24.11.2020, 12:04 Uhr

90 Jahre Das Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung feiert Jubiläum

 Foto: IOS/neverflash.com Foto: IOS/neverflash.com

Vor 90 Jahren eröffnete in München das Südost-Institut. Nach einigen Brüchen und Neuanfängen ist daraus das Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg hervorgegangen, das sich als eine international führende Einrichtung auf seinem Gebiet etabliert hat.

Regensburg. Sei es die Zuwanderung von Millionen Arbeitskräften seit dem Fall des Eiserenen Vorhangs. Seien es die militärischen Konflikte auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, schwelende Grenzstreitigkeiten oder die Frage einer EU-Erweiterung am westlichen Balkan: „Es gibt unzählige Gründe, warum ein tiefgehendes Verständnis Ost- und Südosteuropas für Deutschland wertvoll ist. Dort liegen große Herausforderungen für Europa, aber auch große Chancen“, sagt Prof. Ulf Brunnbauer, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS). Einen Beitrag zu diesem Verständnis leistet das Institut mit Sitz in Regensburg: Hier erforschen Historikerinnen und Historiker, Ökonominnen und Ökonomen und Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler gemeinsam Geschichte und Gegenwart der Länder der ehemaligen Sowjetunion und der Region zwischen Ungarn und Griechenland.

Eine lange Geschichte hat auch das IOS selbst: Es wird dieses Jahr 90 Jahre alt, damit ist es eine der ältesten Einrichtungen der Osteuropaforschung weltweit. Am 28. November 1930 eröffnete in München das Südost-Institut, das später nach Regensburg umzog und hier zum IOS wurde (siehe unten). „Es gibt kaum eine Forschungseinrichtung dieser Art, deren Wurzeln so weit zurückreichen. Gleichzeitig ist das Institut heute quicklebendig, ein paar der wichtigsten Erfolge sind noch ganz neu“, erklärt Brunnbauer. Gemeint ist vor allem die Aufnahme des IOS in die Leibniz-Gemeinschaft 2017. Mitglied dieser Wissenschaftsorganisation werden nur Einrichtungen, deren Arbeit als herausragend bewertet wird. Damit verbunden ist eine gemeinsame Grundfinanzierung des IOS durch den Bund und durch Bayern. Zuvor hatte der Freistaat alleine die Existenz des Instituts, das von einer Stiftung getragen wird, gesichert.

Seither hat das IOS seine Tätigkeiten ausgeweitet und verstetigt. Das Institut arbeitet an zahlreichen Forschungsprojekten – aktuelle Themen sind beispielsweise Fragen des Völkerrechts im Ukraine-Konflikt, die Abwanderung junger Menschen aus Südosteuropa nach Deutschland oder die Geschichte der unteren Donau. Außerdem gibt das IOS vier Fachzeitschriften, zwei Buchreihen sowie Grundlagenwerke zu Südosteuropa heraus; es beherbergt eine renommierte Spezialbibliothek und entwickelt Dienstleistungen für die Forschung wie Datenbanken und Onlineangebote. Seine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für deutsche und internationale Medien sowie Verantwortliche aus der Politik. Im Rahmen von Gastprogrammen kommen zahlreiche Forscherinnen und Forscher aus dem Ausland nach Regensburg. Die Internationalität spiegelt sich auch in der personellen Zusammensetzung des IOS wider: Von den 66 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat mehr als die Hälfte einen Migrationshintergrund.

Der wichtigste Partner des IOS findet sich allerdings nicht im Ausland, sondern quasi vor der Tür: Mit der Universität Regensburg bestehen zahlreiche Kooperationen, unter anderem gemeinsame Professuren oder bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Das übergeordnete Ziel der Kooperation, so Ulf Brunnbauer, ist: „Gemeinsam mit der Universität wollen wir Regensburg zu einem führenden Standort der Area Studies, also der Forschung über wichtige Weltregionen, machen. Dabei spielen Ost- und Südosteuropa eine zentrale Rolle: Nirgendwo sonst in der Welt sind in den letzten 30 Jahren die Grenzen so stark verändert worden, und kaum eine andere Region ist Schauplatz so starker geopolitischer Konkurrenz.“

Zunächst steht jedoch das Jubiläum an, das pandemie-bedingt kleiner als geplant gefeiert wird. Am Freitag, 27. November, gibt es ab 14 Uhr online zwei Festvorträge (deutsch und englisch), die sich mit der Geschichte der Südosteuropaforschung in Deutschland befassen, zu der auch das IOS in den vergangenen Jahrzehnten seinen Teil beigetragen hat. Der Zugang dazu ist kostenlos und ohne Anmeldung (maximal 300 Zuhörerinnen und Zuhörer) möglich. Alle Informationen findet man im Internet unter www.ios-regensburg.de.

Hintergrund: Von München nach Regensburg – die Geschichte des Südost-Instituts

Die Geschichte des Südost-Instituts (SOI) steht exemplarisch für die Geschichte der Südosteuropaforschung in Deutschland, die anfangs stark politisch getrieben war. Gegründet 1930 in München, widmete es sich zunächst der bairischen Siedlungsgeschichte und dem „Deutschtum“ in den böhmischen Ländern, Österreich und Südtirol, als Teil der schon zu Weimarer Zeiten revisionistischen Bemühungen in Deutschland. Erst nach dem Eintritt von Fritz Valjavec wurde ab 1935 Südosteuropa stärker in den Blick genommen, in enger Verbindung mit dem wachsenden Interesse des NS-Staates an der Region. 1943 wurde das SOI dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt. Valjavec selbst übernahm Funktionen für das NS-Regime, zeigte an anderer Stelle aber auch eine distanzierte Haltung. Diese nicht vollständig zu klärende Rolle war ein Grund, warum das SOI erst 1951 wiederbelebt wurde.

Danach blühte es jedoch rasch unter Leitung Valjavecs auf. Neben die historische Abteilung trat nun auch Gegenwartskunde, und das Südost-Institut wurde mehr noch als bereits vor 1945 zum eigentlichen institutionellen Kernstück der deutschen Südosteuropaforschung. 1956 bezog das Institut Räume in der Münchner Güllstraße. Dort wurden Länderreferate eingerichtet, die eine steigende Nachfrage an Expertisen zum kommunistischen Südosteuropa bedienten. In der Folge gewann das SOI enorm an Renommee – und auch ungewollte Aufmerksamkeit: Institut und Personal wurden teils intensiv von Auslandsgeheimdiensten überwacht. In den 1990er Jahren stieg das Interesse an der Arbeit noch einmal aufgrund des Systemwechsels und der jugoslawischen Nachfolgekriege. Dies hatte allerdings zur Folge, dass die Gegenwartsabteilung nach Berlin unter das Dach der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) abgeordnet wurde. Das SOI blieb personell geschröpft zurück. Die Wende kam schließlich per Umzugswagen: Auf Beschluss der Staatsregierung wurde das SOI 2007 in Regensburg im Alten Finanzamt angesiedelt – und fünf Jahre später mit dem nicht minder renommierten Osteuropa-Institut fusioniert. Daraus entstand das Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, das seit 2017 Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft ist.


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