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30.08.2012 Rottal-Inn

Geheime Gelüste der Rottaler

Fesseln, Schläge – und Beichte!

BDSM-Geräte
Foto: Privat
Auch im Landkreis gibt es BDSM-Anhänger, die sich regelmäßig mit Gleichgesinnten treffen – Bestseller „Shades of Grey" steigert Interesse an BDSM-Praktiken

Auf den ersten Blick wirkt der Kellerraum wie eine „Folterkammer“: ein Andreaskreuz“, auf dem Menschen mit Handmanschetten festgebunden werden; Handschellen, Ketten, diverse Schlaggeräte, dazwischen ein ... Teppichklopfer!

 


Tatsächlich sagen Adam, seine Frau Eva (Namen geändert) und ihre gleichgesinnten Freunde: „Wir gehen zum Lachen in den Keller!“ Denn das, was sie im Keller machen, verschafft ihnen Lust. Und bei den Treffen erzählt und lacht man gemeinsam über die „Unfälle“, die schon mal passieren beim Ausleben ihrer erotischen Fantasien.

 


Adam und seine Frau sind praktizierende „BDSMler“, sie treffen sich regelmäßig in privatem Rahmen mit rund 20 bis 30 Männern und Frauen, Paaren wie Singles, aus den Landkreisen Passau, Rottal-Inn und Landshut.

 


Adam, Mittvierziger, ist seit 1987 in der BDSM-Szene – „und ich entdecke immer noch Neues!“ Er brachte seine Frau (Anfang 40), zu BDSM, beide lieben Latex-Kleidung, zeigen ihre sexuellen Präferenzen aber nicht in aller Öffentlichkeit.
Sie haben Kinder, wollen deshalb nicht ihre wirklichen Namen nennen. Viele Menschen reagieren mit Unverständnis, nicht selten gibt es berufliche Konsequenzen, wenn die BDSM-Neigung bekannt wird.

 


Das Bild von BDSM in der Öffentlichkeit ist geprägt von bizarren Kostümen und Peitschen schwingenden Dominas. Laut dem Magazin Focus gibt es in Deutschland 200 professionelle Dominas.
Für den im Rottal lebenden Adam sind Dominas „professionelle Damen, die davon leben, dass sie eine Dienstleistung erbringen, für Personen, die keinen Partner finden oder mit ihrem eigenen Partnerin nicht darüber reden können und / oder es dem Partner vermeintlich nicht zumuten wollen“. Pop-Stars wie Madonna oder Lady Gaga haben Latex-Kostüme und andere BDSM-Accessoires bekannt gemacht.

 


Adam und seine Frau leben ihre weitgefächerten Neigungen „sehr oft aus – ohne Fremde damit zu konfrontieren“! Innerhalb sadomasochistischer Beziehungen, zwischen Dom (dominanter Person) und Sub (untergebener Person) gilt: Es geht nur so weit, wie es der „Sub“ zulässt. So genannte „Safewords“, Codewörter, die das sofortige Aus eines Rollenspiels / einer SM-Aktion bedeuten, wären laut dem Rottaler in erfahrenen Beziehungen gar nicht nötig.

 


„Safewords“ und sadomasochistische Fantasien sind seit dem weltweiten Erfolg von „50 Shades of Grey“ aktuell in aller Munde. In Amerika verkauften sich die Romane über 15 Mio.-mal, auch in Deutschland stehen sie seit Ende Juli auf den Bestsellerlisten; die Titel führten weltweit zu Rekordzahlen bei den E-Book-Verkäufen.
„Hausfrauen-Fantasien, nett geschrieben“ findet Adam. „Aber mit uns hat das nichts zu tun!“

 


In all den Beziehungen geht es um Vertrauen, darum, sich fallen lassen zu können. Und so sexuelle Erfahrungen zu machen, wie man sie bis dato nicht gekannt hätte.
Adam: „Die meisten Frauen sind in sexueller Hinsicht sehr eng erzogen. Hinlegen und über sicher ergehen lassen, alles andere ist schmutzig. Zu unseren Treffen kam eine Geschäftsfrau, die so Sex 40 Jahre lang mit ihrem Mann erfahren hatte. Mit 60 Jahren erlebte sie, wie sie ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen kann.“

 


Dass viele Menschen ihre Neigungen als „pervers“ oder gar „krank“ betrachteten, darüber kann Adam lachen: „Jedem ist – mehr oder weniger – die Veranlagung gegeben; die einen sind mehr dominant und die anderen eben ein bisschen devoter.
In einem Raum mit fünf Menschen hat durchschnittlich einer einen Fetisch; viele gestehen es sich nicht ein oder leben es unbewusst aus: große oder kleine Brüste, nur ganz dicke oder nur ganz dünne Partner, nur Sex im Bett – alles Fetische!“

 


Und die Spielarten von BDSM seien so breit gefächert: von der härteren Gangart, bei der Menschen Lust aus Schmerz gewinnen, bis zum Liebesspiel mit einer Feder! Allein schon, beim „Blümchen-Sex“ die Augen zu verbinden, bringe für viele eine Luststeigerung.
Bizarr mutet die Auflistung der „Spielgeräte“ im Keller dennoch an: Neben oben beschriebenen Instrumenten sind ein Krankenbett wie auch ein gynäkologischer Stuhl zu finden, sogar ein mobiler Beichtstuhl für Rollenspiele, dazu ein Thron für selbigen Zweck.

 


Bei den regelmäßigen Treffen im Landkreis Rottal-Inn ist laut Adam vieles erlaubt – solange die Beteiligten einverstanden sind.
„Manche wollen alleine im Keller sein, andere nur zu zweit, wieder andere mit mehreren Paaren. Und manchmal sind dabei auch Zuschauer erwünscht.“

 


Bizarr, exotisch und ein bisschen verrucht: Vielleicht die Mischung, die auch den Erfolg der „Shades of Grey“-Bücher ausmacht!
Egal ob im Rottal, im Passauer oder Landshuter Land: Es gelten laut Adam immer die allgemeinen Regeln der Szene: „Sicher, einvernehmlich und mit gesundem Menschenverstand!“

 

 

 

 

 

 

 

Info: BDSM
Der Begriff BDSM, der sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“ zusammensetzt, umschreibt eine sehr vielgestaltige Gruppe von meist sexuellen Verhaltensweisen, die unter anderem mit Dominanz und Unterwerfung, spielerischer Bestrafung sowie Lustschmerz oder Fesselungsspielen in Zusammenhang stehen können. Die grundlegende Basis für die Ausübung von BDSM ist, dass es prinzipiell von mündigen Partnern, freiwillig und in gegenseitigem Einverständnis in einem sicheren Maße praktiziert wird. (Quelle: Wikipedia) – 3 bis 5 Prozent der Deutschen sind nach Schätzungen SMler, 45 Prozent hätten regelmäßig Fantasien mit erotischen Spielen härterer Gangart. In Amsterdam ist das gegenseitige Fesseln feuerpolizeilich verboten. (Quelle: Focus)

Autor: Fritz Greiler