Interview zur jahrgangsübergreifenden Lehrmethode
Schreckgespenst 'Kombiklasse': Aber was ist daran so gruselig?

10.07.2017 | Stand 20.05.2024, 13:29 Uhr |

PaWo-Interview mit Werner Grabl vom Schulamt Passau

PASSAU Ein Schreckgespenst geht wieder einmal durch das Passauer Land: Kombiklassen. Viele Eltern erschauern beim Klang dieses scheinbar unseligen Wortes. „Kombi“, das hört sich so zusammengeschustert an, nach einem dem Kindermangel geschuldeten Notnagel. Dabei ist es genau das überhaupt nicht; vielmehr kann die jahrgangsübergreifende Lehrmethode der Kombiklasse als Chance der Erneuerung für unser angestaubtes Schulsystem gesehen werden. PaWo sprach mit Werner Grabl vom Passauer Schulamt.

Warum haben so viele Eltern negative Vorstellungen in Bezug auf Kombiklassen? Vielen Erziehungsberechtigten sind jahrgangskombinierte Klassen als Klassenform nicht vertraut. Manche bringen sie in Verbindung mit der Schulorganisation in den Nachkriegsjahren, in denen – vor allem auf dem Land – die ungegliederte Schule die Regel war. An manchen kleinen Grundschulen wird die Kombiklasse von manchen Eltern zunächst nur als „Rettungsanker“ für die Schule vor Ort gesehen. Wenn aufgrund der Schülerzahlen z. B. eine reine erste Klasse nicht mehr gebildet werden kann, so nimmt man die Kombiklasse „in Kauf“, um die Schule vor Ort zu retten.

Welche Vor- bzw. Nachteile haben Kombiklassen? Zunächst gilt hier festzuhalten, dass nach Art. 32 Absatz 2 Satz 2 Bayerisches Erziehungs- und Unterrichtsgesetz (BayEUG) festgesetzt ist: „An Grundschulen können Jahrgangsklassen gebildet oder zwei Jahrgangsstufen in einer Klasse zusammengefasst werden.“ Das bedeutet, die jahrgangskombinierten Klassen sind gleichwertig zu den „reinen“ Jahrgangsklassen. Vorteile: Es ist ein großer Irrtum anzunehmen, dass sich Kinder einer Altersstufe in allen Bereichen auf demselben Entwicklungsstand befinden oder dahin gebracht werden können. Die sogenannten reinen Jahrgangsklassen basieren auf der Vorstellung von Homogenität. Gerade in der Einschulung zeigt sich dieses Problem besonders, weil vorzeitig eingeschulte Kinder, normale Schulanfänger oder zurückgestellte Kinder beweisen eigentlich die Fiktion, hier von einer Jahrgangsklasse zu sprechen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass das kognitive Leistungsspektrum von Erstklässlern sich über ein Polaritätsprofil von vier Jahren erstrecken kann.

Und welche Erkenntnisse gibt es sonst noch? Aktuelle Forschungen zum Lernerfolg in jahrgangskombinierten Klassen belegen, dass es im Leistungsniveau keine signifikanten Unterschiede zur jahrgangsreinen Beschulung gibt. Dies gilt im Übrigen auch für die Übertrittszahlen nach der 4. Jahrgangsstufe in die weiterführenden Schulen. Allerdings zeigen die neuen Studien auch, dass bei den Kindern, die in Kombiklassen beschult wurden, die Einstellung zu Schule und Lernen positiver artikuliert wird, die Kinder als teamfähiger angesehen und in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt werden. Aus der Sicht der Schulorganisation haben wir mit der Bildung von Kombiklassen die Möglichkeit eine ausgleichende und ausgewogene Klassenbildung im Hinblick auf die Klassenstärken zu erreichen. Für mich persönlich liegt der Nachteil des jahrgangskombinierten Unterrichtens übrigens darin, dass der pädagogische Nährwert dieser Beschulungsform in der Öffentlichkeit noch nicht die Akzeptanz erreicht hat, die es verdient – insbesondere mit der Einführung der „Flexiblen Grundschule“. Die Kombiklasse wird häufig noch als Sparmodell wahrgenommen und gleichzeitig die jahrgangsreine Beschulung in dieser Form „überbewertet“.

Vor welchen Herausforderungen werden Schulen bzw. Kombiklassen-Lehrer gestellt? „Der Erfolgreichste im Leben ist der, der am besten informiert wird.“ (B. Disraeli, brit. Politiker und Schriftsteller). Eine rechtzeitige Information von Schulleitung und Kollegium eröffnet die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit dem pädagogischen Konzept und zur Diskussion. Dazu gehören kontinuierliche Fortbildungen, authentische Erfahrungen aus erster Hand und Informationen über die Methodik jahrgangskombinierten Unterrichtens. Darüber hinaus müssen die Lehrkräfte über Hospitationsmöglichkeiten sowie bestehende Netzwerke für den Unterricht in Kombiklassen informiert werden.

In welchen Ländern gibt es das System der Kombiklassen und wie erfolgreich ist es dort? In der Geschichte der Pädagogik, z. B. in der Montessori-Pädagogik, ist die Zusammenfassung mehrerer Jahrgänge in einer Klasse ein grundlegendes Prinzip. Der Pädagoge und Entwickler des sogenannten Jenaplans in den 20er-Jahren, Peter Petersen, sieht die Schule als Lebensgemeinschaft. Erziehung ist für ihn keine reine Wissensvermittlung, erst im Zusammenleben wird der Mensch gebildet. In altersgemischten Gruppen lernen Kleine von Großen und Größere von Kleineren. Die Kinder lernen nach Petersen für das Leben und Gegenstand des Lernens ist das Leben selbst. In Bayern gibt es Jena-Plan Schulen in Würzburg, Nürnberg und Memmingen. In Österreich wird das Konzept der jahrgangsübergreifenden Klassen ebenfalls erfolgreich umgesetzt. Aber auch in Schulen, die im Länderve-gleich, z. B. der PISA-Studie, besonders gut abgeschnitten haben, wie z. B. Finnland, setzen das Prinzip der Jahrgangsmischung sehr erfolgreich um. Jahrgangskombinationen stellen demnach keine bayerische Besonderheit dar, sondern sie haben sich auch in anderen Bundesländern als gleichwertige Alternative bewährt, wie z. B. in Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz.

Zum Vergleich: Statistik/Zahl der jahrgangskombinierten Klassen in Bayern: Schuljahr 2006/07: 226 Klassen – Schuljahr 2008/09: 352 Klassen – Schuljahr 2013/14: 1 205 Klassen – Schuljahr 2014/15: 1 279 Klassen – Schuljahr 2015/16: 1 321 Klassen. An der Grundschule Augsburg Hochzoll-Süd (16 Klassen) gibt es an der gesamten Schule nur noch Jahrgangsmischung. Bereits im Schuljahr 2003/04 beschäftigte sich das Kollegium mit der Jahrgangsmischung und der neuen Eingangsstufe mit individueller Verweildauer (aktuell: Flexible Grundschule) und fasste den Entschluss, Kombiklassen als Alternative zu den jahrgangsreinen Klassen anzubieten. Auf Wunsch der Eltern wurde die Jahrgangsmischung sowohl auf die Jahrgangsstufen 3 und 4 erweitert als auch die Anzahl der Klassen erhöht. Seit dem Schuljahr 2008/09 ist die gesamte Schule auf die Jahrgangsmischung umgestellt.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit Kombiklassen gemacht? Ich war aktiv begleitend bei der Einführung von zirka 30 Kombiklassen beteiligt. Mein Resümee: Gab es bei manchen Eltern noch Zweifel bei der Entscheidung, dass eine Kombiklasse gebildet wird, war mit dem Start der Kombiklasse zum Schuljahresbeginn nach einer Woche Schule jeglicher Zweifel abgestellt.

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