16.09.2019, 16:57 Uhr

Integration über Arbeit „Wir wollen nichts geschenkt, wir wollen nur bleiben!“


Nach ihrer Flucht aus der Ukraine leben die Yankins in Altötting und sind gut eingegliedert. Dennoch droht die Abschiebung

ALTÖTTING. Familie Yankin sitzt auf gepackten Koffern. Obwohl sie bereits vor fünf Jahren aus der von Krisen geschüttelten Ukraine als Asylsuchende nach Deutschland gekommen sind, ist es noch immer nicht geklärt, ob sie bleiben dürfen. Der Asylantrag wurde vor drei Jahren abgelehnt – die Schutzquote für ukrainische Flüchtlinge war nie sehr hoch. Nachdem sie vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht gegen den Bescheid geklagt hatten, steht das endgültige Urteil noch aus. Die Ausweisung kann in ein paar Monaten kommen, vielleicht auch schon nächste Woche.

Dabei läuft alles bestens für die junge Familie. Jetzt. Noch 2014 waren Roman Yankin (40) und Natalia Yankina (39) zusammen mit ihrer damals zehnjährigen Tochter Anastasia vor den Gefechten im Donbaß geflohen und zunächst bei einer Verwandten in Kiew untergekommen. Das ging nur kurze Zeit gut. Sie wurden gemobbt und fanden keine Wohnung. Also ging es weiter in Richtung Westen, nach Bayern. 2015 schließlich waren sie in einem Flüchtlingsheim in Neuötting gelandet, wenig später bezogen sie eine Wohnung in Alttötting. Und die war einige Monate später um einen weiteren Bewohner reicher – Baby Alexander erblickte im Kreiskrankenhaus Altötting das Licht der Welt.

Unterdessen bewarb sich Papa Roman eigeninitiativ um einen Job, den er bald in einer Gießerei fand. Er ist gelernter Schweißer. Und die sind gesucht. Deutsch hatten er und Natalia bereits gelernt – dank ehrenamtlichen Helfern, die zu Freunden wurden. Seit eineinhalb Jahren arbeitet auch Natalia in Teilzeit als Reinigungskraft. Eigentlich ist sie Lehrerin. Aber das sei schon gut so. Die Yankins wollen arbeiten – und Steuern zahlen wie jeder andere hier auch.

Und dann wäre noch Anastasia. Die Max-Fellermeier-Mittelschule in Neuötting hat die heute 15-Jährige mit Auszeichnung abgeschlossen. Einen Ausbildungsvertrag in einem Pflegeberuf hat sie bereits in der Tasche. Sie will Kinderpflegerin werden. Irgendwann vielleicht sogar studieren. Daneben ist sie im Turnverein aktiv, spielt Gitarre, liest Harry Potter Romane, hängt gern mit ihrer besten Freundin ab und sagt ihrem kleinen dreijährigen Bruder, wo’s lang geht. Ob sie Harry Potter auch auf Russisch liest? Natürlich nur auf Deutsch. Russisch sei für sie heute „voll schwer“. Und das obwohl ihre Mama Lehrerin für Russisch und Ukrainisch war. Stolz zeigt Natalia die vielen Auszeichnungen und Empfehlungsschreiben, die ihre Teenager-Tochter für ihre schulischen und sportlichen Leistungen erhalten hat. Wenn Natalia und Roman mal ein deutsches Wort nicht kennen, geht der Blick zu Anastasia, die dann dolmetscht. Das Erstaunliche ist, dass sie nach ihrer Ankunft im Landkreis ohne Deutschkenntnisse in die Schulklasse gekommen war. Gelernt hat sie sehr schnell. In die Schule ist Anastasia gern gegangen. „Es ist toll, dass hier ständig Ausflüge gemacht werden. Ich habe schon so Vieles gesehen. In der Ukraine sind wir vielleicht einmal im Zoo gewesen.“

Keine Frage. Anastasia ist hier angekommen. Ihr Heimatland ist weit weg.

Und doch kann es gut sein, dass Anastasia bald in das Land zurückkehren muss, dass ihr so fremd ist. „Für unser Land sind wir Feinde. Müssen wir in den Donbaß zurück, werden wir getötet“, ist sich Natalia sicher. Arbeit oder eine Wohnung würden sie niemals finden. Keine Zukunft für sie. Keine Zukunft für ihre Kinder. In Deutschland sei das ganz anders. Hier würden alle die Gesetze und Regeln befolgen und sich gegenseitig unterstützen, glaubt Natalia. „Aber geschenkt wollen wir nichts. Wir wollen nur bleiben!“

Schlimm sei besonders die Ungewissheit. Ein Unding, meint Annette Heidrich, die sich seit drei Jahren im BRK Altötting vornehmlich um die Wohnungsvermittlung für Flüchtlinge kümmert. Ein Wunder, dass sich die Yankins in diesem Schwebezustand vernünftig integrieren konnten. Das sei nicht immer so. Es gebe viele vergleichbare Fälle im Landkreis. „Die bürokratischen Mühlen mahlen viel zu langsam“, so Heidrich, die in dem Zusammenhang auch die zu hohen Hürden des Integrationsgesetzes anmahnt. Schließlich brauche Deutschland doch Arbeitskräfte. Hier wären diese – und ausgerechnet sie warten auf Abschiebung.

Im Falle der Yankins wäre Zeit jedoch ein Faktor, der ihnen doch noch ein Bleiberecht verschaffen könnte. Mit Januar 2020 tritt ein neues Gesetz über die Duldung bei Ausbildung und Beschäftigung in Kraft. Damit könnten sie eine weitere Duldung über 30 Monate erwirken. Man brauche handhabbare Lösungen für diejenigen, bei denen die Ausreisepflicht nicht durchgesetzt werden kann, die aber durch lange Beschäftigung, Sprachkenntnisse und Gesetzestreue gut integriert sind, versichert Innenstaatssekretär Stephan Mayer auf Nachfrage.

Dennoch: „Das Asylrecht darf kein Einwanderungsrecht zur Jobsuche sein.“ Mit dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das im März nächsten Jahres kommen wird, werde die gezielte und gesteuerte Zuwanderung – auch von qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten – weiter verbessert, so Mayer. Die gilt dann auch für Menschen aus der Ukraine.

„Vielleicht lässt sich das Gericht einfach noch ein paar Monate mehr Zeit“, hofft dagegen Natalia. Aber darauf wird sie vielleicht gar nicht angewiesen sein.

Man prüfe den Fall Yankin wohlwollend aufgrund der anstehenden Ausbildung der Tochter in der Pflege – heißt es aus dem Landratsamt. Ganz unabhängig vom laufenden Verfahren, so Klaus Zielinski vom Büro von Landrat Erwin Schneider, der jedoch dazu nicht Stellung nehmen könne. Es sieht womöglich gar nicht so schlecht aus.


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