29.10.2010 Weiden/Flossenbürg

Wissenschaftler-Konferenz zur KZ-Gedenkstätte Flossenbürg:

Datenbank aller KZ-Häftlinge geplant


Das Ziel ist anspruchsvoll: „Wir arbeiten daran, alle Häftlinge, die je in einem Konzentrationslager der Nazis waren, in einer internationalen Online-Datenbank zu erfassen“, sagt Johannes Ibel, ab Januar Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Wie sich das Internet auf dem Weg zum Ziel einsetzen lässt, hat eine hochkarätig besetzte internationale Konferenz am gestrigen Donnerstag und am heutigen Freitag in Weiden diskutiert. Angemeldet hatten sich 60 Teilnehmer aus elf Ländern, darunter Vertreter der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und des zentralen Holocaust-Museums der USA in Washington.

 
Dabei ist es Ibel gelungen, zum ersten Mal zwei Wissenschaftlerkreise in einer gemeinsamen Jahreskonferenz zusammenzuführen. Der eine ist der „Workshop zur Digitalisierung von Opferdaten der NS-Zeit“. Er besteht seit 1996 und wuchs in dieser Zeit von einer kleinen Kooperation deutscher und österreichischer Gedenkstättenmitarbeiter zu einem europaweiten Kreis von 31 Organisationen aus neun Ländern. Heute arbeiten Stellen vom Berliner Bundesarchiv über alle deutschen und polnischen KZ-Gedenkstätten, der Internationale Suchdienst und das polnische Rote Kreuz bis hin zu Gedenkstätten und Museen in Frankreich, Italien, Österreich, den Niederlanden, Norwegen, Dänemark und Spanien im Workshop zusammen. Der andere Kreis ist die „Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV“ (AGE). Die AGE fördert den EDV-Einsatz in geschichtlicher Forschung und Lehre allgemein.
 
Ibel, Mitglied beider Organisationen, erhofft sich von der gemeinsamen Konferenz vielfältige Impulse und Anregungen. „Egal ob ich altägyptische Papyri oder die Namen von KZ-Häftlingen erfasse, die technischen und methodischen Herausforderungen sind gleich“, sagt der Wissenschaftler.
 
Im Mittelpunkt der Tagung stand die Frage, wie sich die Zusammenarbeit mit Hilfe des Internets verbessern lässt. „Nehmen Sie unsere große Vision einer umfassenden Datenbank aller KZ-Häftlinge“, nennt Ibel die Kernaufgabe des „Workshops zur Digitalisierung von Opferdaten der NS-Zeit“. „Flossenbürg, Yad Vashem, das US-Holocaust-Museum und viele andere Stellen weltweit setzen ihren jeweiligen Fokus auf bestimmte Opfergruppen – jeder arbeitet mit seinen Daten und Namen von KZ-Häftlingen, die sich aber in vielen Fällen auf dieselben Personen beziehen“, sagt der Wissenschaftler. Doch nirgendwo sind alle Informationen gesammelt. „Wären alle Daten vernetzt, dann könnten alle mit demselben Informationsstand arbeiten“, beschreibt Ibel die Idealvorstellung. Was einer ändert, ist allen anderen sofort zugänglich. Regionales Spezialwissen könnte einfließen, Doppelarbeit würde vermieden, die Datenlage im Laufe der Zeit immer genauer.
 
Der Nutzen einer umfassenden NS-Opfer-Datenbank wäre vielfältig: Einzelschicksale ließen sich schneller klären, Opferzahlen noch exakter bestimmen und damit, quasi als Nebenprodukt, mehr und bessere wissenschaftlich fundierte Argumente gegen jede Form der Holocaust-Leugnung ins Feld führen. „Der Weg bis zu diesem Ideal ist noch weit“, weiß Ibel. Vielfältige Probleme sind zu lösen, nicht zuletzt Datenschutz und Schutz vor unberechtigtem Zugriff. Doch der Wissenschaftler hofft, mit der Weidener Konferenz dem Ziel wieder ein kleines Stück näher zu kommen.
 
Die Konferenz genießt so hohen Stellenwert, dass der Einladung bedeutende internationale Einrichtungen folgten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie über große Datenbestände von Opfern des Nazi-Regimes verfügen. Aus Moskau kommen Viktor Tumarkin, Electronic Archive Corporation (ELAR), und Andrey Taranov, Russisches Verteidigungsministerium, die eine zentrale Datenbank aller gefallenen und vermissten russischen Soldaten während und nach dem zweiten Weltkrieg aufbauen, eine bedeutende Opfergruppe der Konzentrationslager. „Alleine in Flossenbürg waren über 6.000 sowjetsche Kriegsgefangene interniert“, so Ibel.
Alexander Avraham aus Jerusalem, Direktor der „Hall of Names“ in der Gedenkstätte Yad Vashem, arbeitet an einer Datenbank, die Namen und Lebensgeschichte aller im Holocaust ermordeter Juden erfassen will. Über rund sechs Millionen Namensaufzeichnungen von Nazi-Opfern verfügt das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington. Von dort nimmt der IT-Spezialist Randolph Davis am Kongress teil.
Autor: pm / uh