24.01.2020, 18:00 Uhr

Anlässlich des Jahrestags Schüler des Schiller-Gymnasium erinnern mit App an Schicksale jüdischer Hofer


              
             (Foto: Sebastian Schumann) (Foto: Sebastian Schumann)

Fast genau vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch etwa 7.500 Häftlinge im Lager und hunderte Tote. An die Hofer Schicksale darunter erinnert nun auch ein Projekt des Hofer Schiller-Gymnasiums.

HOF Etwa eine Woche vorher war das Lager evakuiert und fast 60.000 Gefangene auf Todesmärsche in Richtung der Konzentrationslager im Westen geschickt worden. Tausende kamen durch die Strapazen des Marsches, durch Hunger, Durst, Kälte ums Leben oder wurden unterwegs von der SS umgebracht. Man geht von etwa 1,1 Millionen Menschen aus, die dort den Tod fanden – nicht nur in den Gaskammern, sondern auch durch Zwangsarbeit, Ausbeutung, Krankheit, Erschießungen und medizinische Versuche. Die Opfer kamen aus fast ganz Europa, viele von ihnen waren Sinti oder Roma, etwa 90 Prozent von ihnen waren Juden. An die Hofer Schicksale darunter erinnert nun auch ein Projekt des Hofer Schiller-Gymnasiums.

Herbert Frank, Alice Joachimsthal, Erna Kowalski, Julius Simon, Leopold Weil, Martha Rosenthal sind die Namen von Juden, die mehrere Jahre oder auch fast ihr ganzes Leben in Hof verbracht hatten, bevor sie von den Nationalsozialisten verschleppt und schließlich nach Auschwitz deportiert wurden. Martha Rosenthal ist die einzige, die ihre Gefangenschaft dort überlebte. In Ausschwitz starb auch Walter Heymann, der Sohn des Hofer Kaufmanns Max Heymann, der 1940 im Alter von knapp 17 Jahren zusammen mit seiner Familie nach Südfrankreich deportiert wurde. Im Sommer 1942 wurde er von Drancy nach Auschwitz gebracht, wo er eineinhalb Jahre später starb, kaum 20 Jahre alt.

Seine sowie die Lebensgeschichte anderer jüdischer Hofer Familien dokumentierten Schülerinnen und Schüler des Schiller-Gymnasiums im Rahmen des Wettbewerbs „Schicksale jüdischer Hofer im Nationalsozialismus“, der 2018 von der Hermann- und Bertl-Müller-Stiftung ausgeschrieben wurde, in einer Web-App, die wie ein Audioguide genutzt werden kann. Dort werden Lebensgeschichten, Stammbäume und Fotografien der vier Hofer Familien Heymann, Lax & Lump, Reiter und Franken auf einem Stadtplan verlinkt, der zu einem thematischen Spaziergang durch die Hofer Altstadt anregen möchte. QR-Codes, die an den Häusern angebracht sind, in denen die Familien lebten oder arbeiteten, sollen interessierte Spaziergängerinnen und Spaziergänger auf die Texte und Bilder zu den jeweiligen Familien auf der Seite www.schicksale-juedischer-hofer.de weiterleiten. Denn wenigen ist heute bewusst, dass zahlreiche Orte, Gebäude, Häuser und Plätze unserer Heimatstadt Hof in der Zeit des Nationalsozialismus Orte der Verfolgung und der einsetzenden Vernichtung jüdischer Mitbürger waren – aber eben in den Jahren davor auch Orte jüdischen Lebens, Arbeitens, Wirtschaftens, Lernens, Familienglücks und -leids, kurz: jüdischer Normalität.

Auf der Preisverleihung des Wettbewerbs am 7. November 2019 wurde die App nicht nur von der Jury als innovativster Wettbewerbsbeitrag ausgezeichnet, das Team des Schiller-Gymnasiums unter der Leitung der beiden Lehrkräfte Michaela Millitzer und Gertraud Pichlmeier wurde auch noch vom Oberbürgermeister der Stadt Hof, Dr. Harald Fichtner, der „Sonderpreis der Stadt Hof“ verliehen. Den Gedenktag zum Anlass nehmend ehrt nun auch das Schiller-Gymnasium Nele Schoen, Vanessa Trifel, Angélique Kittl, Christian Waldhütter (alle Q11) und Johannes Fränkel (10b) für ihre herausragende Leistung. Trotz der Belastungen in der Oberstufe hatten sie Stunden um Stunden ihrer Freizeit investiert, um die Seite zu gestalten: Teilweise in den Ferien, an den Wochenenden und bis in die Abende hinein wurden Texte geschrieben, Fotos zusammengestellt, Filme komponiert, Texte übersetzt – ins Französische, Englische, Deutsche, Tschechische und Russische – und teilweise auch eingesprochen.

Erinnerungsweg in Zusammenarbeit mit Stadt Hof

Vor diesem Hintergrund freut sich die Arbeitsgruppe des Schiller-Gymnasiums nun ganz besonders über die weitere Zusammenarbeit mit der Stadt Hof, um eine nachhaltige Gestaltung eines Stadtrundgangs zu den Häusern jüdischer Familien zu sichern. In bislang zwei Treffen wurde gemeinsam mit Oberbürgermeister Dr. Fichtner, Dr. Kluge vom Stadtarchiv und Rainer Krauß von der Medienstelle der Stadt Hof an einem Konzept gearbeitet, wie langfristig und öffentlichkeitswirksam über die Geschichte der Hofer Familien, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, informiert werden kann. Bei einschlägigen Gebäuden sollen im Lauf des Jahres Granitstelen angebracht werden, die an ihre früheren jüdischen Bewohner erinnern und über einen QR-Code auf die Web-App führen, mit der sich interessierte Besucher, Spaziergänger oder auch Schulklassen eingehend über diese und andere Familien informieren können. Hier entsteht ein bislang einzigartiges Projekt, auf das die Stadt Hof stolz sein kann und das in Zeiten von zunehmendem Antisemitismus und Rassismus eine wichtige Aufgabe erfüllt.


0 Kommentare