19.04.2017, 10:41 Uhr

Gastkommentar der Woche

Selfie-Manie

Woher, bitte, kommt diese ungezügelte Lust am eigenen Bild? Haben die Leute keinen Spiegel zuhause, in dem sie sich angucken können. Und seit wann gibt´s überhaupt diese Begierde, sich selbst zu verewigen. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal das Wort „Selfie“ hörte. Das war vor gut ding acht Jahren. Mein „Vor-Sitzer“ im Bus zückte plötzlich sein Handy, streckte den Arm aus und fotografierte sich selbst. „Ich mag Selfies“, fügte er dann zur Erklärung hinzu – und ich war, sprachlich gesehen – wieder auf der Höhe der Zeit. Die erste technische Verlängerungen fürs Handy habe ich noch für einen Witz gehalten. Und gleich einen gekauft, als lustiges Geschenk. Aber das war ein Reinfall. Der Beschenkte verfügte längst über so einen Greifer als Verlängerung des Arms, mit Teleskopauszug und allem Pipapo. Manchmal frage ich mich, was mit all den Selbstporträts passiert, die da weltweit sekündlich geknipst werden. Aber das zeigt nur, dass ich nicht up to date bin. Die Bilder wandern wohl sofort auf Facebook, werden über Instagram, Twitter oder WhatsApp rund um den Erdball geschickt.

Die Besichtigung fremder Menschen ist offenbar ein großer Trend. Früher hat man sich ans offene Fenster gesetzt, die Arme gemütlich auf ein Kissen gestützt, und hat auf dem Marktplatz die Leute beobachtet. Heute ist das viel einfacher: Sie gucken ins Internet und sehen, wie betrunkene Burschen Grimassen schneiden, wie Touristen scheinbar den Schiefen Turm von Pisa stützen oder wie Lisa einen Pfannkuchen brät. Und sie haben „Freunde“ oder „Follower“, die sich ihre uninteressanten Bilder gerne angucken. Im Internet gibt´s sogar gute Ratschläge, wie man die Follower schlagartig um hunderte erhöhen kann. Aber ich trau dem Ganzen nicht, denn nur 38 hatten die zehn guten Tipps gelesen.

Das Telefon als Kamera

Das Selfie ist irgendwie untrennbar verbunden mit dem Handy. Nur selten sieht man Menschen, die ihren Fotoapparat weit weg strecken, um sich selber abzulichten. Klar, das Mobiltelefon hat man heute immer dabei – und es macht meist bessere Fotos als die Kamera. Vor allem aber kann man das frische Bild sofort wegschicken. Zufällige Begegnung mit einem Prominenten? Der kann sich gar nicht wehren, so schnell ist das Selfie im Kasten. Kurze Frage, Arm raus, gegrinst wie ein Schneekönig – und schon ist das atemberaubende Bild im Netz. Wen wundert´s da noch, dass heute jeder jederzeit und überall sein Handy in der Hand hält. So war´s auch neulich in einem Lokal an der Donau. Herrlicher Sonnenschein, fröhliche Menschen überall. Da ergattern drei junge Damen einen freien Tisch. Sie setzen sich – und es vergeht keine Minute, bis alle drei in ihr Mobiltelefon stieren. Gute Unterhaltung! Wahrscheinlich wollten die jungen Damen ausprobieren, ob der WLan-Hotspot an der Donau auch wirklich funktioniert.

Ein Zaubergerät für die Küche

Ich mache keine Selfies. Und ich koche nicht mit einem Thermomix. Obwohl es mich manchmal reizt, zu ergründen, was es mit diesem Küchengerät auf sich hat. Lästern Sie nur ja nicht über die moderne Allzweckwaffe der Hausfrau, es könnte gut sein, dass Ihre Gesprächspartnerin gerade 1000 und mehr Euro dafür ausgegeben hat. Fragen Sie lieber vorsichtig nach und lassen sich erklären, was das Gerät alles kann. Angeblich alles. Eine junge Mutter hat mir stolz ihre Pizza serviert, ein Produkt aus dem neuen Gerät. Sooo gut aber war die Pizza auch wieder nicht. Eine Freundin schwört auf die Kräutersuppe aus dem Thermomix, und auf die Lebkuchen, eine andere würde nie mehr konventionell Gulasch kochen.

Man hört so viel und so unterschiedliches, dass ich schon versucht war, mein Vorurteil abzulegen. Von außen schaut das Gerät ganz normal aus, die Zutaten muss man offenbar auch noch selber einfüllen, aber geführt von einem Computer, der gleich alles wiegt. Wer weiß, ob die Küchenmaschine mit meinem Gulaschrezept einverstanden wäre: Gleiche Menge Fleisch und Zwiebel, dann wird die Soße ideal.

Jedenfalls war ich neugierig geworden und wollte mir mal zeigen lassen, was das Zaubergerät wirklich kann. Eine Stunde hätte ich mir dafür gerne Zeit genommen. Aber die Vorführung sollte mindestens drei (!) Stunden dauern. Das war mir zu viel. So benütze ich weiterhin den Herd und als Hilfe den billigen Stabmixer und die Rührmaschine, die es beim Discounter im Sonderangebot gab.


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