25.08.2018, 12:00 Uhr

Forschungsprojekt „Verdinglichung des Lebendigen. Fleisch als Kulturgut“ – neues Verbundprojekt der Uni Regensburg gestartet

(Foto: 123rf.com)(Foto: 123rf.com)

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im Rahmen des Fördervorhabens „Die Sprache der Objekte – Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen“ das neue Verbundprojekt „Verdinglichung des Lebendigen. Fleisch als Kulturgut“ zum Mittwoch, 1. August bewilligt.

REGENSBURG Sprecher des Verbunds ist Professor Gunther Hirschfelder, Professur für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg. Verbundpartner sind die Professur für die Soziologie des Essens der Hochschule Fulda sowie das Institut für Sozialinnovation in Berlin. Die Laufzeit des Projekts beträgt drei Jahre. Die Universität Regensburg erhält eine Förderteilsumme von rund 675.000 Euro.

Das Verbundprojekt befasst sich im Sinne einer Verdinglichung des Lebendigen mit dem Objekt „Fleisch“: Entlang der Produktionskette von Fleisch- und Wurstwaren lässt sich ein Prozess nachvollziehen, in dem das Objekt Fleisch „seine Sprache findet“, also durch verschiedene Akteure und Handlungen, Orte und Objekte eine spezifische Dingbedeutsamkeit erhält. Die übergeordnete These des Projekts lautet, dass Fleisch im Verlauf des Industriezeitalters vom Symbol für Fortschritt und hohen Lebensstandard zum Sinnbild für Fehlernährung, Umweltzerstörung und Tierleid wurde. Das Projekt zeigt, wie Tiere zu Lebensmitteln werden. Dabei geraten auch Instrumente und Orte der Zerlegung, der Zubereitung und des Konsums in den Blick. So lässt sich nachvollziehen, wie Fleisch zum kulturellen Bedeutungsträger wird und Objekte als Wissensspeicher fungieren: Sie stützen, präzisieren und kontextualisieren unser Wissen. Damit tragen sie entscheidend dazu bei, welche Bedeutung in einer Gesellschaft dem Umgang mit Tier und Fleisch beigemessen wird.

Das Verbundprojekt gliedert sich in drei Teilprojekte. Diese verfolgen kulturwissenschaftliche, soziologische und innovationsanalytische Perspektiven. Teilprojekt Eins setzt Lars Winterberg, Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur der Universität Regensburg um. Er verfolgt aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, wie im Prozess der Verdinglichung das Verhältnis von lebendigem Tier und Fleisch als Objekt in einem Spannungsfeld von Nähe und Distanz ausgehandelt wird. Er folgt zunächst den „Fleischpfaden“ ethnografisch vor allem mittels teilnehmender Beobachtung und qualitativer Interviews. Parallel werden über museale Sachzeugnisse und Archivalien exemplarisch der Umgang mit Rohstoffen, der Gebrauch im Kontext von Haus und Küche sowie die übergeordnete Welt des Konsums nachvollzogen: Hier kooperiert die Universität Regensburg mit dem Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg sowie dem Deutschen Kochbuchmuseum in Dortmund.

Im Teilprojekt Zwei befasst sich die Hochschule Fulda mit dem Wandel der Bedeutungen und den stratifikatorischen Folgen des Umgangs mit Fleisch. Dabei geht es um die Frage, wie unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen Fleisch als Wohlstandssymbol eine semantische Aufladung erfuhr, wie diese gegenwärtig erodiert und durch andere Be- und Umdeutungen ersetzt wird. Im Teilprojekt Drei beschäftigt sich das Institut für Sozialinnovation mit den gesellschaftlichen Bedingungen des Wandels der Fleischproduktion und -konsumption. Dabei wird der innovativ-transformative Prozess in der Gesellschaft entlang folgender Leitfrage rekonstruiert: „Welche Innovationen haben sich im Laufe der Modernisierung rund um den Gebrauch des Fleisches durchgesetzt und gegenseitig stabilisiert?“

Das Verbundprojekt soll strukturelle Erkenntnisse über die Genese der Bewertung von Fleisch und über die Zusammenhänge zwischen dem Fleisch als Objekt, den Werkzeugen, mit denen Fleisch verarbeitet und für den Verzehr vorbereitet werden, liefern. Ferner soll die kulturelle Bewertung von Fleisch in einer historischen Entwicklungslinie dargestellt werden, sodass die Rolle des Fleisches in der gegenwärtigen Kultur systematischer beschrieben und analysiert werden kann. Die Ergebnisse des Verbundprojekts sollen zudem Akteuren aus Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Medien zugänglich gemacht werden. Ziel ist es, so auch zur Lösung aktueller Probleme in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Landwirtschaft beizutragen, die mit dem Themenfeld Fleisch verzahnt sind.


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