20.07.2018, 12:03 Uhr

Rettung vor den Amerikanern Drei Mädchen retteten 1945 ihren Bruder vor dem sicheren Tod


Ein Kriegserlebnis wird für die Familie Bauer immer in Erinnerung bleiben.

ARNSTORF Elisabeth Bauer sitzt in ihrem Wohnzimmer in Westerndorf und schaut hinüber auf den Nachbarort Mariakirchen mit dem Schloss und dem Kirchturm. So idyllisch wie Mariakirchen heute ist, ging es dort in den letzten Kriegstagen 1945 beileibe nicht zu: Panzer gingen in Stellung und die Amerikaner durchkämmten Haus um Haus nach deutschen Soldaten. Auch auf dem Hof der Familie Bauer wurden sie fündig und nahmen Alfons Bauer mit nach Mariakirchen. Seinen drei Schwestern ist es letztlich zu verdanken, dass er vor dem sicheren Tod gerettet wurde.

Es herrschte Chaos gegen Ende des Krieges, auch im Umland von Arnstorf. Die Söhne der Familie Bauer, Sepp und Alfons, waren an der Front, die Eltern und die drei Schwestern Karolina („Lina“), Zenta und Maria („Ria“) mussten mit den Eltern und einem gefangenen Franzosen die Arbeit am Hof verrichten.

Immer mehr Menschen flüchteten aus den Städten, die bombardiert wurden. Mehr als 30 fanden auf dem Hof der Bauers in dieser Zeit Unterschlupf. Viele Menschen kamen auch, um irgendetwas Essbares zu erbetteln. Am 1. Mai rollten dann amerikanische Panzer an und tags darauf durchsuchten die Amerikaner zu Fuß jedes Haus. Alfons Bauer weilte gerade auf Genesungsurlaub daheim. An der Ostfront hatte er eine schwere Verletzung davon getragen. Sein Bruder Sepp war bereits im Februar 1945 an der Westfront gefallen.

Die Amerikaner nahmen Alfons mit nach Mariakirchen, wo er mit anderen Gefangenen in einem Garten untergebracht wurde. Die drei Mädchen hatten schon ihren Bruder Sepp verloren und wollten nicht auch noch Alfons verlieren. Sie machten sich auf die Suche nach ihm und fanden ihn, bewacht von zwei amerikanischen Soldaten in Mariakirchen.

Zwei Amerikaner kamen dann auf die Mädchen zu und sprachen sie an. Doch die Mädchen verstanden kein Wort und sagten nur: „Unser Bruder“. Die Amerikaner gingen dann für längere Zeit weg und als sie wieder kamen, sagten sie nur: „Du nach Hause mit Schwester“. Als die Mädchen mit Alfons zurückkehrten, herrschte im Elternhaus helle Aufregung und pure Freude, denn die Eltern hatten geglaubt, dass womöglich alle vier ihrer Kinder von den Amerikanern erschossen wurden.

„Die Geschichte hat mir meine Schwägerin Ria erzählt. Die Schwestern haben meinem späteren Mann das Leben gerettet, denn von jenen Männern, die in Mariakirchen von den Amerikanern gefangen genommen wurden, kehrte keiner mehr lebend heim, nur der Alfons“, berichtet Elisabeth Bauer.

Sie selbst stammt aus einem Bauernhof bei Schönau und heiratete später Alfons Bauer. „Er hatte durch den Krieg eine kaputte Lunge. Später bekam er dann Krebs und die Ärzte meinten, er habe nicht mehr lange zu leben. Das war mit 61 Jahren. Es wurden dann aber noch 13 Jahre und er starb mit 74“, blickt Elisabeth Bauer zurück.

Von ihrer Schwägerin Lina erhielt sie später ein Buch mit den Erinnerungen und Fotos der Familie. Darin enthalten auch die Rettungstat von 1945. Noch oft schaut Elisabeth Bauer hinein und freut sich über die wundersame Rettung ihres Mannes.

Von den drei Schwestern lebt heute nur noch Ria, sie ist inzwischen 92 Jahre alt und wohnt am Ammersee. „Geistig ist sie noch voll da“, freut sich Schwägerin Elisabeth. Lina Bauer heiratete nach dem Krieg und lebte in Hessen. Wie ihre Schwester Zenta wurde sie 93 Jahre alt.

Die Lebenserinnerungen ihrer Schwägerin hat Elisabeth Bauer auch ihren Kindern zukommen lassen. Die Ereignisse von 1945 sollen den Bauers immer in Erinnerung bleiben. „Die heutige Generation kann sich ja gar nicht mehr vorstellen, wie es damals zuging“, sagt Elisabeth Bauer – und blickt wieder hinüber nach Mariakirchen, wo ihr Mann Alfons einst von seinen drei Schwestern unter Mithilfe von zwei amerikanischen „Schutzengeln“ gerettet wurde.


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