01.02.2018, 11:01 Uhr

Ein Tattoo aus Liebe Aus Trauer um seine tote Frau lässt sich dieser Senior (79) tätowieren


Vergissmeinnichtblumen ranken sich um den Unterarm von Herbert Spießl. Bald feiert er seinen 80. Geburtstag, aber groß zum Feiern ist ihm nicht zumute. Das Tattoo auf seinem rechten Arm stammt nicht aus einer wilden Rocker-Jugend – es ist ganz frisch: Mit 78 Jahren hat er beschlossen, es sich aus Liebe und in Erinnerung an seine verstorbene Frau stechen zu lassen. „Für meine Frau ... zwei Vergissmeinnichtblüten und ihr Name ... Renate“, seine Stimme bricht ihm unter den stumm tropfenden Tränen weg. Der Tod hat sie getrennt, doch sein Herz und seine Gedanken sind immer bei ihr. Seit inzwischen zwei langen Jahren.

REGENSBURG Er sitzt gebeugt auf seiner Bettkante, im T-Shirt, das Tattoo gut sichtbar. Seine hinter Brillengläsern versteckten Augen blicken traurig, sehr traurig, ein bisschen leer, fast so, als wollte er durch diese Welt hindurch sehen und sie mit Erinnerungen füllen. „54 Jahre waren wir verheiratet“, erzählt Spießl. „Ich bin dort, wo sie gearbeitet hat mit dem Moped vorbei gefahren und habe ihr gewunken.“ Jede Erinnerung birgt einen unendlich großen Schmerz über den Verlust seiner Frau. „Ich habe alles an ihr geliebt“, schluchzt Spießl mit erstickender Stimme.

Bei einer Tanzveranstaltung haben sich die beiden kennengelernt. Es wurde viel getanzt damals – zu Elvis natürlich, denn Elvis verehrt Spießl bis heute. Schließlich sind sie zusammengekommen. Und für viele, viele Jahre zusammengeblieben. Bis das Schicksal sie vor zwei Jahren auseinander riss. „Den Knochenkrebs hätte man früher feststellen und sie heilen können“, ist sich Tochter Carmen Mirwald sicher. Aber die Beschwerden von Renate Spießl wurden sehr lange auf ihre Osteoporose geschoben, bis es dann zu spät war.

„Meine Eltern führten eine gute Ehe. Natürlich gab es auch bei ihnen Höhen und Tiefen. Die gibt es immer“, erzählt Carmen Mirwald aus ihrer Erinnerung. „Meine Mutter kam als kleines Mädchen nach dem Krieg zu ihrer Tante nach Regensburg.“ Die Domstadt wurde schnell zur neuen Heimat und auch die junge Frau wollte später nicht zurück nach Göttingen. Sie blieb in Regensburg, ihr Leben lang. An der Seite von Herbert Spießl. „Ihr Garten war immer ihr ein und alles, sie liebte Blumen!“, erinnert sich ihre Tochter.

„Kinder und Enkel hatten nichts einzuwenden“

Und eben diese Blumen waren es, die sich Spießl auf seinem Unterarm tätowieren lies. „Es war seine Idee mit dem Tattoo. Wir Kinder und Enkel hatten da auch nichts einzuwenden – einige von uns haben selber Tattoos. Mein Vater wollte schon immer mal ein Tattoo haben, nur der Mama hat das nicht so gefallen, das mag sie nicht, hat sie gesagt.“ Ein wenig ironisch ist es ja schon, dass nun genau die Erinnerung an Renate Spießl auf dem Tattoo dargestellt ist.

„Ich war sehr gerührt von seiner Lebensgeschichte. Er war mein bisher ältester Kunde“, erzählt Tätowiererin Moni Schmid, die ihm in etwa einer Stunde das Tattoo stach. „Es ging schnell und hat gar nicht weh getan“, erzählt Spießl. Kein äußerer Schmerz scheint nur annähernd an den inneren Seelenschmerz heranzukommen. Etwas Trost findet er dennoch bei seiner Familie: „Ich habe drei Töchter und einen Sohn, einen Stammhalter. Und dann noch 14 Enkel und 18 Urenkel.“ Und von dieser großen Familie bekommt er regelmäßig Besuch und Unterstützung. „Ich bin fast jeden Tag bei ihm“, erzählt Tochter Carmen. „Und wenn meine Enkel da sind, dann gehen wir ihn immer besuchen!“

Eine traurig-schöne zu Tränen rührende Liebesgeschichte wie aus dem Hollywood-Film? Ein bisschen auf jeden Fall. Aber nicht nur, wie sich Tochter Carmen erinnert: „Mein Vater hat meine Mutter sehr geliebt, aber hat es ihr nie so richtig zeigen können. Er ist da weniger Gefühlsmensch gewesen, aber nach dem schnellen Tod ging es uns natürlich allen schlecht und ihm besonders.“

Und so zeigt Herbert Spießl heute allen anderen mit seinem Tattoo, wie wichtig es ist, die Wertschätzung den Menschen zu geben, die wir lieben, solange wir es können. Und ihnen vielleicht einfach mal so an einem nebeligen Regentag einen Topf Vergissmeinnichtblumen auf den Küchentisch zu stellen.


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