Rechtsanwalt vor Gericht

Prozess um dealenden Anwalt

17.01.2018 | Stand 10.01.2021, 20:50 Uhr
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Die ersten beiden Verhandlungstage

LANDSHUT/ERDING Der angeklagte Anwalt war selbst süchtig und handelte deshalb auch mit Drogen. An die 106.665 Euro soll er dabei eingenommen haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm in zwölf Fällen vorsätzlichen unerlaubten Handel vor und stellte ein Strafmaß von vier Jahren und sechs Monaten in den Raum. Bis auf kleine Änderungen räumte der Angeklagte die Vorwürfe ein.

Laut Anklage betrieb der 32-jährige Erdinger von November 2015 bis Mai 2017 von seiner Wohnung in Erding aus einen schwunghaften Handel mit Kokain und Amphetamin. Die Betäubungsmittel erwarb er von weiteren Beteiligten. Verkauft habe er die Drogen an seine Abnehmer von zuhause aus oder er lieferte sie mit seinem PKW aus.

Aufgewachsen war der Mann in einer Drogenfamilie, das Studium absolvierte er durch finanzielle Unterstützung der Großeltern. Doch die Drogen machten auch vor ihm schließlich nicht Halt. Durch Telefonüberwachung und Auswertung von stark verschlüsselten Whatsapp-Chats kamen die Handlungen ans Tageslicht.

Über seinen Verteidiger Rechtsanwalt Peter Witting gab er bis auf kleine Änderungen in vier Anklagepunkten die Taten zu. Er hoffe nun, in eine Einrichtung zu kommen, wo ihm geholfen werde, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, gab der 32-Jährige am ersten Verhandlungstag unter Tränen zu.

Am zweiten Prozesstag wurden nun die beiden Ex-Freundinnen des Angeklagten als Zeuginnen vernommen. Seine langjährige ehemalige Partnerin habe erst Verdacht geschöpft, als die beiden zusammenlebten und er sein wahres Ich nicht mehr verbergen konnte.

Die erste Freundin verließ ihn, nachdem sie seiner Drogenabhängigkeit auf die Schliche kam. „Er hat sich für die Drogen entschieden, sonst hätten wir sicher geheiratet und Kinder bekommen“, erzählte die 32-jährige Immobilienkauffrau. 2003 hatten sich die beiden kennengelernt. Die ersten Jahre habe sie nichts bemerkt. Sie habe von den schwierigen Lebensverhältnissen der drogenabhängigen Eltern gewusst, doch sprechen habe er nie darüber wollen. 2014, als die finanziellen Mittel stimmten, seien beide zusammengezogen. Ab da habe sie Veränderungen bei ihm bemerkt: Stimmungsschwankungen, aggressive Telefonate, Schlafprobleme, bis hin zu weißen Rückständen an der Nase. „Erst da habe ich angefangen nachzufragen. Wenn man mit Drogen selber nichts zu tun hat, glaubt man erst alles“, so die Ex-Freundin. Sie habe aber nie mitbekommen, dass er Kokain weitergegeben oder verkauft hätte, erklärte sie auf die Frage des Vorsitzenden Richters Ralph Reiter.

Mit seiner zweiten Exfreundin, einer 33-jährigen Rechtsanwältin aus München, hatte er ihren Angaben zufolge mit kurzen Unterbrechungen ab Mai 2016 eine einjährige Beziehung. Sie meinte, sie hätte fast der Schlag getroffen, als sie von seiner Inhaftierung hörte. Sie gab an, dass sich die beiden nur selten – einmal unter der Woche und am Wochenende – gesehen hätten und dabei habe sie nie etwas von seiner Drogenabhängigkeit mitbekommen, einzig und allein sein starkes Schwitzen sei ihr aufgefallen und dass er gerne einen draufmachte. „Ich war verliebt, schlechte Sachen sieht man da nicht“, gestand sie unter Tränen.

Der psychiatrische Gutachter bestätigte die Aussagen der beiden Frauen, indem er erklärte, dass es einem Kokainabhängigen leicht fallen würde, seine Sucht zu verstecken. Er diagnostizierte im Fall des 32-jährigen Rechtsanwaltes ein definitives Abhängigkeitssyndrom sowie chronischen Missbrauch: In kurzen Phasen werde extrem viel konsumiert, über längere Phasen hinweg dann wieder weniger. Er attestierte dem Angeklagten zudem eine gewisse Selbstunsicherheit und einen Mangel an Persönlichkeitsreife – was womöglich aus der Kindheit resultieren würde, trotz seines hohen IQ von 119.

Der Prozess wird am 02. Februar fortgesetzt und das Urteil erwartet.

Erding