08.01.2020, 09:58 Uhr

Ausgrabungen im Landkreis Historische Funde auf Gelände des neuen Landratsamtes geben Rätsel auf


Dort, wo in einigen Jahren das neue Landratsamt Landshut stehen soll, haben Archäologen jetzt herausragende Funde gemacht. Die Wissenschaftler stießen auf dem Gelände in Essenbach bei ihren Untersuchungen unter anderem auf einen 4.200 Jahre alten Friedhof aus der Jungsteinzeit neben der Musikschule der Marktgemeinde. Zwei Abfallgruben stellen die Wissenschaftler vor ein Rätsel.

ESSENBACH In der Gegend rund um die Marktgemeinde werden immer wieder aufsehenerregende Funde gemacht. Die Region vor den Toren der niederbayerischen Bezirkshauptstadt ist seit 7.500 Jahren dicht besiedelt. „Grund für diese Siedlungsbewegungen ist die Ablagerung fruchtbarer Böden in Form einer Hochterrasse der Isar von Bruckberg bis Essenbach. Noch heute prägt diese Terrasse sichtbar die Landschaft“, so der Kreisarchäologe Dr. Thomas Richter.

Damit nach der Planungsphase für das neue Landratsamt in Essenbach die Bagger und Kräne anrollen können, hat die Kreisarchäologie Landshut bereits im vergangenen Jahr erste bauvorgreifende archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Der erste Teil der weitläufigen Fläche wurde im vergangenen Jahr, von Anfang Juli bis Mitte Oktober, archäologisch untersucht. Innerhalb von 56 Arbeitstagen wurde auf einer Fläche von rund 20.000 Quadratmetern gegraben und freigelegt. Dabei sind die Kreisarchäologen fündig geworden. Sie entdeckten Siedlungsspuren der späten Bronzezeit (ca. 1.300 bis 800 v. Chr.), der frühen Eisenzeit (ca. 800 bis 475 v. Chr.) und einen kleinen Friedhof der ausgehenden Jungsteinzeit (2.600 bis 2.200 v. Chr.). Das restliche Areal ist etwa gleich groß und wird 2020 unter die Lupe genommen.

„Die nahezu über die gesamte Grabungsfläche verteilten Siedlungsspuren der späten Bronze- und frühen Eisenzeit zeigen deutlich, dass das Grundstück des zukünftigen Landratsamtes zu dieser Zeit mit mehreren Höfen besiedelt war“, heißt es in einer Stellungnahme des Landratsamtes. Neben den Resten der ehemaligen Häuser, deren Funktionsgebäuden und auch eines Brunnens fanden sich am Rand der Grabungsfläche zwei Abfallgruben deren Inhalt Rätsel aufgibt. In ihnen lagen kiloweise Keramikscherben. „Die Keramik war so dicht in die Grube gepackt, dass sich dazwischen kaum Erde befand. Teilweise handelte es sich um einst vollständige Gefäße, die erst in der Grube zerbrachen, teilweise um die Einzelteile bereits zerbrochener Gefäße. Alle Scherben haben aber gemeinsam, dass die Keramik kurz vor oder kurz nach ihrer Ablagerung in der Grube einem Feuer ausgesetzt gewesen sein muss“, so Richter.

Auch der bisher schönste Fund der Grabung des vergangenen Jahres, eine vollständig erhaltene sogenannte Vasenkopfnadel stammt aus einer dieser Gruben. Vasenkopfnadeln waren in der Zeit zwischen 1.300 und 1.000 v. Chr. im süddeutschen, österreichischen und schweizer Raum in Mode. Sie dienten zum Verschließen von Überhängen und Kleidern. Die Nadel war, wie auch die Keramik, bevor sie in der Grube entsorgt wurde, dem Feuer ausgesetzt.

Unklar ist, warum Keramik und Nadel verbrannt und anschließend in der Grube entsorgt wurden. Vergleiche mit ähnlichen Befunden aus anderen Ausgrabungen legen zwei Erklärungen nahe: Es könnte sich bei der Zerstörung der Geschirrsätze um rituelle Handlungen gehandelt haben. Wie aber die Gewandnadel mit dieser Erklärung in Zusammenhang zu bringen ist, muss noch untersucht werden. Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass in den Gruben schlicht der zerstörte Hausstand eines oder mehrerer abgebrannter Häuser entsorgt wurde.

Rätselhaft ist auch die Kultur, aus der der kleine Friedhof neben der Musikschule stammt. Die Archäologen nennen sie Glockenbecherkultur (2.600- 2.200 v. Chr.). „Wir kennen Gräber dieser Kultur von der portugiesischen Atlantikküste bis nach Ungarn und von Schottland bis Sizilien. Durch schnelle Ausbreitung über Europa ist es unwahrscheinlich, dass sie sich durch die Wanderung von Menschengruppen so verbreitet hat“, erklärt Richter. Vielmehr geht die Archäologie heute davon aus, dass es sich um eine Art neue Religion oder Ideologie gehandelt hat, die sich in Windeseile über Europa verbreitete.

Für diese Annahme spricht auch die Tatsache, dass die Toten in einem strengen Ritus beigesetzt wurden. Sie liegen stets in Embryonalstellung, als sogenannte Hocker, im Grab. Dabei bettete man die Frauen auf die rechte Körperseite, mit ihrem Kopf Richtung Süden, die Männer genau anders herum: auf die linke Seite, mit ihrem Kopf Richtung Norden. Häufig finden sich bei den Toten Keramikgefäße in Form einer Glocke, die der Kultur ihren Namen gaben. Während einzeln liegende Gräber der Glockenbecherkultur immer wieder auftauchen, sind ganze Friedhöfe in Niederbayern bisher erst ein paar Mal entdeckt worden. Der Essenbacher Friedhof bestand aus sechs Gräbern. Beigaben fanden sich, mit Ausnahme einer Haarnadel aus Tierknochen, nicht. „Da bisher kaum Siedlungen aus dieser Zeit bekannt sind, wissen wir nicht, wie die Dörfer der Menschen der Glockenbecherkultur ausgesehen haben. Auch in Essenbach fand sich bisher nur der Friedhof. Ob die zugehörige Siedlung an den Friedhof angrenzte, werden die Grabungen in diesem Jahr zeigen“, so der Kreisarchäologe.


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