Geschichte

Vor 80 Jahren nutzte Adolf Hitler die Walhalla für einen Propaganda-Auftritt

11.07.2017 | Stand 11.01.2021, 4:19 Uhr
Bernd Kellermann
−Foto: n/a

Vor 80 Jahren enthüllte Adolf Hitler auf der Walhalla die Büste seines Lieblings-Komponisten Anton Bruckner.

DONAUSTAUF Adolf Hitler und Anton Bruckner – das war eine Beziehung, die über den Tod des völkermordenden Diktators hinausging. Am Tag nach Hitlers Selbstmord, am 1. Mai 1945, hörten die Menschen im völlig zerstörten Deutschen Reich die Radio-Nachricht vom Tod des „Führers“, eine Durchhalterede seines Nachfolgers Dönitz und dann den 2. Satz der 7. Sinfonie von Bruckner, gespielt von den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler. Anton Bruckner war es auch, der Adolf Hitler nach Regensburg und Donaustauf brachte – und zwar heute vor 80 Jahren, am 6. Juni 1937. Der Tag war in Donaustauf ein warmer Spätfrühlingssonntag. Wochen- und monatelang standen die Stadt Regensburg und der Markt an der Donau im Bann des lange angekündigten Besuchs von Adolf Hitler. Anlass dafür war die Enthüllung der Büste des österreichischen Komponisten Anton Bruckner in der Walhalla bei Donaustauf. Außerdem waren ein Empfang im Alten Rathaus und ein sog. „Gautreffen“ auf dem Gelände des fürstlichen Rennplatzes in Prüfening geplant.

Der Empfang im Alten Rathaus von Regensburg wurde dann aber von einem Zwischenfall überschattet, der dazu führte, dass Hitler diese Stadt nie mehr betrat. Der frühere Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) erzählte bei mancher Gelegenheit, dass Hitler die Freie Reichsstadt zum einen hasste, weil die NSDAP vor 1933 in dieser Stadt oft ihre schlechtesten Wahlergebnisse hatte (und die Bayerische Volkspartei sehr gut abschnitt). Zum anderen kam es beim Besuch Hitlers am Rande der Enthüllungsfeier für die Bruckner-Büste auf der Walhalla zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall. Im Reichssaal löste sich ein schwerer Lüster wohl aus Altersschwäche von der Holzdecke und kracht zu Boden, als Hitler den Saal betrat. Der betrachtete das als schlechtes Zeichen ausgerechnet im Machtzentrum des seiner Meinung nach 1. Deutschen Reiches, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Hitler machte auf Absatz kehrt und kam nie mehr nach Regensburg. Die anschließende Präsentation eines Modells der „Schottenheim-Siedlung“ (heute: Konradsiedlung) verläuft dann in recht getrübter Stimmung. In den Zeitungen der damaligen Zeit taucht der Vorfall, wahrscheinlich auf Anweisung aus Berlin, nicht auf. Regensburgs Kulturreferent Klemens Unger versichert allerdings, dass sich alles genauso zugetragen hat.

Hans Melzl sen. aus Reiflding ist zwar selbst zu jung, um unmittelbar als Augenzeuge zu gelten. Er weiß aber von seinem Vater, dass damals für den Besuch Hitlers der enge Fahrweg aus der Zeit der Erbauung der Walhalla verbreitert wurde, damit die Wagenkolonne Hitlers und seines Gefolges bequem zum Ruhmestempel kommen konnte. An den großen Tag erinnern konnten sich vor einigen Jahren noch Johanna Lehnerer und ihre inzwischen verstorbene Schwester Edeltraud Gläser. Die beiden wuchsen als „Aumüller-Deandl“ in Reiflding am Fuß der Walhalla auf. Beide erzählten mehrfach davon, dass ihr Vater, der legendäre Virginia rauchende „alte Aumüller“ am Südrand ihres Gartens, unmittelbar an der Straße zur Walhalla, extra eine kleine Pergola aufstellte, damit die Kinder möglichst gut das damals sensationelle Ereignis sehen konnten.

Hitler traf mit der Eisenbahn in Regensburg ein und fuhr dann in einer langen Wagenkolonne durch die geschmückte Stadt. Die Zeitung „Bayerische Ostmark“ berichtete, „ein mächtiges Spalier von jubelnden, beglückten Menschen“ habe Hitler empfangen. An der Walhalla kam Hitler gegen 11 Uhr an. Unter den Ehrengästen des Staatsakts waren der für Kultur im NS-Staat zuständige Propagandaminister Joseph Goebbels, der SS-Chef Heinrich Himmler, der aus Regensburg stammende NS-Justizminister Franz Gürtner, der bayerische Ministerpräsident Ludwig Siebert, der österreichische Gesandte in Berlin, Stephan Tauschitz, und der deutsche Botschafter in Österreich Franz von Papen, der als Politiker der katholischen Zentrumspartei vor Hitler Reichskanzler war. Dieser „Promi-Auftrieb“ in Regensburg und Donaustauf war für damalige Verhältnisse so sensationell, dass in den Zeitungen Landkarten abgedruckt wurden, auf denen den Autofahrern die großräumige Umfahrung des gesamten Regensburger Raums nahegelegt wurde. Der Verkehr von Norden her, also von Schwandorf über Regensburg nach Landshut, wurde von Schwandorf über Parsberg, Hemau und Kelheim nach Landshut geleitet, der Verkehr von Süden her, also von Landshut über Regensburg nach Schwandorf, sollte in Landshut nach Dingolfing abbiegen und dann über Straubing und Cham Schwandorf erreichen.

Nach ihrer Ankunft auf dem Bräuberg marschierten Hitler und sein Gefolge durch den Säulengang zur Donauseite der Walhalla. Dabei spielten Fanfarenbläsern Klänge von Richard Wagner. Dann stiegen die Ehrengäste an der Südseite der Walhalla die Treppenanlage hinab und nahmen auf einem eigens gezimmerten, hölzernen Podium auf dem Treppenabsatz über der „Halle der Erwartung“ Aufstellung. Hier wurden die Reden zu Ehren Anton Bruckners gehalten. Zunächst sprach der bayerische Ministerpräsident Ludwig Siebert, dann folgte Goebbels, der Bruckner ganz im Sinne der Nazi-Propaganda vereinnahmte.

Konkret heißt das, dass Bruckner nicht mehr als gut katholischer Österreicher in der Nachfolge von Beethoven und Wagner betrachtet wurde, sondern als Sproß eines „alten Bauernstamms“, als „Genie“ und „deutscher Kantor“. Von Goebbels‘ Rede in Donaustauf existiert auch eine Tonaufnahme, die im deutschen Rundfunkarchiv gespeichert ist. Schließlich sprach Peter Raabe, der Präsident der Reichsmusikkammer. Er hob vor allem die Verdienste des von Hitler finanziell unterstützten NS-nahen Musik-Verlegers Gustav Bosse aus Regensburg hervor, der sich seit Jahren für die Aufstellung einer Bruckner-Büste in der Walhalla eingesetzt hatte. Als Detail am Rande sei erwähnt, dass während der Rede von Goebbels auf der Donau – wie die Zeitung „Bayerische Ostmark“ berichtet – „buntbewimpelte Schlepper und Lastschiffe“ unterwegs waren. Später stellte sich heraus, dass die Schiffe nicht zufällig gerade zu diesem Zeitpunkt unterwegs waren, sondern vom Bayerischen Lloyd extra dafür abgestellt wurden.

Nach den Reden vor der Walhalla stiegen Hitler und die Ehrengäste die Treppen zum Haupteingang hinauf. Hitler betrat den Ruhmestempel zu den „Siegesklängen“ von Bruckners 8. Sinfonie (gespielt von den Münchner Philharmonikern) und legte dann vor der Bruckner-Büste einen wagenradgroßen Lorbeerkranz nieder. Die Marmorbüste ist ein Werk des Münchner Bildhauers Adolf Rothenburger, an der er bereits seit 1933 arbeitete. Von Rothenburger stammt übrigens auch die 1959 enthüllte Walhalla-Büste des Physikers Wilhelm Conrad Röntgen. Insgesamt kostete die Bruckner-Feier auf der Walhalla rund 50 000 Reichsmark, heißt es in den Quellen. Hitler war damals – nach den Olympischen Spielen in Berlin und vor dem sog. „Anschluss“ Österreichs auf einem ersten Höhepunkt seiner Macht.

Nach dem Festakt in der Walhalla fährt Hitler zurück nach Regensburg, wo ihm NS-Oberbürgermeister Otto Schottenheim zunächst den Reichssaal im Alten Rathaus zeigt. Damit sollte der mächtige Führer des „Dritten Reichs“ auf Regensburgs Bedeutung im „Ersten Reich“, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hingewiesen werden. Nach dem Besuch im Alten Rathaus fährt Hitler zum eigens angesetzten „Gautreffen“, zu dem rund 150 000 Menschen auf dem damaligen fürstlichen Rennplatz in Prüfening aufmarschiert sind. Sie kommen mit 58 Sonderzügen aus ganz Ostbayern.

Die Präsentation der Bruckner-Büste bleibt Hitlers einziger Besuch der Walhalla. Zur geplanten Enthüllung einer Büste für den böhmisch-österreichischen Dichter Adalbert Stifter kommt es nicht mehr. Die Büste des Bildhauers Josef Müller-Weidler ist zwar 1944 fertig, die Enthüllung wird aber in den Wirren des Niederlage im Zweiten Weltkrieg abgesagt. Adalbert Stifter kommt 1954 auf Betreiben von Vertriebenenverbänden in die Walhalla.

Die gesamte Nazi-Zeremonie auf der Walhalla ist aus heutiger Sicht als propagandistische Vorbereitung des sog. „Anschlusses“ von Österreich nur ein knappes Jahr später zu betrachten. Hitler und Goebbels nutzen ein kulturelles Ereignis, um Stimmung für ihre aggressive, den Zweiten Weltkrieg vorbereitende Politik zu machen. Vollzogen wurde der „Anschluss“ Österreichs im März 1938 mit dem Einmarsch deutscher Truppen. Danach folgen weitere aggressive Schritte gegen die Nachbarländer, etwa das „Münchner Abkommen“ mit der Besetzung des tschechischen Sudetenlands (September 1938) und die sog. „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ (März 1939). Dass die Ereignisse auf der Walhalla und in Regensburg von aufmerksamen Menschen auch als Propaganda verstanden wurde, zeigt eine Glosse des österreichischen Journalisten Anton Kuh in der Zeitschrift „Die neue Weltbühne“. Unter dem Titel „Totengespräch in Walhalla“ lässt er u. a. die Marmorbüsten von Goethe, Bruckner und Götz von Berlichingen miteinander sprechen.

In der Reihe „Was heute geschah“ des Radiosenders BR-Klassik ist heute (6. Juni) um 8.30 Uhr und um 16.40 Uhr ein Beitrag von Bernd Kellermann über die Enthüllung der Bruckner-Büste in der Walhalla zu hören. Enthalten ist darin auch ein Originalton aus der Goebbelsrede, wahrscheinlich das älteste Tondokument aus der Oberpfalz. 

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