Körperwelten live „Wir haben noch einige Leichen im Keller“

Von Christian Eckl, 07.02.2018, 08:34 Uhr
Im Plastinarium in Guben sieht man den Unterschied zwischen der herkömmlichen Methode, Präparate herzustellen (links) und der von Gunther von Hagens erfundenen Methode. (Foto: Christian Eckl)

Die Körperwelten kommt ins DEZ – wir waren dort, wo die Präparate entstehen. In einer ehemaligen Hutfabrik an der polnischen Grenze betreibt Gunther von Hagens und sein Sohn Rurik ein Plastinarium, das nicht nur Ausstellungsstücke herstellt – sondern Anschauungsmaterial für Ärzte aus der ganzen Welt.

REGENSBURG/GUBEN Dr. Tod, wie der Spiegel ihn auf dem Cover einst nannte, er wirkt quicklebendig. Und das, obwohl Gunther von Hagens an Parkinson leidet. Man versteht ihn schwer, als der 66-Jährige dort hin geht, wo heute insgesamt 75 Mitarbeiter sein Lebenswerk weiterführen: Der schillernde Mediziner hat nicht nur die Kunst der Präparation von Leichen perfektioniert. Er hat den Lebenden durch Tote das Leben erklärt.

Hier, an der Neiße, am Rande Ostdeutschlands, Polen gegenüber, in der Kleinstadt Guben hat Gunther von Hagens vor zehn Jahren eine verfallene Hutfabrik gekauft. Heute werden hier nicht nur Präparate hergestellt, mittels derer an Universitäten auf der ganzen Welt Ärzte ausgebildet werden. Hier entstanden auch viele der Plastinate, die man von einer der erfolgreichsten Ausstellungen der Welt kennt: den Körperwelten. Ab 16. Februar ist die Ausstellung im Donau-Einkaufszentrum zu sehen. Doch was erwartet die Besucher?

Eine Begegnung mit der eigenen Sterblichkeit, allemal. Wer das Plastinarium in Guben betritt, hat sich auf eine Reise begeben, die nichts für schwache Nerven ist. Etwa 17.000 Körperspender gibt es, die ihren Leichnam postmortal der Wissenschaft – oder der Kunst, je nachdem, wie man es sieht – zur Verfügung stellen wollen. 2.000 davon sind bereits präpariert, stehen entweder in den Ausstellungen Gunther von Hagens oder ihre Organe, Gliedmaßen, ja auch ihre Köpfe sind, je nach Bedarf, zu faszinierenden Anschauungsobjekten für die Wissenschaft geworden.

„Irgendwann wird es zur Routine und man denkt nicht mehr so sehr darüber nach, dass hier ein Mensch mit einer Geschichte liegt“, sagt Felix Krause. Der 25-Jährige präpariert gerade ein Bein. „Aber wenn man zum Beispiel Brüche in den Knochen sieht, die mancher alte Mensch hat und die er nicht mehr behandeln ließ, dann fragt man sich schon: Was ist da wohl geschehen?“ Sein Kollege Frank Zscholpig präpariert gerade an einem Kopf, dessen Gesicht abgespalten wurde. Zum Vorschein kommen die Augenhöhlen, man sieht den Muskel, der die Pupille bewegt. „Man braucht viel Erfahrung, um einen Kopf präparieren zu dürfen“, sagt der gelernte Hutmacher, der vor zehn Jahren ins Plastinarium kam. Das Gehirn ist entfernt, der Auftraggeber, eine Universität, hatte andere Anforderungen. Doch natürlich wird auch das Gehirn zu einem Plastinat verarbeitet. Der Tod ist hier allgegenwärtig.

Doch eigentlich ist es ein Ort, an dem das Leben veranschaulicht wird. Rurik von Hagens ist der Sohn des Mannes, der die Präparation von Leichen revolutionierte. „Wir haben hier bewusst offene Türen“, sagt der gelernte Kaufmann. Die Zeit der Kontroversen ist vorbei, doch immer wieder flammt sie auf. Erst kürzlich kam es zu Protesten von evangelischen Christen. „Ausgerechnet zwei katholische Pfarrer haben für uns das Wort ergriffen“, erzählt Rurik verschmitzt.

Die Frage, die sich stellt: Darf man das? Tote in einer Ausstellung präsentieren? Nun, immer wieder haben Gerichte darüber entschieden. In München beispielsweise berief sich die Stadt auf die Bestattungsgesetze, wonach Leichen zu beerdigen seien. „Die Freiheit der Wissenschaft ist höher zu werten“, urteilten die Richter. Einer der größten Kritikpunkte bleibt bis heute: Warum zeigt man die Figuren beim Schachspielen? Beim Sport? Ja sogar beim Sex? „Der Schachspieler sitzt da, weil man an seiner Pose auch das Nervensystem zeigen kann“, sagt Rurik von Hagens.

Der Tod war ja einst ein Teil des Lebens. Die Großeltern-Generation, die Krieg und Verheerung erlebte, sie hat oft früh Leichen gesehen. „Einst gab es anatomische Theater, die für die Öffentlichkeit zugänglich waren“, sagt von Hagens. Heute regt der Tod und seine Darstellung wieder Kulturkämpfe an.

Und doch: Durch die Körperwelten haben zwischenzeitlich Millionen von Menschen den Körper und seine Organe von innen gesehen. Sie können sich fragen: Was ist der Mensch? Aus was besteht er?

Und versteht man ihn besser, wenn man ihn von innen sieht? Religiös betrachtet, ist der Mensch vielleicht eine Art göttliche Maschine. Und sein Schöpfer so etwas wie ein übernatürlicher Mechaniker, der aber nicht Metall und Drähte verwendet, sondern Venen und Arterien, Nervenstränge, Sehnen und Muskeln. Denn auch wenn die Körperwelten zeigen, aus welchem Material wir sind: Das Geheimnis, die Seele, macht den Menschen doch so faszinierend.

Es gibt kein Geld für die Körperspende

Körperspender kann übrigens jeder werden. Und auch eine Organspende schließt die Körperspende nicht aus. Es gibt sogar ein Plastinat, das von einem toten Kind gefertigt wurde. „Die Eltern und das Kind haben dem zugestimmt“, sagt Rurik von Hagens. Spender haben einen Ausweis. Wenn sie sterben, dann kommt das „Bodymobil“ und bringt den Leichnam nach Heidelberg oder Guben, je nachdem, was näher liegt. Die Körper durchlaufen verschiedene Prozesse, sie werden entwässert, entfettet – und eben plastiniert. „Wir bezahlen nur die Überführungskosten, sonst gibt es kein Geld für eine Körperspende“, so von Hagens. „Aber wir haben noch genügend Leichen im Keller.“

Als „Dr. Tod“ an die Präparationstische geht, begegnen ihm die Mitarbeiter mit großem Respekt. Für die Fotografen posiert der Parkinson kranke Mediziner, sagt dann: „Gute Arbeit.“ Die Vergänglichkeit des Menschen ist sein Leben. Am Tod hat er das Leben kennen gelernt.

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