23.07.2012

Berlin (AFP)

Fechterin Duplitzer kritisiert deutsches Sportsystem

Das deutsche Olympiateam hat seinen ersten großen Aufreger. Mit deutlichen Worten kritisierte Degenfechterin Imke Duplitzer das deutsche Sportsystem und die Führung des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB).
Foto: © 2012 AFP Degenfechterin Duplitzer
Das deutsche Olympiateam hat seinen ersten großen Aufreger. Mit deutlichen Worten kritisierte Degenfechterin Imke Duplitzer das deutsche Sportsystem und die Führung des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB).

Die Attacke von Degenfechterin Imke Duplitzer traf voll ins Schwarze, der verbale Rundumschlag der zweimaligen Europameisterin gegen das deutsche Sportsytem und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hat schon vor Beginn der Sommerspiele in London für den ersten großen Aufreger gesorgt. Der Silbermedaillengewinnerin von Athen 2004 drohen nach ihrer heftigen Kritik an DOSB-Präsident Thomas Bach und Generaldirektor Michael Vesper durchaus Konsequenzen.

"Wenn ich mich mit Doktor Michael Vesper unterhalte oder wenn ich von weitem mal Präsident Thomas Bach sehe - ich glaube, die raffen das gar nicht mehr", sagte die 36-jährige Duplitzer, die vor ihrer fünften Olympia-Teilnahme steht: "Ich will eine ehrliche Debatte über den deutschen Sport. Denn: Die Funktionäre wissen gar nicht mehr, was in der Sporthalle los ist. Liegt auch daran, dass sie in ihrem Pixiewolkenkuckucksheim leben." Zudem äußerte sich Duplitzer kritisch zum deutschen Sportsystem, dem Internationen Olympischen Komitee (IOC) und zur Dopingproblematik.

Über die Folgen ihrer Aussagen gab es allerdings bei der Eröffnung des deutschen Hauses am Montag in London zunächst keine weiteren Aufschlüsse, Bach und Vesper reagierten mit demonstrativer Gelassenheit. "Die Vorfreude auf die Olympischen Spiele ist durch die Vorfälle in der Heimat nicht ungetrübt", sagte Bach. Der Fecht-Olympiasieger von 1976, von Duplitzer hart kritisiert, ergänzte, er wisse, wie es in dieser Sportart zugehe, und dass dort "auch mal zum schweren Säbel gegriffen wird".

DOSB-Generalsekretär Michael Vesper, ebenfalls von Duplitzer scharf angegangen, war gleichermaßen um Zurückhaltung bemüht. "Ich hoffe, dass sie nicht nur mit Worten ficht, sondern auch mit dem Degen erfolgreich ist", sagte er. Vesper erwähnte aber auch: "Es ist schade, dass die Äußerungen so kurz vor den Olympischen Spielen öffentlich werden."

Vesper war die Kritik von Duplitzer zu "pauschal - ich hätte mich gefreut, wenn sie in den letzten Jahren mal auf uns mit Vorschlägen zugekommen wäre. Aber das ist nicht geschehen. Jetzt soll sie sich erst mal auf ihre Wettbewerbe konzentrieren. Nach den Olympischen Spielen können wir uns dann zusammensetzen", sagte er der "Bild"-Zeitung, in der auch Duplitzer ihrer Meinung freien Lauf gelassen hatte. "Ich halte die Kritik für verfehlt und deplatziert. Vielleicht will sie ein bisschen Aufmerksamkeit", sagte Leistungssport-Vizepräsidentin Christa Thiel.

Gordon Rapp, Präsident des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB), fordert von seiner Sportlerin dagegen Konzentration auf die Wettkämpfe in London: "Ich persönlich habe nichts gegen den mündigen Athleten. Es ist klar, dass wir vor Olympia die besondere Aufmerksamkeit der Medien habe. Jeder Athlet nutzt das auf seine Weise. Ich erwarte aber, dass sich jeder Athlet jetzt voll auf den Sport konzentriert, alles andere kommt danach", sagte Rapp dem SID: "Pauschale Kritik ist aber immer überzogen."

Aber es gab auch Unterstützung. "Mir ist fast das Facebook-Profil explodiert. ich habe jede Menge Mails bekommen, von Athleten und Trainern, die gesagt haben: 'Super, dass du den Mund aufgemacht hast", sagte Duplitzer im ZDF-Morgenmagazin: "Niemand will sich den Mund verbrennen und aus dem Fördersystem fallen."

Vor allem die anhaltende Trainermisere in Deutschland bereitet Duplitzer Sorgen. "Wir haben jetzt schon ein massives Trainerproblem. Uns laufen die Trainer weg, weil sie in anderen Ländern viel mehr verdienen und bessere Rahmenbedingungen haben", erklärte die Fechterin.

Ein Weg, der für Duplitzer nicht in Frage kam. Nach den Spielen in Peking lehnte sie ein lukratives Angebot aus Großbritannien ab, um in Deutschland zu bleiben. "Vielleicht war ich ein bisschen zu blauäugig", sagte sie im Rückblick.

Bereits vor den Spielen 2008 in Peking hatte Duplitzer für Aufregung gesorgt. Wegen der Menschenrechtspolitik Chinas und der Kommerzialisierung der Olympischen Spiele hatte sie die Eröffnungsfeier boykottiert. Und sich im Vorfeld eine medienwirksame Auseinandersetzung mit der späteren Goldmedaillengewinnerin Britta Heidemann geliefert. Die Aufregung um Duplitzer könnte während Olympia noch weiter gehen. In wenigen Tagen soll ihr Buch "Helden-Haft" veröffentlicht werden, in dem sich sich kritisch mit dem Phänomen Leistungssport auseinandersetzt.

Autor: Berlin (AFP)

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