22.05.2019, 15:18 Uhr

„Ärmel hoch gegen Blutkrebs“ Kerstin rettet ein Leben – doch eine Heldin will sie nicht sein!

Obwohl sie mitten im Abistress steckt, stand für Kerstin Merthan außer Frage, spenden zu wollen. (Foto: privat)Obwohl sie mitten im Abistress steckt, stand für Kerstin Merthan außer Frage, spenden zu wollen. (Foto: privat)

Mitten im Abiturstress schenkt die 19-jährige Kerstin Merthan einem Leukämie-Patienten durch ihre Stammzellen-Spende neue Hoffnung. Im Wochenblatt erzählt die Mammingerin jetzt ihre Geschichte, mit der sie andere Menschen dazu bewegen will, sich ebenfalls typisieren zu lassen.

MAMMING Es gibt Tage, die ein ganzes Leben für immer verändern. Im Fall von Kerstin Merthan aus Mamming sind es sogar zwei: ihr eigenes und das eines für sie Unbekannten. Denn die 19-jährige Schülerin ist eine echte Lebensretterin! Mit einer Stammzellenspende hat sie in der vergangenen Woche – mitten unter ihren Abiturprüfungen – einem Leukämie-Patienten neue Hoffnung gegeben und geht damit am Aktionstag „Bayern gegen Leukämie“ mit bestem Beispiel voran, warum es keine Ausreden gibt, sich nicht typisieren und in die Spenderdatei der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) aufnehmen zu lassen.

Ein Blick zurück: Zum Jahreswechsel 2016/2017 erfährt die damals 17-Jährige vom Schicksal des kleinen Jan aus Marklkofen. Der erst Zweijährige hat Leukämie und sucht dringend einen geeigneten Spender. Für Kerstin und ihre Tanzgruppe keine Frage: Da lassen wir uns typisieren! Ein kleiner Piks und ein paar Tropfen Blut reichen aus, um über eine Laboranalyse herauszufinden, ob man als Spender geeignet ist. Eine Alternative ist der Abstrich der Wangenschleimhaut mit einem speziellen Wattestäbchen aus dem sogenannten „Lebensretterset“, das man an die Stiftung AKB schickt.

Fast zwei Jahre sind danach vergangen, ehe Kerstin Merthan am 1. Januar 2019 eine der wohl wichtigsten E-Mails ihres Lebens erhält. Sie solle sich doch bitte dringend bei der AKB melden! „Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern. Ich war gerade mit meinem Freund in Hamburg, als die Mail kam. Im ersten Moment war ich ziemlich überrascht, da ich meine Typisierung fast schon wieder vergessen hatte und umso erstaunter, dass ich jetzt tatsächlich als Spenderin in Frage kommen würde.“ Zumal die Chance, dass für Erkrankte ein Fremder mit fast den gleichen Gewebemerkmalen gefunden wird, von eins zu 200.000 bis eins zu mehreren Millionen reicht.

Nach ihrer Rückkehr geht es zum Hausarzt, der nochmal Blutproben nimmt und sie zur „Feinabstimmung“ an das AKB-Labor schickt. Und tatsächlich: Ihre Gewebemerkmale stimmen mit denen des Leukämie-Patienten, der so dringend eine Stammzellenspende benötigt, perfekt überein! Drei weitere Monate vergehen, ehe die 19-Jährige den entscheidenden Anruf bekommt, dass nun alles für die Spende vorbereitet würde.

Obwohl Kerstin Merthan gerade mitten in den Vorbereitungen für ihre Abiturprüfungen steckt, steht für die 19-Jährige außer Frage, dass sie spenden will: „Da gab es überhaupt keine Überlegung! Denn ganz ehrlich: Was gibt es Wichtigeres als das Leben? Da geht die Gesundheit ganz klar vor!“

Bei den darauffolgenden Voruntersuchungen wird die Mammingerin nochmal gründlichst durchgecheckt und ausführlich über das weitere Prozedere aufgeklärt. Ihre Stammzellen sollen, so wie in 80 Prozent der Fälle, ambulant der Blutbahn entnommen werden. Dafür ist es notwendig, dass sich die Schülerin vier Tage vorher ein Medikament spritzt, damit die Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut „wandern“.

Auch von möglichen Nebenwirkungen wie Kopf- und Gliederschmerzen lässt sich die 19-Jährige nicht abschrecken. „Es ist schon ein krasses Gefühl, wenn man sich bewusst wird, dass man dadurch einem Menschen das Leben retten kann. Da nimmt man solche kurzzeitigen Nebenwirkungen gerne in Kauf.“ Zumal ein Rückzieher des Spenders in dieser Phase den sicheren Tod des Leukämie-Patienten bedeuten würde. Denn dessen gesamtes Immunsystem wird vor der Spende quasi „gelöscht“.

Wer der Empfänger ihrer Stammzellen ist, weiß die Mammingerin übrigens nicht. Sowieso hätten dessen Alter, Geschlecht oder Herkunft nie eine Rolle für die Entscheidung zum Spenden gespielt. Den einzigen Wunsch, den Kerstin Merthan nur hat: dass die Stammzellenspende erfolgreich war und der- oder diejenige wieder gesund wird. „Dafür beten wir jeden Tag!“

Über die erhoffte Genesung wird sie allerdings von der AKB auf dem Laufenden gehalten. Und sollte alles gut laufen, dürfen sich Spender und Empfänger anonym Briefe schreiben. Nach zwei Jahren, und wenn beide Seiten Interesse bekunden, wäre ein Treffen möglich. Kerstin würde sich das auf jeden Fall wünschen. „Aber nicht, weil ich Anerkennung oder so will, sondern einfach nur, weil ich neugierig bin, welcher Mensch mit welcher Geschichte dahinter steckt“, so die Abiturientin.

Überhaupt geht es der Mammingerin bei der ganzen Sache nicht darum, jetzt oder später von irgendjemanden als „Heldin“ gefeiert zu werden. „Ich erzähle meine Geschichte, weil ich alle Menschen dazu aufrufen will, sich typisieren zu lassen. Ich will zeigen, dass es ganz leicht ist, einem Menschen zu helfen, es keine Ausrede gibt, sich nicht typisieren zu lassen, und man überhaupt keine Angst vor der Spende haben braucht“, so Kerstin Merthan. „Ganz ehrlich, ich bin gerade was Krankenhäuser anbelangt auch super ängstlich, aber ich habe es auch geschafft. Es kann wirklich jeder! Dafür muss man kein Superheld sein!“

Weitere Infos zu Typisierungsaktionen und zum Lebensretterset gibt es unter www.akb.de


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