16.10.2019, 08:38 Uhr

„Was passiert, ist Täterschutz“ Fiese Prügelattacke vor der Ergoldinger Grund- und Mittelschule

Vor der Grund- und Mittelschule in Ergolding wurde in der letzten Woche ein 12-Jähriger von drei Mitschülern brutal zusammengeschlagen. (Foto: Schmid)Vor der Grund- und Mittelschule in Ergolding wurde in der letzten Woche ein 12-Jähriger von drei Mitschülern brutal zusammengeschlagen. (Foto: Schmid)

In der Obhut der Schule sollen Kinder sicher sein. Doch was, wenn die Schutzbefohlenen Schläger sind und ihr Opfer ein Schulkamerad ist? Derzeit sorgt ein Vorfall an der Grund- und Mittelschule in Ergolding für Aufregung. In der letzten Woche soll ein 12-Jähriger von Mitschülern im Alter von 14 und 15 Jahren an der Schulbushaltestelle vor der Schule brutal niedergeschlagen und getreten worden sein. Die Polizei ermittelt gegen drei Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren, wie sie auf Anfrage mitteilt.

LANDSHUT Seit Montag gehen zwei der Schüler, gegen die die Polizei ermittelt, nach einem fünftägigen Schulausschluss wieder zur Schule. Sie sitzen in der Klasse des Opfers – und sollen da auch bleiben. „Was hier passiert, ist für mich Täterschutz“, sagt die Mutter des Opfers empört.

Florian B. (Name von der Redaktion geändert) erwischte es am Dienstag gegen 13 Uhr bei der Bushaltestelle. Plötzlich, erzählt seine Mutter, habe den 12-Jährigen ein Faustschlag mitten ins Gesicht getroffen. Mit blutender Nase sei der Bub zu Boden gegangen. Dort hätten ihn weitere Schläge und Tritte getroffen. Obwohl viele andere den Überfall gesehen hätten, sei ihrem Sohn niemand zu Hilfe gekommen. „Sie haben weggeschaut. Keiner hat es gemeldet. Die hatten alle Angst“, sagt die Mutter.

Weil Florian Eishockey spielt, weiß er zum Glück, wie er seinen Kopf schützen muss. Laut Zeugenaussagen, so die Mutter, hätten vor allem zwei aus dem Trio geschlagen und getreten. Sie bringt ihren Sohn ins Krankenhaus, kurz darauf erstattet sie bei der Polizei Anzeige gegen das Trio.

Der Arzt hat Florian jetzt, eine Woche nach dem Überfall, für weitere zwei Wochen krankgeschrieben. Nicht weil die Verletzungen so gravierend wären – außer einer Schwellung an der Schläfe gibt es kaum mehr sichtbare Spuren. Doch der Bub hat Angst, seinen Peinigern zu begegnen. Von denen ist einer bei der Polizei bestens bekannt. 31 Einträge habe er bereits, hauptsächlich wegen mehrerer Graffiti, erklärt die Behörde. Dieses Mal geht es aber nicht um Schmierereien. Ermittelt wird wegen gefährlicher Körperverletzung.

Die Grund- und Mittelschule in Ergolding steht derweil vor einer schwierigen Situation. Wie kann es nach so einem Vorfall mit Tätern und Opfern in der Schulgemeinschaft weitergehen? Für die Mutter unverständlich: Die Schule habe ihr zu verstehen gegeben, dass sie die Peiniger ihres Sohnes nicht versetzen möchte, weil das problematisch und nicht einfach zu lösen wäre. Stattdessen habe man ihrem Sohn angeboten, die Klasse zu wechseln.

Zwar weiß auch die Mutter, dass die Schule nicht viel mehr Möglichkeiten hat, als die Täter ein paar Tage vom Unterricht zu suspendieren und der Schulleitung „die Hände gebunden sind“. Dass aber ihrem Sohn zugemutet werden soll, Tag für Tag mit ihnen im Unterricht zu sitzen, oder die Klasse wechseln soll, findet sie unmöglich. Schließlich sei er das Opfer. Dabei ist der Bub durch seinen Sport alles andere als zart besaitet. Auch hat der 12-Jährige vor zwei Jahren selbst einmal Ärger bekommen, weil er bei einer Rauferei mit einem Mitschüler dem zwischen die Beine getreten hatte. „Das will ich auch gar nicht verschweigen“, sagt seine Mutter. Allerdings habe das, was in der letzten Woche vor der Schule in Ergolding passiert ist, dann doch eine ganz andere Qualität. Wegen der Tritte und Schläge habe der Sachbearbeiter bei der Polizei sogar überlegt, den Fall an die Kriminalpolizei abzugeben, erzählt sie.

Gut findet sie, dass die Schule die Schüler, die Zeugen des Überfalls geworden sind und nichts unternommen hatten, unterwiesen hat, wie sie sich in solchen Fällen künftig verhalten müssen. Dennoch ist das für sie aber nur ein schwacher Trost. Bis nach den Herbstferien, so lange dauert Florians Krankschreibung, wolle sie jetzt eine neue Schule für ihren Sohn finden, sagt sie. Er soll den Schlägern nicht mehr begegnen müssen.

Für das Staatliche Schulamt gibt es in dem Fall dagegen nur noch eine pädagogische Lösung. Rein rechtlich wäre seitens der Schule bereits das passiert, was in so einem Fall passieren kann, wie Schulamtsdirektor Michael Kugler erklärt. „Der Schulausschluss ist laut dem Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz (BayEUG) eine relativ hohe Strafe.“ Das wäre hier sofort passiert. Die tatverdächtigen Schüler ein zweites Mal für die gleiche Tat zu bestrafen, durch eine Versetzung an eine andere Schule oder in eine andere Klasse, wäre schwer möglich. Die Schule würde sich dann juristisch angreifbar machen. Dem Opfer könne man natürlich anbieten, die Schule zu wechseln, damit er seinen Peinigern nicht mehr begegne. „Doch dann würden wir ja das Opfer bestrafen“, so Kugler.

Deshalb würde bereits mit allen Beteiligten intensive Gespräche geführt, die Sozialpädagogen an der Schule seien eingeschaltet worden. „Wir kümmern uns“, beteuert Kugler. Alle Beteiligten für Gespräche an einen runden Tisch zu holen, dürfte allerdings schwierig werden. Florians Mutter: „Es hat sich bislang noch niemand bei mir entschuldigt. Ich will auch eigentlich keinen Kontakt.“


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