Viel frisches Blut:
Zäsur, Neuanfang oder Chance am Theater Regensburg?

Tags drauf wiegelte er jegliche Kritik am harschen Neuanfang am Stadttheater Regensburg via Exklusivinterview mit der Tageszeitung ab: Klar, sogar jeder kleine Chorsänger wurde gefragt, ob er bleiben möchte. Die Realität sieht indes anders aus, aber so ist das nunmal: Die Welt des Theaters, sie ist flüchtig. Was aber erwartet die Regensburger? Kann man das jetzt schon sagen? Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Neundorff hätte ein Problem, wäre er in der Provinz gelandet. Das spürt man förmlich. Der Mann, der von der Staatsoper Braunschweig in den Intendantenjob kommt, will weitaus mehr als nur erster Mann in einem Provinztheater sein.
Um den Messias sitzen sie also, die Jünger, die er mitgebracht hat: Und da sprüht es, das muss man schon zugeben, förmlich vor Kreativität. Das sollen neue Namen für die Sparten ebenso zeigen wie ein neues Layout, man hat sich einen Designer genommen, der das verstaubte Markenzeichen des Theaters aufgepeppt hat. So wurde aus dem Kinder- und Jugendtheater gleich mal „Junges Theater“, und die neue Leiterin Eva Veiders ist eine energiesprühende junge Frau, in deren Adern merklich Theaterblut fließt. Da wird aus „Heidi“ ein Stück über Vorurteile, „Junges Theater“ will mehr sein als nur die Kindersparte.
Ein tiefer Schnitt ist auch die Berufung von Schauspielleiterin Stephanie Junge. Sie wird nicht selbst inszenieren, wohl aber viele kreative Regisseure nach Regensburg locken. Es ist offensichtlich, dass Junge Neundorffs wichtigste Berufung ans Theater ist. Junges Schauspiel-Programm eröffnet mit „Shokheaded Peter“, einer „Junk-Opera“ nach Struwwelpeter, mutig, mutig.
Musiktheater
Neundorff selbst übernimmt die Sparte Musiktheater, da kommt er her, das hat er auch am Staatstheater Braunschweig gemacht. Er hat Außergewöhnliches im Petto: Brigitte Fassbaender etwa wird „Katja Kabanova“ inszenieren, kennen gelernt hatte sie Neundorff bei der Inszenierung des „Weißen Rössels“ mit Fürstin Gloria als Kaiserin bei den Schlossfestspielen. „Sie kommt, weil sie Lust darauf hat“, sagt Neundorff und spielt darauf an, dass man in Regensburg eben keine Weltruhm-Gagen zahlen kann. Neundorff eröffnet mit „Der neue Orpheus“ von Kurt Weill in Kontrast zu Christoph Willibald Glucks „Orpheus und Eurydike“. Da wird endlich auch mal ein SZ-Feuilleton-Artikel rausspringen, da kann man sicher sein.
„Theater Regensburg tanzt“
Sorgenkind ist der Tanz. Warum um alles in der Welt nennt Neundorff zusammen mit dem neuen Leiter Yuki Mora die Sparte jetzt „Theater Regensburg tanzt“? Neundorff nennt an diesem Tag nur den Namen Olaf Schmidts respektvoll. Er wisse, dass Schmidt hier großes geleistet habe, er wisse auch, dass er kein Tütü-Ballett präsentierte. Doch Mori und er wollen das Ballett wohl gänzlich von jeglicher klassischen Wurzel lösen, ein gewagtes Unterfangen. Das Regensburger Ballett hat seine Wurzeln eben auch bei Frahm und Gössler, Schmidt schuf eine überaus grandiose Symbiose aus klassischem Tanz und modernsten Interpretationen. Was will Mori? Was Neundorff? „Das Regensburger Ballett soll ein Sprungbrett werden.“ Aha. Warum eigentlich? Nun, man wird sehen.
Die Zäsur, sie dürfte hart werden, damit aber auch klar, ein sauberer Schnitt. Warf man Weil manchmal zu viel „Rosenkavalier“ vor, darf Neundorff von Enzberg nicht vergessen, dass er in Regensburg nur bedingt mondäne Kunst auf die Bühne bringen kann. Aber: Das Regensburger Publikum ist seit jeher offen, experimentierfreudig, leicht zu unterschätzen. Man darf gespannt sein, Neundorffs letztes Abendmahl ist vielleicht der Auftakt zu etwas wirklich Großem.
Den kompletten Spielplan gibt es natürlich bei uns im Internet.
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