16.04.2017 Regensburg

Papst

Fürstin Gloria und Prälat Wachter: ,Man hat bei Papst Benedikt das Haar in der Suppe gesucht'

Fürstin Gloria von Thurn und Taxis mit Prälat Heinrich Wachter.
Foto: Eckl
Papst Benedikt XVI. wird am heutigen Ostersonntag 90 Jahre alt. Wir sprachen mit zwei Wegbegleitern des ersten Papstes der Neuzeit, der zurückgetreten ist, über sein Pontifikat – und die Zeit danach.

Wochenblatt: Liebe Fürstin, lieber Prälat, was haben Sie empfunden, als Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. gewählt wurde?
Fürstin Gloria: Mein Sohn Albert ging in Rom zur Schule und für mich war es fast Pflicht, als Neu-Römerin an den hohen Feiertagen in St. Peter zu gehen. Ich habe Kardinal Ratzinger dort immer wieder getroffen. Natürlich habe ich die Krankheit und den Tod von Johannes Paul II. verfolgt. Uns war es wichtig, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Don Georg Gänswein brachte meinen Sohn zu Johannes Paul II. und verabschiedeten sich vom verstorbenen Papst. Kein Mensch spekulierte damals, dass Joseph Ratzinger Papst werden könnte, aber meine Freundin Principessa Alessandra Borghese und ich, wir sagten damals: Das muss so sein, dass er Papst wird. Wir haben gejubelt!
Prälat Wachter: Wir haben natürlich auch gejubelt. Wir waren uns immer einig, Papst Benedikt und ich, solange wir bekannt waren miteinander. Nur über seinen Rücktritt waren wir verschiedener Meinung, das habe ich ihm auch mehrfach gesagt.
Wie reagiert er darauf?
Prälat Wachter: Da weicht er aus.

Papst Franziskus hat sich kürzlich mit führenden Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland getroffen. Man hat den Eindruck, die Kirche Benedikts steht für Tradition, für die roten Schuhe, die er wieder auftrug und für den Camauro, die rote Samtmütze. Blutet Ihnen da das Herz?
Prälat Wachter: Ja. Benedikt wird immer mehr in die Ecke geschoben mit seiner Haltung und seinen Vorstellungen. Krass ist das. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er überhaupt noch ruhig schlafen kann.
Fürstin Gloria: Wie ungerecht einen die Welt beurteilt, dem gedenken wir Katholiken am Karfreitag. Je anständiger jemand ist, desto ungerechter wird er oft behandelt. Es ist jammerschade, dass Joseph Ratzinger sowohl in seiner Zeit des Pontifikats, als auch als Glaubenspräfekt nicht entsprechend gewürdigt wurde. Allerdings muss man sagen: Es kann ja sein, dass ihn die Geschichte in ein paar hundert Jahren ganz anders bewertet. Too early to tell, würde ich sagen!

Ist in der Bewertung auch ein großer Unterschied zwischen Benedikt und Franziskus?
Fürstin Gloria: Ich würde sagen, Franziskus hat begriffen, wie wichtig gute PR ist. Wir in Regensburg haben eben gedacht, wir haben das nicht nötig. Regensburg ist so wichtig von sich aus, wie brauchen das alles nicht. Franziskus ist ein absoluter PR-Mann. Er weiß, die Hälfte der Christen sind Protestanten und die finden ihn auch alle toll. Ich frage mich nur, wie viele konvertieren wegen ihm. Aber: Toll finden ihn alle!

 

Was ist dann das Ziel? Dass die Protestanten und die Katholiken wieder fusionieren?
Fürstin Gloria: Wir Katholiken haben in die DNA eingeschrieben, dass wir die Protestanten wieder nach Hause holen wollen. Das führte dazu, dass wir den Protestanten die letzten 60 Jahren viel weiter entgegengekommen sind als beispielsweise den Orthodoxen. Wir laufen den Protestanten nach, obwohl wir mit den Orthodoxen viel mehr gemeinsam haben.
Prälat Wachter: Die Orthodoxen beweisen mehr Charakter, sie haben aufgrund der Differenzen alle Kontakte zu den Protestanten gekündigt. Bei den Katholiken kann man keine so deutliche Abwendung feststellen.
Fürstin Gloria: Weil wir eben Hoffnung haben! Bei uns ist es wie bei Eltern, deren Kinder weglaufen. Man kann natürlich fragen, ob das die richtige Therapie ist, das Kind auf diese Weise zurückholen zu wollen. In der modernen Pädagogik spricht man von ,Tough Love‘, nach dem Motto: Man muss auch mal die harte Hand zeigen können. Wir wollen nichts sehnlicher, mit den Evangelischen wieder zusammen zu sein, die Evangelischen wollen das aber nicht: Die wollen uns evangelisch machen.
Prälat Wachter: Die Protestanten haben ganz andere Ziele als wir, das muss man mal zur Kenntnis nehmen.
Fürstin Gloria: Die Lutheraner sind uns noch näher. Ich sag manchmal im Scherz, die Lutheraner sind katholischer als wir Katholiken! Für die Lutheraner ist die Realpräsenz Christi im Abendmahl selbst verständlich. Gehen Sie heute mal in eine Vorlesung an der Uni Regensburg, in der einst auch Joseph Ratzinger gelehrt hat. Da hat man die Realpräsenz Christi in der Eucharistie doch längst aufgegeben!

 

In Regensburg hat Papst Benedikt 2006 eine Rede gehalten, in der er den Islam durch ein Zitat eines byzantinischen Kaisers zitierte. Das führte zu Protesten, aber auch zu Gewalt. Hat Benedikt hier einen Fehler gemacht mit dieser Rede?
Fürstin Gloria: Man hatte Joseph Ratzinger schon als Kardinal auf dem Kieker gehabt. Er war als Glaubenspräfekt als Rechtsaußen verschrieen, was ja totaler Quatsch ist. Benedikt ist ein absolut offener Theologe und mitnichten ein Hardliner.
Prälat Wachter: Absolut richtig!
Fürstin Gloria: Bei der Regensburger Rede ist doch bemerkenswert, dass alle absolut begeistert waren zunächst. Dann hat sich jemand vom Schreibtisch aus die Mühe gemacht, das Haar in der Suppe zu finden. Das war bei ihm immer so. Warum? Weil er von Anfang an offen gegen die Abtreibung war. Das große Thema in Deutschland war das Thema Abtreibung und die staatliche Förderung der kirchlichen Institutionen, die sich an der Abtreibung mit schuldig gemacht haben. Man hat das ja rekonstruiert: Kardinal Ratzinger hatte Papst Johannes Paul II. dazu gedrängt, aus der Schwangerenkonfliktberatung in Deutschland auszusteigen. Da ist er in Ungnade gefallen.

Aber die Skandale gingen ja weiter. Zuletzt Vatileaks, eine Affäre, in der vom Schreibtisch des Papstes Papiere gestohlen wurden.
Prälat Wachter: Das ist dem jetzigen Papst auch passiert, eine Beraterin sitzt im Gefängnis dafür. Das wurde aber alles von den Medien nicht aufgegriffen und daran merkt man doch wieder, wie unterschiedlich die beiden Päpste behandelt werden. Dass Franziskus da falsche Personalpolitik betrieben hat, kommt gar nicht zur Sprache.
Fürstin Gloria: Franziskus lässt man in Ruhe, bei Benedikt hat man eben immer gesucht. Man hat Leute angesetzt, um bei Benedikt am Nachtkastel zu suchen. Hat man etwas gefunden? Nein! Benedikt muss eine enorme Undankbarkeit spüren.

 

Warum passiert Franziskus das nicht?
Prälat Wachter: Papst Franziskus lässt doch immer alles offen und legt sich nicht fest. Er spricht viele Themen an, trifft dann aber keine Entscheidungen.

 

Sein Nachfolger wird oft mit Benedikt verglichen. Glauben Sie, hätte es Entscheidungen mit Benedikt gegeben, wonach die Ortskirche entscheiden kann, ob man wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zulässt?
Fürstin Gloria: Das Ungerechte daran ist doch, dass die Ortspriester noch mehr Arbeit bekommen, als sie ohnehin schon haben. Eigentlich kann jeder Bischof Ehen annullieren, aber die haben natürlich selten Zeit und Lust, sich mit Ehepaaren auseinanderzusetzen. Also wird das nach unten an die ohnehin schon überlasteten Pfarrer geschoben. Man muss das aber auch pragmatisch betrachten: Es gibt doch ohnehin nicht so viele, die das überhaupt interessiert, ob sie zur Kommunion können oder nicht.

 

Wenn Sie die historische Leistung Benedikts zusammenfassen sollten, welche wäre das?
Prälat Wachter: Dass er die Kirche nicht vom Weg abbrachte, sondern die Kontinuität beibehielt. Er hat nichts getan, was die Kirche verunsichert, anders als das heute der Fall ist. Unter ihm wusste man, für was die Kirche stand, das weiß man heute nicht mehr.
Fürstin Gloria: Sein bleibendes Verdienst ist für mich die Wiederzulassung des Messbuchs von 1962. Dadurch erinnern wir uns an die große Tradition der Kirche und es ist etwas grunddemokratisches, wenn man auch die Toten mitbestimmen lässt über die Gegenwart. Leider wird aber auch die Abdankung übrig bleiben.
Wird auch Franziskus abdanken?
Fürstin Gloria: Auf gar keinen Fall!
Prälat Wachter: Das glaube ich, ja. Das hat er ja schon ein paarmal gesagt. Der bringt jetzt alles durcheinander, dann tritt er auch zurück.
Fürstin Gloria: Es bleibt jedenfalls spannend!

Autor: Christian Eckl

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