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13.12.2012 Regensburg/Neuburg

Eine Kindheit voller Schrecken:

Mahmoud Al-Khatib ... von einem, der acht Jahre in der Asylbewerberunterkunft lebte

Mahmoud Al-Khatib
Foto: Löster/Bayern-SPD
Er ist jung, er ist dynamisch – und für manche ist er der "Vorzeigeasylant". Letzteres aber hört Mahmoud Al-Khatib, Personalleiter der Universität Regensburg, gar nicht so gerne. In der katholischen Hochschulgemeinde (KHG) nimmt der 38-Jährige am Montag, 10. Dezember, kein Blatt vor den Mund.

1978 kam Al-Khatib als Dreijähriger mit seinen Eltern und den Geschwistern als Asylbewerber aus dem Libanon nach Deutschland. An die letzte Szene erinnert sich Al-Khatib noch ganz genau: Er stand auf der Rückbank des Autos, mit dem sie fliehen wollten, zum Sitzen war nicht mehr genug Platz. Der Dreijährige sah nach hinten aus dem Fenster, das Letzte, was er sah, war eine Granate, die in das Elternhaus einschlug und es zerstörte. So traumatisiert kam Al-Khatib zunächst in Berlin an, in Zirndorf kam er dann in der Asylbewerberunterkunft an, ehe es nach Neuburg an der Donau ging. Dort verbrachte er dann acht Jahre, seine Kindheit, wie er sagt, in der Gemeinschaftsunterkunft.

 

Erinnerungen an die Zeit im Asylbewerberheim

Al-Khatib hat unterschiedliche Erinnerungen, wenn er an die Zeit zurückdenkt: Zum einen ist da die Dankbarkeit, in Sicherheit zu sein, in einem Land zu sein, in dem es keinen Krieg gibt, "in dem keine Bomben vom Himmel fallen". Und dann bekam die Familie aber auch zu spüren, dass man sie in Deutschland eigentlich gar nicht haben will. Dies sei meist von Behörden ausgegangen, sagt Al-Khatib, unter den Menschen in Neuburg habe es doch auch viele gegeben, die den Asylbewerbern offen gegenübergetreten sind. Und am schönsten, sagt Al-Khatib und lächelt, waren die Weihnachtsfeiern am Descartes-Gymnasium in Neuburg. Dort nämlich waren die Asylbewerber eingeladen, es gab Tee und Plätzchen. Und Geschenke für die Kinder, die die Gymnasiasten gespendet hatten. "Diese Erinnerung lässt mich heute noch lächeln", sagt Al-Khatib. "Es war wunderschön! Diese Weihnachtsfeiern werde ich nie vergessen!"

 

"Es geht nicht ums Geld!"

Heute ist Al-Khatib Jurist, war zunächst als Wirtschaftsanwalt tätig und ging dann in den öffentlichen Dienst. Am Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen war er Leiter der Abteilung "Soziale Angelegenheiten" und somit unter anderem für das Ausländerrecht zuständig. Und seit Jahresbeginn ist er Personalchef der Uni Regensburg. Als Quereinsteiger in die Politik berät er den SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude im Wahlkampf. Und das tut er nicht um Karriere zu machen, sondern weil er ein Idealist ist. Idealismus sei das, was ihn antreibe. "Es geht nicht ums Geld, Geld ist nicht wichtig für mich!" Und auch das, wie so vieles, was Al-Khatib erzählt, liegt wohl auch an seiner Geschichte. Die Flucht aus dem Libanon gelang der Familie nur mit dem, was sie am Leib trugen. Geburtsurkunden, persönliche Gegenstände oder auch familiäre Erinnerungsstücke – alles musste man im Libanon zurücklassen, all das wurde zerstört.

 

Idealismus und Politik

Doch kann man mit Idealismus wirklich Politik machen? Das fragen sich auch die Gäste bei der Gesprächsrunde am Montag. Funktioniert das? Droht hier nicht das Scheitern? Mahmoud Al-Khatib ist ein Idealist, das merkt man auch bei dem Gespräch. Doch er hat genaue Ziele, an denen er sich messen lassen will, jeden Tag aufs Neue – und auch 2017, wenn er dann fünf Jahre lang Integrationsberater von Christian Ude war. Die Reformierung der Asylgesetzgebung, eine bessere Durchlässigkeit des Schulsystems und damit auch mehr Chancen für Migranten – das möchte Al-Khatib erreichen. "Und Sie dürfen mich in fünf Jahren daran messen, was ich davon geschafft habe", sagt er.

 

"Testfall Integration"

Und: Er lässt sich nicht verbiegen und schon gar nicht instrumentalisieren. Dann würde er sofort einen Cut machen, denn das entspräche nicht seinem Selbstverständnis und seinem Verständnis von Glaubwürdigkeit. Und damit ist Mahmoud Al-Khatib wieder beim Thema des Abends angekommen: "Testfall Integration – Glaubwürdigkeit in der Politik". Seinen eigenen "Testfall Integration", den hat Mahmoud Al-Khatib bestanden, er hat sich in Deutschland aus dem Nichts heraus etabliert.

Autor: Ursula Hildebrand