08.02.2018, 15:29 Uhr

Bald gibt’s das Zwischenzeugnis „Noten nicht so wichtig nehmen!“

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann (Foto: Jan Roeder)BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann (Foto: Jan Roeder)

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im PaWo-Interview

PASSAU Halbzeit in deutschen Klassenzimmern. Die Hälfte des Schuljahres 2017/18 ist rum – nun wird – mittels Zwischenzeugnis – Bilanz gezogen, sich gefreut oder geärgert, gelobt oder geschimpft. Aber wie viel Gewicht sollte diesem schulischen „Notenblatt“ verliehen werden? Das wollte die PaWo von Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverbands (BLLV), wissen.

Die Hälfte des Schuljahres ist um – was sagen die Noten im Halbjahreszeugnis für die Kinder aus?

Eltern sollten im Zwischenzeugnis nicht mehr sehen, als es ist: eine Reflexion der schulischen Leistungen ihres Kindes innerhalb der letzten Monate. Es ist kein schriftlicher Beleg über ein mögliches Versagen ihres Kindes in der Zukunft.

Eine Note gibt Auskunft darüber, was ein Schüler an diesem Tag, zu dieser Stunde, in diesem Fach zu leisten vermag – wie sehen Sie das?

Genauso. Und weil das so ist, stehe ich der Art und Weise, wie wir an unseren Schulen Leistungen erheben, kritisch gegenüber. Der BLLV fordert schon lange ein neues Lern- und Leistungsverständnis, bei dem es eben nicht nur um die eine Note geht, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz. Es wäre doch viel sinnvoller, den individuellen Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt zu stellen –- und nicht die Note.

„Unser Schulsystem bereitet viel Kummer“

Inwiefern ist für Sie das Schulnoten-System noch zeitgemäß und was sagt es generell über Intelligenz aus?

Wie gesagt, ich halte das gängige Schulnoten-System, wie Sie es nennen, für überholt. Wir brauchen neue Ansätze und neue Methoden, Leistungen zu erheben. Diese müssen darauf abzielen, das zu würdigen, was jeder Schüler, jede Schülerin ganz individuell erreicht hat. Ein Beispiel zeigt, was ich meine: Ein Grundschulkind tut sich schwer im Rechtschreiben und hat schlechte Noten. 20 Fehler hat es im Diktat gemacht und eine Sechs bekommen. Trotzdem übt das Kind zu Hause fleißig weiter und will sich verbessern. Im nächsten Diktat macht es dann nur noch zehn Fehler – und kassiert wieder eine Sechs. Das ist nicht motivierend. Das leuchtet jedem ein. Anstatt den Fortschritt und den Einsatz des Kindes zu loben, wird es abgestraft, obwohl es sich doch verbessert hat.

Wie sehen Sie die Sache mit dem Gymnasium-Wahn?

Eltern wollen für ihr Kind das Beste. Und weil das so ist, denken viele, es muss auf ein Gymnasium, weil es dann die besten Chancen für seine Zukunft hat. Ein weiterer Grund ist der soziale Druck: Für viele Eltern ist das Gymnasium der Königsweg. Andere Schularten kommen nicht in Frage – egal, wie es um das Kind steht. Mit Nachhilfe lassen sich Noten ja verbessern. Was ich damit sagen will, ist, dass wir zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kinder schauen. Wo steht es? Was will es? Die Folge: Viele Kinder halten dem Druck auf dem Gymnasium nicht stand. Sie leiden oder müssen die Schule wieder verlassen. Sobald diese Kinder dann auf einer Real- oder Mittelschule sind, merken die Eltern, dass es dort in aller Regel besser läuft. Plötzlich gehen Türen auf, die vorher nicht gesehen wurden. Es ist absurd – anstatt unsere Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen, verteilen wir sie auf verschiedene Schultypen. Obwohl es in vielen Fällen nicht funktioniert und vielen Kindern großen Kummer macht, halten wir daran fest.

Was raten Sie Eltern, um die Sache mit dem Zeugnis und dem (beruflichen) Lebensweg etwas zu entstressen, den Druck rauszunehmen?

Eltern sollten sich von dem sozialen Druck befreien. Es ist nicht wichtig, was die anderen denken oder wollen. Wichtig ist doch, was für mein Kind das Beste ist. Eine gute Beziehung zu ihm aufzubauen. Liebe und Fürsorge nicht von Noten abhängig zu machen. Kinder zu stärken. Darauf kommt es an. Wer mit seinem Kind im Kontakt ist, weiß, wo es steht, und kann immer helfend eingreifen. Der berufliche Lebensweg ergibt sich dann von selber. Manchmal eben auch auf Umwegen. Aber was ist daran schlimm?

Was denken Sie über die Intentionen für die Wahl der Schulart?

Auch hier gilt: Die Sicht auf das Kind ist entscheidend. Die Schule sollte zu seinem individuellen Stärken- und Schwächen-Profil passen. Eltern sollten hier auch auf die Expertise der Experten hören: auf die Lehrer, auf die Beratungsfachkräfte, aber auch auf ihr ganz eigenes Gefühl. Eltern sollten sich immer eines vor Augen halten: Ihr Kind geht zur Schule und nicht Sie! Eltern sollten sich daher zurücknehmen, genau hinschauen, genau hinhören und offen wahrnehmen, wie es ihrem Kind geht.


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