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07.12.2012 Schwandorf

Missglückte Aktion

Altenpfleger kassiert Strafbefehl wegen Verletzung von Seniorin

Amtsgericht SAD
Foto: Wendl
Der ehemalige Mitarbeiter von Senioren-Einrichtung im Landkreis Schwandorf kassierte vor dem Amtsgericht einen Strafbefehl wegen Körperverletzung an einer 88-jährigen Heimbewohnerin.

Angesichts der alternden Bevölkerung kommt den Berufen aus dem Bereich Pflege immer größere Bedeutung zu. Und wer in dieser Branche arbeitet, trägt ein hohes Maß an Verantwortung. Wie hoch dieses tatsächlich ist, zeigte am Donnerstag eindrucksvoll eine Verhandlung vor dem Schwandorfer Amtsgericht.

 

Ein Altenpfleger aus dem Landkreis musste sich wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Schon im August hatte er dafür einen Strafbefehl über insgesamt 2.400 Euro kassiert – doch weil er sich unschuldig fühlte, ging er dagegen vor und wollte nun einen Freispruch erkämpfen.

 

Was war passiert? Vom 28. auf den 29. Dezember 2011 hatte er Dienst in einer Wackersdorfer Senioren-Einrichtung, er war dabei alleine für das nächtliche Wohlergehen von knapp 60 Bewohnern zuständig. Gegen 22 Uhr betätigte eine damals 88-jährige Frau die Alarm-Klingel, da sie auf die Toilette musste. Als der Pfleger die Seniorin ins Bad bringen wollte, ereignete sich die ihm vorgehaltene Körperverletzung.

 

Er habe der auf dem Bett sitzenden Bewohnerin die Schuhe anziehen wollen und sei zu diesem Zweck vor ihr gekniet, führte der Mann vor Gericht aus. Dabei sei die Frau unvermittelt nach vorne gekippt. Um einen Sturz zu verhindern, habe er sie mit beiden Händen zurück ins Bett gedrückt.

 

Dann nahm das Unheil seinen Lauf: Weil die Seniorin am Hals blutete, wollte sie der Pfleger verbinden. Und weil sich die Frau wehrte, ihn beschimpfte, boxte und sogar bespuckte, hielt er dabei ihre Arme fest. Bilanz: Zahlreiche Blutergüsse und Riss-/Quetschwunden an den Armen sowie im Gesicht der alten Frau, die deshalb sogar genäht werden und eine Nacht im Schwandorfer Krankenhaus verbringen musste.

 

Vor Gericht rechtfertigte der Mann sein Vorgehen. Die blutende Hals-Wunde sei wohl entstanden, als er die Bewohnerin zurück ins Bett gedrückt und sie dabei offenbar mit seiner Uhr gekratzt habe, argumentierte er. Danach sei es ihm nur noch darum gegangen, die Blutung so schnell wie nur möglich zu stillen. „Am Hals laufen wichtige Blutgefäße, das ist ja nicht zu unterschätzen“, meinte er.

 

Doch genau in diesem Punkt widersprach ihm der von der Universität Erlangen nach Schwandorf beorderte Gutachter: „Da kann doch nichts Schlimmes passieren“, entgegnete dieser und warf dem Pfleger „Aktionismus“ vor. Wäre nämlich die Halsschlagader betroffen gewesen, hätte das Blut in Fontänen gespritzt – da es sich in diesem Fall jedoch um eine harmlose Wunde gehandelt habe, hätte der Pfleger mit dem Verbinden warten müssen, bis sich die Seniorin beruhigt.

 

So wären ihr auch die Verletzungen an den Armen erspart geblieben, deren Zustandekommen der Gutachter und auch der behandelnde Arzt aus Steinberg für nachvollziehbar hielten: Aufgrund der extrem empfindlichen und leicht einreißenden „Pergament-Haut“ der alten Frau habe das Festhalten beim Verbinden zu den Blutergüssen und Wunden geführt, waren sich die Mediziner einig.

 

Die Herkunft der symmetrischen „Griffverletzungen“ an Hals und Kiefer konnte sich der Gutachter jedoch nicht erklären – zumindest nicht anhand des Ablaufs, wie ihn der Angeklagte schilderte. Staatsanwältin und Richterin sahen folglich nicht nur den Tatbestand der fahrlässigen, sondern sogar den der vorsätzlichen Körperverletzung erfüllt. Sie legten dem Pfleger daher nahe, seinen Einspruch zurückzunehmen und den ursprünglichen Strafbefehl zu akzeptieren.

 

Nach kurzer Bedenkzeit willigte er zähneknirschend ein; ob die Verletzungen der Seniorin damals tatsächlich auf seine missglückte „Auffang-Aktion“ zurückgingen oder ob doch mehr passiert ist, weiß nur er.

Autor: Rainer Wendl

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