16.03.2018, 15:05 Uhr

Beeindruckende Lebensgeschichte Zwischen den Welten – ein Leben als Hochland-Indianerin in Bayern


DONAUSTAUF Geboren wurde Liseth 1980 in einem Indio-Bergdorf, mit nicht einmal einem Jahr kam sie nach Deutschland, bei der Familie Wanninger bekam sie das, was ihr in ihrem Geburtsland fehlte – Geborgenheit, Sicherheit, Liebe. Ihre Adoptiveltern sind ihre Eltern, da lässt die 37-Jährige keine Zweifel aufkommen. Mutter und Vater seien „sehr mitfühlend, sehr emotional“ – „besser hätte es nicht sein können“, schildert die Donaustauferin, „als ob es so gehört hätte“. Manchmal wird sie am Telefon sogar mit ihrer Mutter verwechselt, so ähnlich sind sich ihrer beider Stimmen. Viele Angewohnheiten ihrer deutschen Eltern hat Liseth auch an sich festgestellt – „wir nennen das immer ,Luftgenetik‘“, sagt die 37-Jährige, denn auf die Vererbung kann man sich bei Familie Wanninger nicht berufen – und doch fügt sich alles zusammen.

An Kolumbien kann sich Liseth nicht erinnern – und doch gab und gibt es in ihrem Leben immer wieder Situationen, die sich nur mit einer unbewussten Erinnerung an ihr Geburtsland erklären lassen. Liseth war vier oder fünf, so genau weiß das die Familie nicht mehr, als ihr Vater Akkordeon spielte.

Der Rhythmus erinnerte das Kind offenbar an etwas und Liseth begann zu tanzen und zu stampfen, wie es Indianer bei ihren rituellen Tänzen tun. Als Kind sammelte sie Steine, bastelte intuitiv Indianerschmuck und malte Bilder, wie sie ein Künstler aus Kolumbien malen könnte. Liseth ist sehr naturverbunden, sie ist gerne im Wald, umgibt sich mit Tieren. Und offenbar hat sie auch eine Fähigkeit von ihren leiblichen Eltern geerbt, die in unserer westlichen Welt manchmal belächelt und als Humbug abgetan wird. Liseth hat schamanische Fähigkeiten, sie erkannte schon als Kind, wenn es Menschen oder Tieren schlecht ging. Sie selbst kann sich an frühere Begebenheiten gar nicht so sehr erinnern, doch immer wieder wurde sie darauf angesprochen. In der Ausbildung zur Physiotherapeutin bescheinigte man ihr, dass sie besonders gut mit schwierigen Patienten umgehen könne.

Im Erwachsenwerden wurde der jungen Frau dann auch irgendwann klar, dass sie diese Fähigkeiten nutzen kann – und darf! Heute hat die 37-Jährige einen kleinen Laden für Schmuck und Edelsteine – „Liseths Glitzerstüberl“. Sie fertigt Schmuck für Bräute, aber auch indianische Schutzamulette. Sie arbeitet schamanisch mit ihren Klienten und setzt dabei auf die Zusammenarbeit mit der Schulmedizin. „In allem wohnt ein Geist“, sagt Liseth – auch in der Schulmedizin!

Was heute so selbstverständlich klingt, war es nicht immer. Liseth konnte manchmal mit dem Spagat zwischen den Welten nicht umgehen. Immer wieder zeigte sich, dass ihr Leben zwischen zwei entfernten Polen verläuft, die so weit auseinander sind, „wie Kolumbien von Deutschland entfernt ist“. Doch auch das passt, denn Schamanen werden nicht umsonst als „Wanderer zwischen den Welten“ bezeichnet ...

Und auch die Einflüsse von Außen sind manchmal nicht leicht zu verarbeiten. Rassismus, so berichtet Liseth, habe sie kaum gekannt, weder in der Schule noch in der Ausbildung habe es hier Vorfälle gegeben. Die gab es erst, als 2015/2016 alle nur noch von der Flüchtlingskrise sprachen. Da wurde Liseth einmal fast bespuckt, sie konnte gerade noch ausweichen. Ein anderes Mal wurde sie mitten auf der Straße von einem älteren Mann beschimpft. Erst als sie antwortete und der Mann den Oberpfälzer Dialekt zu hörnen bekam, ließ er von ihr ab.

Heute spart Liseth jeden Cent, denn sie möchte ihren Vater wieder nach Deutschland holen, zumindest für ein paar Wochen auf Besuch. Im Jahr 2015 hatte die Donaustauferin ihre leiblichen Eltern endlich gefunden, 2016 kam ihr Vater nach Deutschland. In unzähligen Telefonaten vorher hatten sie sich kennengelernt, Liseth lernte Spanisch – und als der Tag kam, als ihr Vater landen sollte, überkam sie die Angst. Was, wenn man sich nicht sympathisch findet? Wenn man keine gemeinsame Basis findet? Im Nachhinein waren all die Sorgen völlig unbegründet. Die erste Begegnung zwischen Vater und Tochter war, als ob sich beide schon immer gekannt hätten. Sie haben sich sofort gut verstanden, „von Herz zu Herz“, sagt Liseth. Ihre deutschen Eltern haben sie bei der Suche unterstützt und ermutigt und so passierte es, dass sie sich auf einem Sofa wiederfand, sie saß zwischen ihren beiden Vätern, die Mutter ebenfalls dabei. Man schaute Fußball. Und alles war gut!


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