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01.08.2012 Chiemgau / USA

Aufstieg und Fall des bayerischen Rockefellers

Meistgesuchter Mann Amerikas: Ein Chiemgauer Hochstapler


Christian Karl Gerhartsrieder ist ein Phänomen. Als Clark Rockefeller flunkerte er sich quer durch die USA bis in die höchsten Etagen der High Society. Seit 2008 sitzt er im Knast. Die Behörden ermitteln wegen Mordverdacht.

Christian Karl Gerhartsreiter aus Bergen im Chiemgau war gerade mal 17 Jahre alt, als er aufbrach, um Amerika zu erobern. Der junge Bayer landete am 16. Oktober 1978 auf dem Bostoner Flughafen und hatte von da an nichts Bessers zu tun, als sich konsequent durchs Leben zu flunkern. Der talentierte, intelligente und vor allem skrupellose Gerhartsreiter log, dass sich die Balken bogen und landete binnen  kurzem dort, wo er immer hin wollte: In den höchsten Etagen der amerikanischen High Society.

 

 

Er wechselte Identitäten, wie andere Leute ihre Socken


Seine Identitäten wechselte der Hochstapler aus dem Chiemgau dabei, wie andere Leute ihre Socken. Mal nannte er sich  Chip Chester, mal Christopher Chichester und schließlich Clark Rockefeller. Er gab sich als Mitglied des englischen Königshauses aus, als Regisseur, als Arzt oder Mathematiker. Seine größten Erfolge feierte er als Clark Rockefeller, entfernter Verwandter des großen Ölmagnaten.

 


Vor kurzem ist ein Buch erschienen, in dem man die Geschichte vom „Aufstieg und Fall eines bayerischen Hochstaplers” en detail nachlesen kann. „Der Mann, der Rockefeller war” von Mark Seal könnte als Vorlage für einen Hollywood-Film im Stile von „Catch me if you can” dienen. Könnte. Denn irgendwann scheint bei dem Chiemgauer eine Sicherung durchgebrannt zu sein. Er wurde festgenommen, als er im Juli 2008 seine Tochter entführte. 2009 wurde der  damals meistgesuchte Mann Amerikas zu mindestens sechs Jahren Haft verurteilt. Außerdem wirft man ihm vor, in den 80er Jahren ein Ehepaar getötet zu haben.

 


Doch eins nach dem anderen. Als Christian Karl Gerhartsreiter 1978 in den USA ankam, war er noch weit davon entfernt, ein Entführer zu werden. Der junge Bayer besuchte erst einmal die High School und trainierte sich einen elitären Akzent an. Um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für die USA zu bekommen, musste der Chiemgauer heiraten. Der Dame seines (eiskalten) Herzens, Janine Jersild, erzählte er eine kuriose Geschichte: Wenn er nicht in Amerka bleiben könne, dann müsse er zur deutschen Armee und an die Front. Das war – wohlgemerkt – im Jahr 1981. Statt zu hinterfragen, welche Front das denn sei, gab Jersild Gerhartsreiter ihr Ja-Wort und ging anschließend ihrer Wege.

 

 

„Frauen glaubten, dass dieser Mann ein Gottesgeschenk sei”


Bald ging der junge Chiemgauer an die kalifornische Küste, um dort als Christopher Mountbatten Chichester, Mitglied des englischen Königshauses, den Nobelort San Marino aufzumischen. Finanziert wurde er dabei von älteren Damen. Der vermeintliche englische Adelige ließ sich aushalten. „Er benahm sich einfach tadellos”, zitiert Autor Mark Seal in seinem Buch einen Zeitzeugen, der Gerhartsreiter live erlebte. „Jedes Mal, wenn er eine neue Dame kennenlernte, begrüßte er sie mit einem Handkuss. Die Frauen glaubten, dass dieser Mann ein wahres Gottesgeschenk sei.”


Das Talent Gerhartsreiters, durch seine charmante, etwas verschrobene Art Frauen den Kopf zu verdrehen, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere als Hochstapler. Bald hat „Mountbatten Chichester” von San Marino die Nase voll. Er geht nach New York und „arbeitet an der Wall Street, dem Paradies der Lügenbarone”, schreibt Martin Wittmann im Muh-Artikel „Ein Bayer tut lügen”. In den folgenden Jahren taucht der Chiemgauer Hochstapler unter verschiedenen Namen auf, erzählt Lügengeschichten und schickt sich an, in die Fußstapfen des Barons von Münchenhausen zu treten.

 

1993 lernt er dann in Boston seine spätere Frau Sandra Boss kennen. Boss ist Harvard-Absolventin und erfolgreiche Unternehmensberaterin. Trotzdem fällt die hochintelligente Frau auf Gerhartsreiters Masche herein. Er verdreht ihr den Kopf und schon bald läuten die Hochzeitsglocken. Im Mai 2001 kommt ihre gemeinsame Tochter auf die Welt.
 

 

Letzter Höhenflug in Boston

 

In Boston, der wohl blaublütigsten Stadt in ganz Amerika, erlebt Christian Karl Gerhartsreiter einen letzten Höhenflug. Er lebt vom Geld seiner Frau und arbeitet sich in der Bostoner High Society nach oben. Als (vermeintlicher) Spross der amerikanischen Millionärsdynastie gehörte er quasi hierher. Er wird Vorstandsmitglied des renommierten Boston Algonquin Clubs und tischt seiner Frau eine Lügengeschichte nach der anderen auf.

 

Erst 2007 schöpft sie Verdacht. Sie heuert einen Privatdetektiv an und lässt ihn die Geschichte ihres Mannes durchleuchten. Dann reicht sie die Scheidung ein. Rockefeller kassiert 800.000 Euro Abfindung. Seine Frau bekommt das Sorgerecht für die Tochter.

 

 

Meistgesuchter Mann Amerikas

 

2008 wird dann zum Schicksalsjahr des Hochstaplers aus dem Chiemgau: Gerhartsreiter entführt seine Tochter und wird über Nacht zum meistgesuchten Mann Amerikas. Beim Versuch, die wahre Identität des Clark Rockefeller herauszubekommen, geraten einige der besten Männer des FBI an ihre Grenzen.

 

Irgendwann stellt sich dann heraus, dass Clark Rockefeller in Wahrheit Christian Karl Gerhartsreiter heißt und aus Bayern stammt. Das FBI ermittelt in Bergen. Bald ist alles klar. Der Chiemgauer wird zu mindestens sechs Jahren Haft wegen Körperverletzung und Entführung verurteilt. Vor Gericht wird ihm eine wahnhafte Störung und eine Reihe weiterer narzistischer, größenwahnsinniger und anti-sozialer Störungen bescheinigt. Wenn sich herausstellt, dass Gerhartsreiter tatsächlich in den 80er Jahren zwei Menschen ermordet hat, könnte seine Geschichte ein richtig übles Ende bekommen. Der Mordprozess soll im September beginnen.

 

Stellt sich die Frage, wie es so weit kommen konnte? Fakt ist, dass das manipulative Talent des Bergeners in den USA auf fruchtbaren Boden stieß. Die Amerikaner wollten seine Geschichten glauben. Wenn Gerhartsreiter heute versuchen würde, als Clark Rockefeller Karriere zu machen, wäre er zum Scheitern verurteilt. Google und Co. spielen inzwischen eine zu wichtige Rolle.

 

 

Autor: Jürgen Unterhauser

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