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27.09.2012 Traunstein

40.000 Euro Entschädigung für die Mutter

In der Klinik: Weil kein Arzt kam, starb ein Baby im Mutterleib


Mit starken Wehen lag Carmen S. stundenlang in einer inzwischen geschlossenen Privatklinik. Weil eine Nachschwester keinen Arzt holte, starb das Baby im Mutterleib. Das hatte juristische Folgen.

Christina-Marie hätte das Baby heißen sollen, das Carmen S. aus Söchtenau, Landkreis Rosenheim, vor gut dreieinhalb Jahren erwartete. Doch das Mädchen verstarb im Mutterleib - tragischerweise nur zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Noch tragischer war: Die werdende Mutter lag bereits in einer - mittlerweile geschlossenen - Privatklinik im Chiemgau. Obwohl sie wegen heftiger Schmerzen mehrmals die Nachtschwester darum bat, kam kein Arzt. Am Morgen des 14. Februar 2009 war das Baby tot. Der Fall zog einen Zivilrechtsstreit vor dem Landgericht Traunstein nach sich. (Lesen Sie hier unseren Artikel: Arztfehler: Kind starb im Mutterleib.) Die Dritte Zivilkammer mit Vorsitzendem Richter Wolfgang Müller unterbreitete dabei im Juli 2012 einen aus Sicht des Gerichts realistischen Vergleichsvorschlag über eine Entschädigung von 40.000 Euro. Diesen Vorschlag akzeptierten kürzlich alle Beteiligten, wie die Klägeranwälte, Wolfgang Müller - Richter und Anwalt haben den gleichen Namen - und Dr. Markus Frank aus Rosenheim, auf Anfrage unserer Zeitung bestätigten. Ansonsten hätte ein langwieriger, nervenaufreibender Zivilstreit der Klägerin gegen den verantwortlichen Belegarzt, seine Versicherung samt Klageerweiterung gegen früheres Klinikpersonal gedroht.

Bei der mündlichen Verhandlung im Juli kamen der 45-Jährigen bei der Erinnerung an die Ereignisse vor mehr als dreieinhalb Jahren immer wieder die Tränen. Am Vormittag des 13. Februar 2009 hatte sie mit dem Belegarzt in der Klinik den Termin für den am 16. Februar 2009 vorgesehenen Kaiserschnitt vereinbart. Unerwartete Schmerzen setzten am Nachmittag des 13. Februar 2009 ein. Der Lebensgefährte brachte die 45-Jährige, wie von der Klinik telefonisch empfohlen, schnellstmöglich ins Krankenhaus. Der Assistenzarzt untersuchte die Patientin, eine halbe Stunde später gegen 19.30 Uhr der Belegarzt. Die Rede war von „falschen Wehen“. Wegen des starken Schneefalls in jener Nacht behielten die Ärzte die Hochschwangere zur Beobachtung im Krankenhaus. In der Nacht wurden die Schmerzen, das Ziehen im Unterleib immer schlimmer. Carmen S. verlangte mehrfach nach einem Arzt. Stattdessen bekam sie von einer „unfreundlichen, überfordert wirkenden Nachtschwester“, so die Klägerin, nur zweimal eine letztlich unwirksame Tablette. Die 45-Jährige spürte zu der Zeit deutlich ihr Kind, wie sie vor Gericht schilderte: „Es hat in meinem Bauch herum gehaut. Ich konnte vor Schmerzen nicht mehr sitzen, nicht stehen, nicht liegen.“ Wieder klingelte sie der Schwester - die endlich zusagte, sich mit dem Belegarzt in Verbindung zu setzen. Der ordnete via Telefon eine Infusion an. Die Schmerzen wurden nicht besser, eher noch schlimmer. Aber das Kind bewegte sich unbestritten zu der Zeit noch im Mutterleib. In den Morgenstunden verlangte die 45-Jährige erneut nach einem Arzt.

Erst nach dem morgendlichen Personalwechsel brachte eine andere Schwester die Klägerin, die wegen heftigster Schmerzen kaum mehr gehen konnte, in ein Untersuchungszimmer mit Hebamme und Assistenzarzt. Die Schmerzen fühlten sich nach Worten der Klägerin in dem Prozess „plötzlich anders an“. Während des CTG zum Abhören der Herztöne schaute der Assistenzarzt „komisch“ und sagte: „Ich höre das Kind nicht mehr.“ Der Belegarzt war wenig später nach seiner Untersuchung „genauso schockiert“ und stellte fest: „Das Kind ist tot.“ Mittels Kaiserschnitt wurde das verstorbene Kind schnellstens aus dem Mutterleib geholt.

Der Belegarzt wohnte damals nur wenige Meter entfernt von der Klinik. Der Assistenzarzt informierte ihn nachts über „Ziehen im Unterleib“ und „Wehen“ der Patientin, nicht aber über die großen Schmerzen, wie der Beklagte vor Gericht betonte. Er ordnete damals eine Wehen hemmende Infusion und weitere Überwachung an. Erst gegen 7.30 Uhr erfuhr er, es seien keine Herztöne mehr zu hören. Er habe nichts mehr machen können. Der Belegarzt beteuerte in der Verhandlung: „Ich war fassungslos, dass das Kind verstorben war.“

Die Anwälte Wolfgang Müller und Dr. Markus Frank forderten in dem Zivilrechtsstreit 100.000 Euro Entschädigung für ihre Mandantin. Der Beklagtenanwalt, Dr. Jan Wiesener aus München, bot maximal 20.000 Euro seitens der Donau-Versicherung AG mit Sitz in Wien. In den letzten Monaten einigten sich die Klageparteien jedoch und nahmen den Vergleichsvorschlag des Gerichts in Höhe von 40 000 Euro einschließlich Schmerzensgeld, Kosten für Umbettung des Sargs und neue Beerdigung an. Damit kann Carmen S. ihren großen Wunsch verwirklichen: „Ein eigenes Grab für das Kind.“ Denn noch immer liegt der Babysarg in einem fremden Familiengrab. Die Mutter ihres Lebensgefährten hatte der damals völlig geschockten 45-jährigen Carmen S. gestattet, ihr totes Mädchen dort bestatten zu lassen.

Autor: Monika Kretzmer

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