23.09.2015, 17:10 Uhr

Welterbe Unesco-Welterbe: Wie feige ist Regensburg?

Der »Friendly Alien« in Graz. Foto: EcklDer »Friendly Alien« in Graz. Foto: Eckl

Die österreichische Stadt Graz traut sich auch, moderne Architektur zu verwirklichen – doch auch Streit ist nicht vermeidbar. Kann Regensburg als Welterbestadt mit dem Pendant in Österreich mithalten? Oder sind wir schlicht zu feige?

REGENSBURG Die Domstadt ist, mit Altstadt und Stadtamhof, Weltkulturerbe seit 2006. Manchmal hat man das Gefühl, bis auf die Tatsache, dass immer mehr schwimmende Hotels an der Donaulände anlegen, hat man als Regensburger wenig von dem Titel. Oder wissen Sie, wer Matthias Ripp ist? Nein? Nun, das ist der sogenannte Leiter der Welterbekoordination – doch bis auf den „Welterbetag“, der jedes Jahr wie ein kleines Fest ausgerichtet wird, spürt der Bürger kaum etwas von dieser Einrichtung. Ach ja, jedes Jahr gibt es dann noch eine Hochglanz-Broschüre mit dem sperrigen Titel „Jahresbericht 2014 der Welterbekoordination“, drauf ist ein Siegel abgebildet, in dem es „Welterbe vor Ort“ heißt. Doch in der Broschüre geht es meist um Konferenzen und Tagungen. Die Unesco und damit einhergehend auch der Titel ist ein Bürokratiemonster.

Viele Menschen vor Ort haben dann auch das Gefühl, dass der Status eher mit Nachteilen behaftet ist für sie. Denn eine dringend benötigte Ersatzbrücke über die Donau wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht westlich der Steinernen verwirklicht, östlich davon neben der Nibelungenbrücke macht sie auch kaum Sinn. Die Unesco und der Titel sind also Hemmschuhe für den Verkehr und damit auch für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Manche sagen: Gut so, denn damit bleibt das wunderbare Ensemble der Regensburger Altstadt auch mehr oder weniger unangetastet.

Wie man es komplett anders machen kann, zeigt indes ein Besuch in der Stadt Graz in der Steiermark im Nachbarland Österreich. Die Stadt ist etwa doppelt so groß wie Regensburg und hat mit 300.000 Einwohner ganze 63.000 Studenten. Das Nachtleben, aber auch das schwierige Nebeneinander von Feierkultur und Altstadtbewohnern ist also durchaus vergleichbar. Graz wurde 1999 zum Welterbe ernannt – ganz besonders auffällig ist die fast durchgehend erhalten gebliebene Dachlandschaft mit den typischen roten Dachziegeln. Allerdings weist die Stadt etwas auf, das im Nachbarland ohnehin viel weiter verbreitet ist als in Deutschland – und natürlich auch in Regensburg: Während man dort ganz häufig historische Bausubstanz neben moderner, mutiger Architektur bewundern kann, wird bei uns kein Stein mehr bewegt – wohl auch aus Angst, dass am Ende der Verlust eines Titels wie der des Welterbes stehen könnte.

Graz bietet dafür gleich zwei Beispiele: So hat der in New York lebende italienische Designer Vito Acconci ausgerechnet 1999, als Graz den Titel zugesprochen bekam, eine schwimmende Insel in der Mur konzipiert, die außergewöhnlich erscheint.

Zwei Stege halten einen blau beleuchteten Körper, in dem sich ein Cafe befindet, in der Mitte der Mur. Das Gebilde, das ziemlich „spacig“ aussieht, schwimmt im Wasser. Und das genau unter dem Wahrzeichen von Graz, dem berühmten Uhrturm, der ein Überrest der von Napoleon geschleiften Festung hoch über der Stadt ist.

Gäbe es die leuchtende Insel in Regensburg?

Wäre eine solche Insel auch in Regensburg denkbar? Nun ist die Donau eine andere Nummer als die kleine Mur – und es gab mit dem Beleuchtungskonzept für die Steinerne Brücke, die rot leuchtete, auch bei uns bereits ein innovatives Konzept.

Doch weil Graz 2003 den Titel einer Kulturhauptstadt trug – der den Regensburgern übrigens bislang versagt blieb, denn auch wir hatten uns darum bereits einmal beworben –, konnte man 2003 ein Bauwerk auf der gleichen Linie wie die Mur-Insel eröffnen, das es wirklich in sich hat: ein Kunstmuseum, das von den beiden Architekten Peter Cook und Colin Fournier geschaffen wurde. Das Ding sieht am Tag aus wie ein umgekipptes Stachelschwein, in der Nacht ist ein Zufallsgenerator angeschlossen, der das Gebäude aufblinken lässt. Das Museum wird von Grazern „freundlicher Außerirdischer“ genannt.

Wäre so etwas auch in Regensburg möglich? Nun bekommt die Domstadt ja ein neues Museum, nämlich am Donaumarkt. Doch dem Vernehmen nach hat sich die Jury damals auf einen Entwurf geeinigt, der ein Kompromiss war: Mutige Stimmen plädierten für ein wellenartiges Gebäude, das die Donau symbolisiert hätte und die Welle zum Welterbe geschlagen hätte.

Neues Museum: Nicht der mutigste Entwurf

So ist es also am Ende nicht der mutigste Entwurf, sondern eher der mehrheitsfähige. Übrigens ist es nicht so, dass man in Graz nicht auch Probleme mit der Unesco (bzw. Icomos, der Organisation, die für die Unesco die Koordination des Welterbes erledigt) hätte. Als ein wunderschönes Kaufhaus, das im Kern ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert birgt, umbaute und ein neues Dach schuf, drohte man mit der Aberkennung des Titels. Gebaut wurde trotzdem – übrigens sollte das Kaufhaus eine dachziegelrote Verkleidung aufs Dach bekommen, die Erstentwürfe wurden im vorauseilenden Gehorsam vom dortigen Gestaltungsbeirat abgelehnt. Heute ist das Dach nach wie vor Silber, denn dem Kaufhausbetreiber ist das Geld ausgegangen, seit fünf Jahren blitzt es Silber zwischen dem geschlossen roten Dachpanorama von Graz hervor.

Aberkannt hat den Titel der Stadt allerdings die Unesco nicht. Kein Wunder, schließlich gehören zu einer solchen Auszeichnung immer zwei: Verleiher – und würdiger Träger des Titels. Und unverwechselbare Unikate wie Graz, aber auch Regensburg gibt es eben nicht wie Sand am Meer.


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