anna Wimmer weiß, warum uns immer wieder der „süße Zahn tropft“: „Das ist uns angeboren. Wir sind auf ,süß‘ programmiert, denn schon die Muttermilch ist süß.“ Außerdem habe die Natur mit verschiedenen Geschmacksrichtungen gewissermaßen Zeichen gesetzt: „Süß steht für Reife und vollen Gehalt, während ,Bitter‘ Gefahr, z.B. Gift, symbolisiert ...“

Jeder weiß, dass zuviel Zucker nicht gut ist und Übergewicht, Diabetes, Zahnschäden und andere Erkrankungen fördert. Dennoch konsumiert jeder von uns statistisch gesehen ca. 36 Kilo Zucker pro Jahr. Dabei ist Zucker nicht gleich Zucker: „Es gibt den einfachen Zucker, also Traubenzucker und Fruchtzucker, den Zweifachzucker, den wir im Haushalt verwenden, und den Vielfachzucker. Letzteres sind Ballaststoffe und Stärke. Die Stärke wird im Darm in Traubenzucker-Einheiten abgebaut, die ins Blut gehen und in den Zellen in Energie umgewandelt werden“, so Anna Wimmer.

Im Alltag ist der Zuckerverzicht auch deshalb nicht so einfach, weil Zucker in vielen Lebensmitteln versteckt ist: „Da bleibt nichts anderes übrig, als die Inhaltsangaben genauestens zu studieren“, so Anna Wimmer. Sie verweist darauf, dass Zucker unter vielen verschiedenen Namen aufgeführt wird: „Als Faustregel kann man sich merken: Alles was auf ,ose‘ endet, ist Zucker: Saccharose, Dextrose, Raffinose, Glukose, Laktose oder Maltose. Auch Malzextrakt, Maltodextrin, Dextrin oder Weizendextrin, Süßmolkenpulver, Gerstenmalz/Gerstenmalzextrakt und diverse Sirupe sind zu meiden“, zählt sie auf.

Um dem „Schlaraffenland Supermarkt“ weitgehend zuckerfrei zu entkommen, empfiehlt sie: „Man sollte möglichst nur zu Grundnahrungsmitteln greifen und selber kochen. Bei Fertig- oder Halbfertigprodukte ist oft Zucker zugesetzt.“

50 Gramm Zucker täglich sind schnell beisammen

Kochen ohne Zucker, so Anna Wimmer, ist zumindest bei herzhaften Gerichten unproblematisch: „Da kann man auf ganz normale Kochbücher zurückgreifen, denn herzhafte Gerichte werden überwiegend ohne Zugabe von Zucker zubereitet.“ Auch praktische Tricks hat sie parat: „Man kann Obst für Dressings und Soßen pürieren. Um das abendliche Verlangen nach Süßem zu mindern, sollte man tagsüber Vollkornbrot essen.“

Kollegin Natalie Walter (MSC) nennt Produkte, die man jedenfalls von seiner zuckerfreien Einkaufsliste streichen sollte: „Fertige Dressings und Soßen, fertige Müslis und ganz besonders Erfrischungsgetränke wie Cola, Eistee oder Fruchtnektare. Die maximal empfohlene Zuckerdosis pro Tag von 50 Gramm – das sind etwa 12, 13 Zuckerwürfel – hat man bei einem halben Liter Cola oder Eistee schon beisammen“, mahnt sie.

Anna Wimmer, die insbesondere Ansprechpartnerin für Familien mit kleinen Kindern im Bezug auf Ernährung und Bewegung ist, verweist darauf: „Kleine Kinder haben ein intensives Geschmacksempfinden. Wenn Eltern darauf achten, ihnen keine fertig gesüßten Lebensmittel zu geben, können sie vermeiden, dass eine Gewöhnung an einen hohen Zuckergehalt erfolgt.“

Erwachsenen mit einem hohen Zucker-Gewöhnungslevel empfiehlt sie, schrittweise zu reduzieren, um eine niedrigere Zuckerdosis zu erreichen: „Verdünnen Sie Getränke mit Wasser, mischen Sie Fruchtjoghurt mit Naturjoghurt ...“ Nicht sinnvoll, so Anna Wimmer, ist es, die Zuckerfrei-Phase nach gewisser Zeit zu beenden: „Da sind die Pfunde bald wieder da und vor allem: Man gewöhnt sich wieder an den höheren Zuckergehalt ...“

Alternativprodukte wie Xylit halten die Expertinnen nur bedingt für geeignet: „Xylit z.B. hat zwar nur 40 Prozent des Energiewertes von Zucker und verursacht keinen Karies, aber: Man gewöhnt sich wieder an die Süße ...“ Und wie schaut´s mit Honig aus? „Honig besteht zu 80 Prozent aus verschiedenen Zuckern. Deshalb sollte man ihn verbrauchen wie eine Süßigkeit.“

Fazit: Auch wenn man nicht aufs kleinste Stäubchen Zucker achtet, sondern „nur“ die „Zuckerbomben“ weglässt, ist für die Gesundheit schon viel getan. Dass die Lebensmittelindustrie sich am Kaufverhalten der Verbraucher durchaus orientiert und einige Konzerne bereits auf zuckerreduzierte Produkte umschwenken, sehen Anna Wimmer und Natalie Walter als gutes Zeichen.


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