15.07.2011, 18:56 Uhr

Wechselausstellung "In uns der Ort" in der Gedenkstätte Flossenbürg: KZ-Überlebende im Hier und Jetzt

Ein alter Mann in heller Windjacke, seine Augen sind geschlossen, er wirkt in sich gekehrt. Ein anderer sieht dem Betrachter mit schelmisch leuchtenden Augen ins Gesicht. Eine Dame mit weißen Locken blickt schräg am Betrachter vorbei in die Ferne. Sie trägt eine elegante dunkelgrüne Jacke. Wie eine freundliche Oma, die ihre Familie zu Besuch erwartet. Drei Menschen mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Lebensläufen. Nur eines verbindet sie: Sie alle waren im Konzentrationslager Flossenbürg interniert und haben den Schrecken überlebt.

FLOSSENBÜRG Ihre Bilder sind zusammen mit weiteren Porträts ehemaliger Häftlinge in der neuen Wanderausstellung "In uns der Ort" zu sehen, die am Freitag, 15. Juli, in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eröffnet wurde. Es ist die erste Wechselausstellung, die auf Initiative der KZ-Gedenkstätte entstanden ist. Die Fotokünstlerin Renate Niebler hat dafür in den Jahren 2009 und 2010 insgesamt 54 Überlebende des Konzentrationslagers Flossenbürg fotografiert. "Die Idee war, die Überlebenden als Individuen zu zeigen, die im Hier und Jetzt leben", erklärt sie. Dieser Idee folgt auch das Raumkonzept der Ausstellung, entworfen vom Münchner Architekturbüro Wollmann & Mang. Die Bilder hängen nicht an der Wand, sondern werden jeweils auf einem eigenen, frei im Raum stehenden Bildträger präsentiert. "Der Betrachter kann sich frei zwischen ihnen bewegen und so den individuellen Bildern gegenübertreten", sagt Niebler.

Den Zusammenhang zwischen den Porträtierten und dem Ort Flossenbürg stellen 14 Fotografien von Beatrice Apel her, die an zwei Wänden des Raumes hängen. Die Münchner Fotografin hat sich Anfang des Jahres mit der Kamera auf Spurensuche im Gelände der KZ-Gedenkstätte begeben. "Flossenbürg trägt als ehemaliges Konzentrationslager und als heutige Gedenkstätte zwei gegensätzliche Bestimmungen in sich", sagt sie. Beide Identitäten seien im gegenwärtigen Zustand des Orts vereint. Apel möchte sie mit ihren Fotografien sichtbar machen.

Die KZ-Gedenkstätte hat die Wechselausstellung im Rahmen des jährlichen Treffens ehemaliger Häftlinge vom 15. bis zum 17. Juli eröffnet. Die Ausstellungseröffnung übernahmen der Sprecher der ehemaligen Häftlinge des KZ Flossenbürg, Dr. Jack Terry, und der tschechisch-österreichische Schriftsteller und Aktivist des "Prager Frühlings" Pavel Kohout. Letzteren verbindet ein starkes Erlebnis mit dem Flossenbürg-Überlebenden Jack Garfein, dessen Porträt auch in der Ausstellung zu sehen ist. Der Schriftsteller erlebte hautnah mit, wie Garfein vierzig Jahre nach Kriegsende zufällig den Mann aufspürte, der seine gesamte Familie hatte ermorden lassen, und wie er ihn vor laufender Kamera anklagte. Kohout hat die wahre Begebenheit mit geänderten Namen in seinem Roman "Ich schneie" exakt wiedergegeben. Jack Garfein wird auf dem Gedenkakt, der das Treffen ehemaliger Häftlinge am Sonntag abschließt, die Ansprache halten. Grußworte sprechen Europaministerin Emilia Müller und Conrad Tribble, Generalkonsul der Vereinigten Staaten von Amerika.

Mit ihrer ersten selbst konzipierten Wechselausstellung schlägt die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ein neues Kapitel der Erinnerungsarbeit auf. "Die Ausstellung trägt die beiden thematischen Schwerpunkte unserer Arbeit nach außen", sagt Gedenkstättenleiter Dr. Jörg Skriebeleit. Diese beiden Schwerpunkte sind zum einen die Menschen und zum anderen der Ort. Für die erste Dauerausstellung, die 2007 eröffnet wurde, trugen die Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte hunderte Biographien und Fotos ehemaliger Häftlinge aus ganz Europa zusammen. Die zweite Ausstellung - "was bleibt" - geht der Frage nach, wie die Überlebenden ihre schrecklichen Erinnerungen verarbeitet haben. "Wer beide Ausstellungen besucht, kann die Lebenswege einzelner Häftlinge über die Jahrzehnte verfolgen", sagt Dr. Skriebeleit. "Mit der neuen Ausstellung fügen wir diesen Biographien ein drittes Kapitel hinzu. Wir zeigen die Menschen so, wie sie heute sind." Parallel dazu wird in den Ausstellungen die Entwicklung des Ortes Flossenbürg dargestellt. Wie konnte ein idyllischer Urlaubsort zu einem Tatort des Nazi-Terrors werden? Wie gingen die Menschen nach dem Krieg mit der Vergangenheit ihrer Heimat um? Welche Spuren sind heute noch sichtbar, welche nicht? "Die Ausstellung soll dazu beitragen, dass solche Fragen auch außerhalb der KZ-Gedenkstätten in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden", betont Dr. Skriebeleit. "Die Erinnerungen der Überlebenden müssen im allgemeinen Bewusstsein präsent bleiben. Das ist umso wichtiger, je weniger Zeitzeugen es gibt, die das, was sie erlebt haben, aus erster Hand berichten können."

Die Ausstellung "In uns der Ort. Porträts und Landschaftsaufnahmen von Renate Niebler und Beatrice Apel" ist vom 16. Juli bis zum 2. November in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos. Die Ausstellung ist von Montag bis Sonntag jeweils von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

Im Konzentrationslager Flossenbürg und seinen Außenlagern waren zwischen 1938 und 1945 über 100.000 Häftlinge interniert, rund 30.000 starben. Die annähernd 90 Außenlager des KZ erstreckten sich über ein Gebiet von Prag bis Würzburg in der Ost-West-Achse und von Dresden bis Eichstätt in der Nord-Süd-Ausdehnung. Zwei Drittel der Häftlinge stammten aus Osteuropa. Es hat mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert, bis aus diesem europäischen Verfolgungsort eine echte Stätte des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurde.


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