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08.09.2010 Regensburg

Eine CSU-Stadträtin und ein Polizist über die umstrittenen Thesen

„Sarrazin spricht Ängste aus”


Im Zuge der Diskussion hat es der frühere Regensburger Ismail Tipi ins Nachrichtenmagazin „Der Spiegel” geschafft. Er gilt als ein Musterbeispiel gelungener Integration.

Tipi kam als 13jähriger aus der Türkei nach Regensburg. Hier ging er zur Schule, erste journalistische Gehversuche unternahm er beim Regensburger Wochenblatt als Sportreporter. Heute ist Tippi nicht nur ein Musterbeispiel funktionierender Integration, sitzt als erster Abgeordneter der Union im Landtag Hessens – der Spiegel berichtet seinen „Fall”, um zu zeigen, wie Integration funktionieren kann, und zwar jenseits der Sarrazin-Debatte.

Tipis Eltern haben es ihrem Sohn leicht gemacht: Sie zogen in einen Regensburger Vorort, wo er unter Deutschen lebte, Fußball spielte, in eine Klasse ging, in der er der einzige Schüler mit Migrationshintergrund war. Tipi machte Karriere – und Regensburg kann stolz darauf sein, dass seine Karriere bei uns begann.

Kürzlich berichtete das Wochenblatt auch über eine Studie des sinus-Instituts, wonach Regensburg nach München und Heidelberg bundesweit (!) an dritter Stelle bei der Integration von Ausländern steht. Ist bei uns also alles gut? 

Das gängige Vorurteil, wonach Ausländer deutlich öfter kriminell werden, kann die Polizei in Regensburg nicht bestätigen. Josef Rudingsdorfer ist Vorsitzender des Bundes der deutschen Kriminalbeamten in der Region. Er sagt: „Meine Kollegen hier in Regensburg bestätigen mir, dass es keine Auffälligkeiten gibt, was Ausländer anbelangt. 
Einzig bei Russlanddeutschen stellen wir Probleme mit Drogen fest, die oft mit Ghettobildung einher geht”, so Rudingsdorfer. Doch sonst sind die Probleme in Regensburg gering.

Problembewusstsein hat dagegen CSU-Stadträtin Bernadette Dechant.  „Wir haben 90 Prozent Ausländeranteil in unseren Grundschul-Klassen, natürlich gibt es da auch Probleme bei 36 Nationen, die bei uns im Hohen Kreuz zusammen leben”. Doch in der Grundschule funktioniere das Zusammenleben hervorragend – auch wegen der Eingliederungsklassen für Kinder, die kein Deutsch sprechen.

„Die Probleme beginnen bei den Jugendlichen, wenn sie keine Lehrstelle finden”. Auch die kulturelle Kluft macht Dechant – eine gestandene Frau – oft Probleme. „Es ist ganz schön gewöhnungsbedürftig, dass bei unseren muslimischen Freunden Frauen und Männer auf Veranstaltungen getrennt sitzen”. Doch Dechant erinnert auch daran, wie hart sich hierzulande Frauen Rechte erkämpfen mussten. „Das fiel ja auch nicht vom Himmel”.

Ungewöhnlich aufgeschlossen spricht Dechant über das Buch von Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab”. Dem Bundesbanker hat man undifferenzierte, ausländerfeindliche Pauschalurteile vorgeworfen. Dechant: „Er spricht die Angst vor dem Unbekannten an, die viele von uns haben. Das ist nichts Schlechtes oder Negatives, sondern etwas, über das wir sprechen müssen”.
Autor: Christian Eckl
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