09.06.2020, 14:12 Uhr

Archiv der Erdgeschichte 76 Meter lang, 14 Meter tief – Höhle bei Bauarbeiten in Burglengenfeld entdeckt


76 Meter lang, 14 Meter tief, in Teilen aufrecht begehbar und ein uraltes Archiv der Erdgeschichte: Bei den Bauarbeiten rund um den Toom-Baumarkt an der Umgehungsstraße ist eine durchaus stattliche Höhle entdeckt worden.

Burglengenfeld. Der Hydrogeologe Dr. Klaus Dieter Raum und die Höhlenforscherin Sabrina Huber haben sie freigelegt, vermessen und untersucht. Denn unter anderem muss geklärt werden, ob Auswirkungen auf die Burglengenfelder Trinkwasserversorgung zu erwarten sind. Der Verwaltungsrat der Stadtwerke hat daher einen so genannten Tracerversuch in Auftrag gegeben, mit dem die Fließgeschwindigkeit des Grundwassers in Richtung der Trinkwasserbrunnen im Raffa ermittelt werden soll.

Bei den Bauarbeiten der Unternehmensgruppe Küblböck an der Umgehungsstraße mussten in einem Teilbereich des Baufeldes etwa sechs Meter Lehm und Kalkstein abgetragen werden. Dabei wurde der Zugang zu einer Schachthöhle freigelegt. Und so kam die Höhle auch zu ihrem Namen: Zwicknagelschacht. Denn in der Höhlenforscher-Szene ist es guter Brauch, Höhlen nach ihrem Entdecker zu benennen. In dem Fall war es Baggerfahrer Peter Zwicknagel. Der Bauherr tat das Richtige, informierte unter anderem das Wasserwirtschafsamt Weiden, die Kooperationsgemeinschaft „Trinkwasserschutz Oberpfälzer Jura“ und die Stadtwerke Burglengenfeld als örtlichen Wasserversorger. Die zogen Evl Anders und Dr. Klaus Dieter Raum vom Sachverständigenbüro für Grundwasser Anders & Raum aus Velden an der Vils, sowie die Höhlenforscherin Sabrina Huber aus Langquaid hinzu. Schnell war den Fachleuten klar, dass die Höhle größer sein muss als das zunächst sichtbare, kleine Einstiegsloch.

Weitere Untersuchungen waren angebracht, denn: Das Gebiet, über dem sich die Höhle erstreckt, liegt teilweise im Schutzgebiet der Burglengenfelder Trinkwasserversorgung. „Natürlich fanden auch wir allein die Tatsache spannend, dass eine derart weit verzweigte Höhle entdeckt worden ist, von der bislang niemand etwas wusste. Aber für uns als Wasserversorger steht die Frage im Vordergrund: Ist der Schutz unseres Trinkwassers sichergestellt?“, sagt Stadtwerke-Vorstand Friedrich Gluth. Dazu muss man wissen: Aufgrund der geologischen Gegebenheiten in der Region des Oberpfälzer Jura ist das Grundwasser besonders gefährdet. „Unsere Trinkwasserbrunnen im Raffa liegen in einem sogenannten Karstgebiet“, sagt Gluth. Das heißt: Über Klüfte im Gestein oder über Dolinen kann Niederschlags- und Oberflächenwasser schnell ins Grundwasser gelangen. Das gilt ebenso für Schadstoffe, die mit Niederschlags- und Oberflächenwasser transportiert werden.

Das ist seit Jahrzehnten bekannt und war auch der wesentliche Grund für den Bau der Aktivkohleanlage im Raffa durch die Stadtwerke. Fachmann Dr. Klaus Dieter Raum war wenig überrascht über die Entdeckung der Höhle. Dass es Hohlräume und Klüfte in Karstgebieten und damit auch im Bereich der Bauarbeiten für den neuen Baumarkt gibt, sei zu erwarten gewesen. Und weil das Bebauungsgebiet zum Teil am Rand des Wasserschutzgebietes Burglengenfeld und in der weiteren Schutzzone für die Trinkwasser-Brunnen liegt, waren dem Bauherren im Zuge des Genehmigungsverfahrens etliche Auflagen gemacht worden. So müssen zum Beispiel wassergefährdende Stoffe so gelagert und gesichert werden, dass eine Verunreinigung des Bodens nicht erfolgt. Verbrennungsmotoren oder Aggregate dürfen nur auf befestigtem Untergrund aufgestellt werden. Baufahrzeuge dürfen im Baustellenbereich nicht auf unbefestigten Flächen betankt werden dürfen.

Der tiefste Punkt der bislang befahrenen Höhle liegt laut Dr. Raum nur circa 30 Meter über dem Grundwasserspiegel. Die Frage, die die Stadtwerke klären wollen: Wie lange würde es etwa nach einem Unfall in dem Bereich dauern, bis möglicherweise verunreinigtes Wasser im Grundwasser und bei den Trinkwasserbrunnen im Raffa ankommt? Wie lange also hätten die Stadtwerke in so einem Schadenfall Zeit, um zu reagieren? Aufschluss bringen soll ein sogenannter Tracerversuch. Dabei wird an geeigneten Stellen in der neu entdeckten Höhle mit lebensmittelechtem Farbstoff versetztes Wasser eingebracht. Anhand der Färbung kann nachvollzogen werden, welchen Weg das Wasser nimmt und wie schnell das geht. Das kann wenige Stunden dauern – oder mehrere Monate. „Man kann über der Erde nicht sehen, was unten los ist“, sagte Dr. Raum in der jüngsten Sitzung des Verwaltungsrats der Stadtwerke. Der Tracerversuch soll vorraussichtlich im Juli durchgeführt werden.

„Der Höhlenfund zeigt beeindruckend die Besonderheiten des Einzugsbereichs unserer Trinkwasserversorgung auf. Und wie wichtig es war, die Aktivkohleanlage im Raffa zu bauen“, sagt Stadtwerke-Vorstand Friedrich Gluth.

Informationen zur Höhle

„Die Höhle ist geologisch sehr, sehr interessant“, sagt Sabrina Huber, Vorsitzende des Landesverbands für Höhlen- und Karstforschung Bayern. Der Fund von Kryocalciten etwa weise darauf hin, dass die Höhle in einer einst gletscherfreien Zone liegt, aber in der Eiszeit unter Permafrostbedingungen entstanden ist. Ungewöhnlich sei die Größe der versteinerten Seelilien aus dem früheren Jurameer. Entdeckt haben Huber und Dr. Raum auch tektonische Störungsbahnen, schöne Sinterbildungen, Fossilien, Manganausfällungen und Hornsteinknollen, in einem Raum sogar Tropfsteine.

Sabrina Huber ist eine erfahrene Höhlenforscherin. Sie sagt, das Gestein sei sehr brüchig, von Rissen und Spalten durchzogen. Die Höhle könne nur mit „ausreichender Kenntnis“ der Gefahren tiefer Schachthöhlen und mit entsprechender Sicherung befahren werden. Es herrsche Absturzgefahr.


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