01.09.2020, 13:21 Uhr

Politik Die „Ghalib Kurdi“ ist das neue Rettungsschiff von „Sea-Eye“

Die „Alan Kurdi“ bekommt ein Schwesterschiff. Foto: Karsten JägerDie „Alan Kurdi“ bekommt ein Schwesterschiff. Foto: Karsten Jäger

Am Dienstagvormittag, 1. September, verkündete die Seenotrettungsorganisation „Sea-Eye“ auf einer Pressekonferenz in Regensburg, ein neues Rettungsschiff kaufen und noch in diesem Jahr in den Einsatz entsenden zu wollen.

Regensburg. Das neue Schiff soll den Namen „Ghalib Kurdi“ tragen und an den ebenfalls ertrunkenen, älteren Bruder von Alan Kurdi erinnern. Die Familie der verstorbenen Kinder unterstützt das Anliegen von „Sea-Eye“ ausdrücklich und will sich in Zukunft noch mehr bei „Sea-Eye“ einbringen. „We could not save our own family. Let's save the others“, sagte Tima Kurdi in der Eröffnung der Pressekonferenz.

Seit November 2019 verwickelt die italienische Küstenwache „Sea-Eye“ in technische Diskussionen. So kritisieren italienische Beamte, dass das Schiff keine ausreichenden Abwasser- und Müllentsorgungskapazitäten an Bord hätte. Dass deutsche Fachbehörden entschieden widersprachen, nutzte nichts. „Sea-Eye“ musste im August 2020 Klage vor dem Verwaltungsgericht in Palermo einlegen. Mit einem Urteil rechnet „Sea-Eye“ in den kommenden Wochen. „Uns wurde schon im November 2019 klar, dass Italien zunehmend versuchen wird, in diese Richtung zu argumentieren. Seit Februar arbeitet ein Projektteam vorausschauend an der Aufgabe, ein größeres Schiff zu finden, das alle Anforderungen erfüllt. Ganz gleich, ob diese gerechtfertigt sind oder nicht. Wir wollen Menschen vor dem Ertrinken retten. Das geht nur, wenn unsere Schiffe auf dem Wasser sind. Deshalb brauchen wir die ,Ghalib Kurdi‘“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von „Sea-Eye“.

Die Mitgliederversammlung der Regensburger Seenotretter gab bereits im Juni auf einer Versammlung in Erfurt grünes Licht und beauftragte den Vorstand, die vorgestellten Pläne umzusetzen. Inzwischen hat „Sea-Eye“ ein Schiff ausgesucht und sich mit einem deutschen Reeder auf einen Kaufpreis geeinigt. Die Finanzierung des Kaufpreises ist bereits durch „Sea-Eye“-Unterstützer zugesagt worden. Zu den Unterstützern gehört unter anderem die katholische Kirche. Aktuell wird der Werftplan zur Ausrüstung des Schiffs erstellt und die Verträge für die Übereignung werden ausgearbeitet. Das Schiff soll nach Übereignung der Öffentlichkeit präsentiert werden. Zeitgleich wird „Sea-Eye“ neue Partnerorganisationen vorstellen, die „Sea-Eye“-Missionen zukünftig begleiten werden. „Die zunehmenden Erschwernisse dürften für einzelne Organisationen kaum zu bewältigen sein. Wir sprechen daher mit verschiedenen, erfahrenen Organisationen darüber, sich die Aufgaben und die Verantwortung zu teilen“, sagt Isler weiter.

Fünfter Todestag von Alan, Ghalib und Rehanna Kurdi

Am 2. September 2020 jährt sich der Todestag von Alan Kurdi zum fünften Mal. Das Bild des ertrunkenen, zweijährigen Jungen erlangte traurige Berühmtheit. Kaum Beachtung fand unterdessen, dass wenige hundert Meter entfernt der leblose Körper des zwei Jahre älteren Bruders Ghalib neben der ebenfalls ertrunkenen Mutter Rehanna gefunden worden war. In einem Interview zitierte der Vater Abdullah Kurdi später die letzten Worte seines Sohnes Ghalib: „Hab keine Angst, Vater“. Abdullahs Schwester Tima Kurdi hat die Geschichte der Familie aufgeschrieben. Ihr Buch „Der Junge am Strand“ erscheint im Oktober im deutschen Buchhandel. Seit der Familientragödie nutzt sie ihre Stimme, um sich für die Rechte Geflüchteter und schutzsuchender Menschen einzusetzen. In den vergangenen fünf Jahren setzten die EU-Mitgliedsstaaten weiter auf Abschottung und Abschreckung. So ertranken in den letzten Jahren rund 20.000 weitere Menschen im Mittelmeer. Bewaffnete libysche Milizen dienen der EU inzwischen als Türsteher und die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln können nur noch als unmenschlich und grausam bewertet werden. „In the last five years, many people in Germany have committed themselves to helping refugees. Europe must now work to end the war in my home country. Europe must return to a human rights-based course and create humanitarian corridors“, sagt Tima Kurdi.

Neue Kampagne „Ehrlich gesagt“ spricht Klartext

Um Spenden für die Missionen der „Alan Kurdi“ und der „Ghalib Kurdi“ einzuwerben, startet Sea-Eye am 3. September die Kampagne „Ehrlich gesagt“. Die Idee stammt von der Hamburger Agentur Grabarz & Partner und wurde auf der Pressekonferenz von Alexander Baron vorgestellt. „Wir machen nicht nur unseren Job, wir engagieren uns auch für die Gesellschaft. Und da wir selbst nicht auf eine Mission gehen, versuchen wir wenigstens alles dafür zu tun, dass ,Sea-Eye‘ es tun kann“, sagt Baron. Die emotionale Kampagne sagt, wie es ist und kommt dabei ohne Bilder von Seenotretter oder geretteten Menschen aus. Die Kampagne wird in Regensburg, München, Berlin und Köln plakatiert.

Heimathafen Regensburg

Heimathafen des neuen Rettungsschiffes soll die Stadt Regensburg werden. Der Verein „Sea-Eye“ wurde im Oktober 2015 von Michael Buschheuer und Freunden in Regensburg gegründet. Zudem war Regensburg die erste Stadt in Bayern, die sich im Rahmen des Bündnisses Seebrücke und der Potsdamer Erklärung zu einem „Sicheren Hafen“ erklärte.

„Noch immer machen sich viele Menschen aus dem afrikanischen Kontinent über den Seeweg auf in Richtung Europa, weil sie hoffen, so kriegerischen Auseinandersetzungen, Terror, Hunger und Armut entkommen zu können. Rettungsorganisationen wie der in Regensburg beheimatete ,Sea-Eye‘ leisten eine wichtige humanitäre Aufgabe. Ich freue mich sehr, dass mit dem Schiff ,Ghalib Kurdi‘bereits das vierte Schiff der Organisation auf den Einsatz vorbereitet wird und bin stolz auf dessen Heimathafen Regensburg“, erklärt die Regensburger Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, die ebenfalls an der Pressekonferenz teilnahm. Um ein weiteres Zeichen zu setzen, stimmte die Stadt der temporären Umbenennung zweier Orte zu. So wird ab dem 3. September die „Eiserne Brücke“ für drei Monate den Namen „Michael-Buschheuer-Brücke“ tragen und das „Marc-Aurel-Ufer“ in „Alan-und-Ghalib-Kurdi-Hafen“ umbenannt. Die Idee stammt vom Künstler Dušan Zahoranský.


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