10.09.2012, 12:05 Uhr

Tipps zu mehr Selbstdisziplin beim häuslichen Lernen Hausaufgabenstress war gestern

Es geht wieder los: Deutschlands Schüler starten in das neue Schuljahr – und ganze Familien steuern auf neue, nervenaufreibende Hausaufgaben- und Lernkonflikte zu. Nicht selten kommen Hausaufgaben schon fast einem „Hausfriedensbruch“ gleich. Was aber tun, wenn es mit Hausaufgaben, Lernen und häuslichen Schulvorbereitungen nicht klappt? „Hin zu mehr Selbstdisziplin“ lautet das Credo der Lernpraxis-Expertin Dr. Eva Borchers.

DEUTSCHLAND Die Leiterin eines Internats kennt beide Seiten: die schulische Lernsituation und das häusliche Arbeiten mit den Kindern in der schulfreien Zeit. „Selbstbewusstsein hat das Gros der Schüler, die Mehrheit ist stark. Sie wurden so erzogen, sich nicht alles gefallen zu lassen“, schildert Borchers. Schüler bzw. deren Eltern sollten verstärkt an der Selbstdisziplin beim Lernen und nicht so sehr am Selbstbewusstsein ihrer Sprösslinge arbeiten, rät die erfahrene Lehrerin und Erzieherin und bestätigt damit auch aktuelle psychologische Erkenntnisse.

Angeraten sei das Erlernen eines strukturierten, zielorientierten Arbeitens. „Unser Hausrezept lautet Struktur und feste Arbeitszeiten“, so die Leiterin des Internats. Heißt, Hausaufgaben sollten als Ritual etabliert werden, das für und mit dem Schüler – je nach Alter und Biorhythmus – zu bestimmten Tageszeiten festgelegt wird. Ist aufgrund eines vollen Terminkalenders eine immer gleiche Lernzeit nicht möglich, könne alternativ ein Stunden- bzw. Wochenplan inklusive sonstiger Termine und lernfreier Zeiten erstellt werden.

Absolutes Muss für mehr Lernstruktur sei zudem ein fester und ruhiger Arbeitsplatz – „überhaupt ein Arbeitsplatz“, egal ob Küchentisch oder Schreibtisch im Kinderzimmer, betont Borchers. „Hauptsache, die Kinder lernen nicht auf dem Bett.“ Denn die Vermischung von Erholungs- und Arbeitsplatz senke die Konzentration. Und: Die Gewöhnung an einen festen Arbeitsplatz erleichtere den Arbeitseinstieg. Haben diese Hürde, der Wille zur tatsächlichen Leistungsbereitschaft, ist laut Borchers oft erst noch zu überwinden. Es genüge eben nicht nur, sich hinzusetzen. Es müsse auch die Bereitschaft bestehen, sich anzustrengen. „Psychologen sprechen dabei von Volition. Es ist nun einmal so, dass Anstrengung Schweiß kostet“, so die Pädagogin. Um den Willen zur Leistungserbringung zu stärken, ist ein Belohnungssystem nach dem Muster „wenn du dies schaffst, bekommst du jenes“ nach Erfahrung der Internatsleiterin allerdings wenig wirksam. „Die meisten Schüler haben ohnehin fast alles und auch Belohnungen werden irgendwann zur Selbstverständlichkeit.“ Zielführender sei die Ermutigung zur Anstrengung. „Dann werden sich Erfolgserlebnisse einstellen, die den Schülern das gute Gefühl geben, aus eigener Anstrengung etwas erreicht zu haben, auf das sie stolz sein können.“

Fällt das Loslegen bei den Hausaufgaben dennoch schwer, mache eine kurze Hausaufgaben-Organisation Sinn: „Mit leichtem Stoff anfangen, Schriftliches mit Mündlichem, z. B. Vokabeln lernen, abwechseln, Ähnlichkeiten wie Französisch nach Englisch vermeiden und nicht vergessen: Pausen einplanen“, fasst Borchers zusammen. Auch Konzentrationsübungen könnten - vor allem bei jüngeren Schülern – den Beginn mit den Hausaufgaben vereinfachen. „Geeignet sind Mini-Denkaufgaben wie Sudoku oder auch körperliche Übungen, zum Beispiel eine liegende Acht formen“, konkretisiert die Expertin.

Bemerkenswert, so Borchers, ist zudem, dass die Beaufsichtigung der Kinder beim Lernen offenbar eine größere Rolle spielt als bislang angenommen, was auch Studien bestätigen. Demnach entwickelten Kinder, die beim Lernen von mehreren Augen beobachtet werden, auch ein Mehr an Selbstdisziplin. „Das kann die Leistungsfähigkeit der Schüler durchaus steigern. Es geht meines Erachtens vor allem darum, dass die Kinder sich nicht nur beobachtet, sondern beachtet fühlen. Sie wollen wissen, jemand guckt nach mir.“

Am Internat würden die Schüler daher in den nachmittäglichen Arbeitsstunden nicht nur von Lehrern fachlich betreut, sondern ferner von Erziehern, die, falls gefordert, weiteres Augenmerk schenken. „Natürlich sind die Eltern die wahren Experten für ihre Kinder, sie kennen sie am besten, weshalb wir auf eine Erziehungspartnerschaft mit den Eltern großen Wert legen“, erklärt Borchers. Angesichts einer zunehmenden Berufstätigkeit von oft beiden Elternteilen werde die gemeinsame Hausaufgaben- oder Lernzeit aber immer knapper, eine Beaufsichtigung durch mehrere Augen sei nur schwer umsetzbar. „Internate wie unseres können das Mehraugen-Prinzip deshalb optimal ergänzen.“


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