03.11.2015 Bayern

Kommentar

Sind jetzt plötzlich alle Nazis?

Mike Schmitzer Banner
Foto: Richard Umkehrer
Asylkritische Kommentierungen nicht erwünscht. Ein Kommentar von Mike Schmitzer

Der Rentner, der beim Rasenmähen immer so freundlich über den Gartenzaun winkt, die junge Mutter, die an der Supermarktkasse ihre kleine Tochter auf dem Arm trägt, die Metzgereiverkäuferin mit ihrer ansteckend guten Laune ... alle plötzlich Nazis? Wirklich?

 

Diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie machen sich Sorgen darüber, was der momentane Flüchtlingsansturm für ihre eigenen Familien bedeuten könnte. Sie haben Angst davor, dass die Politiker das Problem nicht lösen können und die Flüchtlingskrise in einer Katastrophe endet.

 

Diese Befürchtungen formulieren sie in sozialen Netzwerken wie facebook oder in den Kommentarspalten der Onlinemagazine. Vielleicht ist die Wortwahl manchmal etwas ungeschickt, aber nicht jeder ist im Schreiben geübt.

 

So sicher wie das Amen in der Kirche, folgt auf jeden asylkritischen Kommentar ein Gegenkommentar, in dem die Nazikeule geschwungen wird. In diesen Gegenkommentaren fallen dann Begriffe wie „dämlich“, „uninformiert“, „eine Schande für Deutschland“ und natürlich „rechtsradikal“. Diese Gegenkommentatoren treten oft derart zornerfüllt, massiv und beleidigend auf, dass man sich fragt, wo denn deren Menschenfreundlichkeit den eigenen Mitbürgern gegenüber geblieben ist?

 

Ja glauben diese Eiferer denn wirklich, dass man dem Rentner, der jungen Mutter und der Verkäuferin die Ängste nehmen kann, indem man sie beleidigt und in die rechte Ecke stellt (nachdem man sich vielleicht noch über ihre Rechtschreibfehler lustig gemacht hat)? Damit treiben sie doch erst recht einen Keil in unsere Gesellschaft.

 

Dabei wäre es so wichtig, dass wir alle zusammenhalten, um gemeinsam diese Krise bewältigen zu können. Die Mehrheit der Deutschen ist doch nicht über Nacht rechtsradikal geworden. Hinter den Kommentaren der Bürger stecken keine Ideologien, sondern persönliche Sorgen und Ängste.

 

Wer wirklich etwas verbessern möchte in unserem Land, der nimmt sich dieser Sorgen und Ängste der Mitmenschen an und begegnet ihnen mit Verständnis und Argumenten statt mit Spott und Ablehnung. Andernfalls wenden sich die besorgten Bürger vielleicht doch noch frustriert dem wahren rechten Gesindel zu, das vermeintlich Antworten anbietet. Das wollen wir doch alle nicht!

 

Mike Schmitzer, Wochenblatt-Redaktionsleiter für die Ausgaben Altötting, Mühldorf und Chiemgau/BGL.

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Autor: Mike Schmitzer

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