"Haarscharf" an Mordversuch vorbei

Acht Jahre für den Freibad-Messerstecher

08.07.2017 | Stand 06.01.2021, 1:31 Uhr
ws
−Foto: n/a

Mit einem Grinsen nahm der 46-jährige Moosburger Monteur Ismet D., der als „Freibad-Messerstecher“ für Schlagzeilen gesorgt hat, das Urteil der Schwurgerichtskammer beim Landgericht Landshut zur Kenntnis:

MOOSBURG / LANDSHUT  Acht Jahre Haft wegen versuchten Totschlags sowie gefährlicher und schwerer Körperverletzung. In der Urteilsbegründung betonte Vorsitzende Richterin Gisela Geppert, dass die Messerstiche im Freibad nur um „Haaresbreite“ nicht als Mordversuch geahndet worden seien.

Mit dem Strafmaß blieb die Kammer nur ein Jahr unter dem Antrag von Staatsanwalt Klaus Kurtz, während Rechtsanwalt Dr. Oliver Schreiber, der das als Nebenkläger auftretende Opfer, den 49-jährigen Monteur Emrullah B., vertrat, eine Verurteilung wegen versuchten Mordes gefordert hatte. Verteidiger Manfred Jomrich hatte dagegen lediglich eine schwere Körperverletzung verwirklicht gesehen und dafür eine Bewährungsstrafe beantragt.

In der Urteilsbegründung ging Vorsitzende Richterin Gisela Geppert kurz auf den von der Kammer festgestellten Sachverhalt ein. Danach habe sich der 46-jährige Kosovo-Albaner an jenem 7. Juli letzten Jahres im Moosburger Freibad durch seinen 49-jährigen Landsmann „belästigt“ und nach eigenen Angaben „provoziert“ gefühlt, weil der seine im Bikini im Schwimmbeckenbereich liegende Ehefrau intensiv beobachtet habe. Deshalb forderte er den 49-Jährigen zu einer „Aussprache“ auf der Spielwiese auf, zu der - versteckt in der Badehose und durch ein T-Shirt verdeckt - ein Küchenmesser mitgenommen habe.

Bei der „Aussprache“ habe sich das spätere Opfer wenig einsichtig gezeigt und von sich gegeben, dass es seine Ruhe wolle. Deshalb sei es dann zunächst zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit gegenseitigem Schlagabtausch gekommen, bis Ismet D. unvermittelt das Küchenmesser gezogen und damit mindestens fünfmal auf den Kontrahenten eingestochen habe. Der erste Stich sei in das rechte Auge und dann in den Schädel eingedrungen, ehe es abgebrochen sei. Mit dem abgebrochenen Messer habe er dann noch weiter zugestochen.

„Für ihn war es erkennbar, dass das Opfer sterben könnte. Trotzdem ging er weg, ohne sich um das Opfer zu kümmern. Das taten dann andere Badegäste,“, so die Vorsitzende Richterin. Die Folgen für den 49-Jährigen seien dramatisch gewesen: Sein rechtes Auge habe entfernt werden müssen, dazu habe er noch heute Sensibilitätsstörungen im Gesicht und Lähmungen an der linken Hand, die getroffen worden sei, als er versuchte, die Stiche abzuwehren.

Ismet D. habe zwar die Stich eingeräumt, aber als Ursache für seinen Ausraster eine Provokation durch eine in seinem Kulturkreis als „tödlich“ geltende Beleidigung ins Spiel gebracht. Daran habe die Kammer nach der Beweisaufnahme erhebliche Zweifel gehabt, zumal der 46-Jährige bei seiner Einlassung gelogen habe. Beispielsweise was die Klingenlänge des Messers, die er auf fünf Zentimeter beziffert habe, anging. Nach dem Sachverständigengutachten mussten es mindestens 10 Zentimeter gewesen sein.

Außerdem habe der Monteur eine Tötungsabsicht bestritten, habe angeblich nur auf den Schulterbereich gezielt. „Die Kammer geht aber von einer Tötungsabsicht aus, wenn auch nicht von vorneherein. Laut Sachverständigen-Gutachten musste in Richtung Gesicht gezielt worden sein und das mit erheblicher Wucht. Außerdem wurde das abgebrochene Messer aus dem Auge gezogen und damit weiter zugestochen“, so Geppert. Es sei letztlich nur dem Zufall, dass die Klinge die Kopfschlagader nur um Millimeter verfehlt habe und Emrullah B. noch am Leben sei.

Die Kammer, so die Vorsitzende Richterin, habe auch intensiv mit der Frage, ob nicht ein versuchter Mord vorliege, beschäftigt. Allerdings sei die Rechtssprechung in Sachen Mordmerkmale äußerst restriktiv. Da ein Zeuge berichtet habe, dass das Opfer das Messer bemerkt und darauf reagiert habe, entfalle Heimtücke. Auch niedrige Beweggründe seien nicht mit letzter Sicherheit festzustellen gewesen, wenngleich die Messerattacke nicht mit den Sitten des albanisch-kosovarischen Kulturkreises entschuldbar sei, machte Geppert deutlich.

Straferschwerend, so die Vorsitzende Richterin, hätten sich vor allem die schweren Verletzungen des Opfers und die daraus resultierenden psychischen Beeinträchtigungen ausgewirkt. „Das Strafmaß mit acht Jahren, von dem bei guter Führung ein Teil zur Bewährung ausgesetzt werden könnte, bietet dem Angeklagten noch eine Perspektive, die wesentlich besser ist als die des Opfers“, stellte Geppert abschließend fest.

Landshut