27.01.2012 Ann Arbor/Wien

Selbstverliebtheit macht Männer krank

Roter Teppich: Wer nur gefeiert werden will, bezahlt dafür


Gestörtes Selbstbild sorgt für Dauerstress im Alltag

Narzissmus - eine übersteigerte Form der Selbstliebe - macht nicht nur bei anderen unbeliebt, sondern schadet auch der eigenen Gesundheit. Zumindest das Stressniveau ist bei Männern mit derartiger Veranlagung höher, konnten US-Forscher nun zeigen. "Besonders narzisstische Männer bezahlen mit ihrer Gesundheit, zusätzlich zu den psychologischen Kosten und den Problemen in ihren Beziehungen", erklärt Studienautorin Sara Konrath von der University of Michigan.

 

Zu viele Stresshormone

Narzissmus ist eine Störung der Persönlichkeit, die sich durch Selbstüberschätzung, Glaube an die eigene Grandiosität und ein aufgeblähtes Ego umschreiben lässt. Untersuchungen zufolge nimmt die Tendenz zu, wobei Männer häufiger betroffen sind. "Narzissten nutzen andere aus und haben keine echten Freunde. Zwar werden sie hochgefeiert, da sie mit ihrem Charisma aus der Ferne glänzen. Sie sind aber nicht zur Selbstlosigkeit fähig, weshalb sich später viele von ihnen abwenden", erklärt der Psychotherapeut Raphael Bonelli von der Wiener Siegmund-Freud-Universität.

 

Dass Narzissmus nicht nur den Beziehungen, sondern auch dem Körper schaden dürfte, haben nun die US-Forscher bewiesen. Versuchspersonen, die in einem Persönlichkeitstest besonders narzisstische Züge offenbarten, besaßen im Speicheltest die vergleichsweise meisten Cortisol-Stresshormone. Bestätigt wurde das Ergebnis auch durch die Messung des neuroendokrinen Regelkreises zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde (HPA), der ein wichtiges System für die Stressreaktion ist. Die ständige Aktivierung der HPA-Achse zeigte, dass Narzissmus nicht nur auf Stresssituationen, sondern auch auf die Alltagsroutine einwirkt.

 

Angst vor dem Auffliegen

Besonders bei Männern stimmt die narzisstische Störung mit höheren Cortisolwerten überein, bei Frauen jedoch kaum. "Allgemein gibt es unter den Narzissten deutlich mehr Männer als Frauen. Dies könnte sowohl biologisch als auch gesellschaftlich bedingt sein - denn auch die Rollenerwartung, dass Männer durch Intelligenz oder Karriere stets mehr darstellen müssen, lässt sie mehr protzen und bluffen, was die Störung begünstigt", betont Bonelli. Ungeklärt bleibe aber auch, ob der höhere Hormonspiegel Folge oder Auslöser von Narzissmus ist.

Dass Stress und Narzissmus zusammenpassen, halten die Experten allerdings für plausibel. "Narzissten leben unsicher und haben ein brüchiges Selbstwertgefühl, da sie stets Angst haben müssen, dass jemand ihr idealisiertes Selbstbild in Frage stellt", berichtet der Wiener Psychotherapeut und Psychiater. Doch auch abseits des Auffliegens sind Disharmonie mit der Umgebung und innere Unruhe vorprogrammiert. "Der dauernde Gedanke, dass dich alle anderen um deine Position beneiden, kostet viel Energie - wie auch im anderen Fall der Neid gegenüber dem Umfeld."

 

Demut macht stark

Stimmen die Ergebnisse, so dürfte ein dem Narzissmus entgegengesetztes Verhalten die Gesundheit fördern. Vorteile von Demut haben US-Forscher erst kürzlich bei Führungskräften gezeigt. Bescheidenes Auftreten, Zugeben von Fehlern oder die Anerkennung der Stärken anderer lassen Chefs demnach effektiver arbeiten und verleihen Beliebtheit sowie innere Ausgeglichenheit

Autor: pte/pa